„Oper geht nur international“

22.02.2016 Von: Ebru Taşdemir

Kinderchor der Komischen Oper | © Gunnar Geller

Ein Gespräch mit André Kraft, Leiter der Abteilung Kommunikation und Marketing an der Komischen Oper Berlin und Mustafa Akça, Leiter des Projekts „Selam Opera!“ – Das interkulturelle Projekt der Komischen Oper Berlin.

Herr Akça, „Selam Opera!“ heißt übersetzt „Hallo Oper!“ und ist Ihr Baby. Was gehört in dem Zusammenhang in Ihren Aufgabenbereich?

Mustafa Akça: Das „Baby“ unters Volk zu bringen. Ich bin eine Art Schnittstelle zwischen außen und innen, indem ich Ideen und Konzepte zur Vermittlung von Musiktheater für eine sich wandelnde Stadtgesellschaft entwickle und produziere. In unserem Kinderchor haben mittlerweile ein Drittel der Kinder Einwanderungsgeschichte. Die Untertitel in den Opernaufführungen sind Deutsch, Englisch, Französisch und Türkisch. Unser Operndolmuş fährt mit Musikerinnen und Musikern der Komischen Oper in Berlin an viele verschiedene Orte, um unsere Arbeit und Werke vorzustellen. Nach innen ist meine Funktion die, dass ich den Blick der Mitarbeiter*innen erweitere, indem wir Diversity-Trainings und Türkischkurse anbieten. Übrigens handelt es sich bei dem „Baby“ um ein Projekt, das schon in der Vergangenheit viele Mütter u. Väter hatte.

Achten Sie bei der Zusammensetzung in Ihrem Team darauf, dass es mehrkulturelle Menschen sind, die die Bevölkerung Berlins spiegeln?

André Kraft: Das ist eine Frage von Wunsch und Realität: Wenn Sie eine Stelle im Kulturbereich ausschreiben, bewerben sich zu 99 Prozent Frauen. Insofern ist die Wahrscheinlichkeit relativ groß, dass die Stelle von einer Frau besetzt wird. Ich versuche, möglichst viele verschiedene Facetten in meinem Team abzudecken - was die Altersstruktur betrifft, die Mischung zwischen Männern und Frauen, ob die Person opernaffin oder nicht-opernaffin ist. Aber es ist nicht so, dass ich bei der Wahl von Herrn Akça gesagt habe: Ich brauche jetzt unbedingt einen Migranten.

Aber Mustafa Akça wurde doch bewusst als Migrant geholt.

André Kraft: Wir haben unseren „Vorzeigetürken“ Mustafa, das sage ich jetzt ein bisschen salopp. Wenn man sich mit der Frage „Wie geht man auf die Deutschtürken in Berlin zu?“ beschäftigt, dann macht es Sinn, mit jemandem zusammen zu arbeiten, der in dem Bereich Erfahrung hat. Dennoch: Wenn Mustafa kein Deutschtürke wäre, hätte er den Job trotzdem. Er macht ihn, weil er den Job gut kann.

Wie divers ist denn die Komische Oper?

André Kraft: Wir sind ja per se sehr international aufgestellt. Schon bevor es Diversity gab, waren Opernhäuser sehr divers, weil man Musiker*innen und Sänger*innen aus der ganzen Welt beschäftigte. Unser Intendant Barrie Kosky ist ein australischer schwuler Jude, der in Deutschland lebt. Diversity ist dem System Oper immanent.

Aber bildet das System Oper nicht nur eine bestimmte Klasse der Gesellschaft ab? Wo sind die Menschen aus ärmeren Schichten oder aus der Arbeiterschicht im Bereich der Hochkultur?

André Kraft: Was das Personal angeht - vom Bühnentechniker bis zu den Leuten im Büro - so bildet es alle Schichten ab. Bei den Zuschauern gibt es keine Klassendurchmischung. Es ist nicht so, dass wir den Arbeitern den Zutritt verwehren. Es liegt am Interesse, an der kulturellen Vorbildung. Dagegen versuchen wir schon lange anzugehen. Natürlich gibt es Eltern, die ihr Kind ermutigen, ein Instrument zu lernen oder im Chor zu singen. Aber es gibt auch Kinder, egal welcher Herkunft, die einen unserer Workshops erlebt haben und mitmachen wollen. Und ich finde es toll, dass in unserem Kinderchor jetzt Kids mit türkischem, kurdischem und arabischem Hintergrund sind - nachdem wir sie gezielt angesprochen haben.

Wie schafft man es, die Einladung an Menschen auszusprechen, die die Affinität zur Oper nicht durch das Elternhaus mitbekommen haben?

Mustafa Akça: Zunächst einmal muss man vernetzt sein. Man muss wissen, wo man anklopft. Es ist nutzlos, eine Anzeige zu schalten und zu denken, die Leute kommen schon. Wenn sie nicht kommen, heißt es, sie hätten kein Interesse. Die Komische Oper ist aktiv in Berliner Kieze, in Quartiere, in Stadtteile mit besonderem Entwicklungsbedarf gegangen und hat die Eltern gezielt angesprochen und die Hürde relativ niedrig gehalten. Nach dem Motto: Ein Lied kann jedes Kind, kommt vorbei, wir suchen die Stars von morgen. Dabei ging es uns nicht um „Türken“, „Deutsche“, „Araber“, „Integration“, sondern unser Claim lautete „Hey, bei uns kriegt dein Kind eine Gesangsausbildung oder eine Schauspielausbildung“. Innerhalb von zwei Wochen haben sich zweihundert Familien beworben.

André Kraft: Mit reiner PR ist nicht viel zu erreichen. Uns war wichtig, dass man von Haus zu Haus geht und etwas vorzuweisen hat, was die Leute anspricht. Als wir eine neue Bestuhlung bekamen, wo das Libretto in verschiedenen Sprachen mitgelesen werden kann, haben wir von Anfang an darauf bestanden, auch Türkisch neben Deutsch, Englisch und Französisch anzubieten. Zu diesem Zeitpunkt gab es gerade die Diskussion um Sarrazins These „Deutschland schafft sich ab“ und etliche Kritiker quittierten unseren Vorstoß mit einem „Wie könnt Ihr nur, die sollen doch Deutsch lernen“! Es folgte die Kinderoper „Ali Baba und die 40 Räuber“ in deutscher und türkischer Sprache, was ein großer Erfolgt war. Wie wir wissen, ist Türkisch für die Deutschtürken Emotionalsprache, und Oper ist Emotion pur.

Mustafa Akça und André Kraft | ©Jan Windszus

Die türkische Sprache ist als Emotionalsprache also eher eine Geste ?

Mustafa Akça: Ich habe eine Korrespondenz des Hauses mit der Firma, die die Untertitel einspeist, mitgekriegt. Weil sie die türkischen Sonderzeichen nicht führten, haben sie der Opernleitung erzählt, das überläse man doch eh. Aber der Inhalt ist Marketing und das Marketing der Inhalt. Jetzt kommen sogar Besuchergruppen aus der Türkei und fragen nach der Oper mit den türkischen Untertiteln. Das gibt es sonst nicht auf der Welt.

André Kraft: Unsere Mitarbeiter*innen im Haus sensibilisieren wir ebenfalls dafür. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie es war, als wir die Kindervorführungen in den großen Saal holten. Da gab es ebenfalls große Bedenken unter den Kolleg*innen, die Kinder könnten doch alles dreckig machen. Bis sie merkten, das klappt doch ganz gut. Jede Vorstellung ist nun eine Kindervorstellung, was für unser Publikum auch eine Herausforderung ist. Diese Herausforderungen müssen wir aber annehmen.

Sie fordern sich und Ihre Gäste.

André Kraft: Ja, ähnlich erging es mir mit den Migrantinnen. Ich war mir unsicher, wie ich jemanden anspreche, die ein Kopftuch trägt. Diese Unsicherheit beruht gar nicht auf Abwertungen, sondern auf der Überlegung, wie ich mich höflich verhalte und mit der Situation umgehe. Man muss sich zugestehen, dass man Fehler machen darf, und die machen wir auch. Wenn sich der Anteil der Migranten in einer Gesellschaft dramatisch erhöht und man morgen noch ein Publikum haben möchte, dann sollte man sich auch darum kümmern, dass alle Menschen einen Opernbesuch als Möglichkeit annehmen, sich kulturell zu erleben.

Mustafa Akça: Was uns noch wichtig ist: Den Menschen, die sich die Karten finanziell nicht leisten können, finanzieren wir die Karten über einen Kartenfonds, den wir eingerichtet haben. Gruppen oder einzelne Gäste mit geringem Budget können sich ganz unkompliziert bei uns melden, und wir laden sie ein.

Auf einer Skala von 1 bis 10, wo sehen Sie die Komische Oper mit ihrer interkulturellen Öffnung?

André Kraft: Wir haben einen Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund von 25 Prozent in Berlin und einen Migrantenanteil von etwa 12 Prozent im Publikum. Als wir angefangen haben, hatten wir einen Anteil von sieben oder acht Prozent.

Haben Sie als Kulturstätte auch die geflüchteten Menschen im Blick?

Mustafa Akça: Wir haben das große Glück, durch die Zusammenarbeit mit den Quartiersmanagements, Nachbarschaftszentren und mit den Neuköllner Stadtteilmüttern unterstützen zu können. Wir haben versucht, mit dem Dolmuş in ein Flüchtlingsheim zu fahren, aber es hat nicht funktioniert.

Warum?

André Kraft: Weil kein Interesse da ist. Weil es andere Bedürfnisse gibt in dem Moment, in dem die Leute ankommen. Wir haben angeboten, wer in die Aufführungen möchte, kommt auch herein. Jetzt kommen Gruppen von Geflüchteten zu uns. Aber wir machen daraus keine PR-Maßnahme.

Mustafa Akça: Schon allein der Name, „Selam Opera!“ hat ja Heimleiter dazu animiert, sich bei uns zu melden. Und nun können Gruppen nach Anmeldung in jede Vorstellung, in die sie möchten.

„Kultur öffnet Welten“- Welche Welten würden Sie denn gern noch öffnen?

André Kraft: Wir leben in einer Zeit, die sehr vielen Menschen sehr viel Angst macht. Deutschland, das ist immer ein Land mit einer Geschichte von Migranten gewesen. Da es schon immer so gewesen ist, muss man überhaupt keine Angst haben. Ich glaube an eine offene Gesellschaft. Je mehr man eine Gesellschaft abschottet und je enger man die Grenzen zieht, umso schlimmer ist es für die, die rausfallen, aber auch für die, die drin bleiben. Oper geht nur international.

Mustafa Akça: Ich finde, dass wir unseren Horizont erweitern und offen sein sollten für neue Sichtweisen. Die Diversität an Themen könnte zunehmen. Kultur allein macht zwar macht nicht satt, aber es erhöht die Lebensqualität.

André Kraft arbeitet seit rund 20 Jahren in der Kultur PR-Praxis. Von 2004 bis 2012 war er Pressesprecher der Komischen Oper Berlin. Seit dem Antritt des neuen Intendanten Barrie Kosky 2012 ist er Mitglied der Geschäftsleitung und verantwortet das Marketing und die Kommunikation der Komischen Oper Berlin, der 2015 der Titel „Opera Company of the Year“ verliehen wurde.

Mustafa Akça arbeitete zwischen 2004 und 2011 als Quartiersmanager in Berlin, wo er interkulturelle und generationenübergreifende Projekte initiierte. Seit 2011 leitet Mustafa Akça das Projekt „Selam Opera!“ an der Komischen Oper Berlin. Das von ihm konzipierte Projekt bietet Gelegenheit zu einem offenen Austausch zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. Als Coach berät er regelmäßig Kultureinrichtungen und gemeinnützige Organisationen.

Ebru Taşdemir ist Autorin und Journalistin. Sie studierte Publizistik und Turkologie an der FU Berlin, arbeitete währenddessen und danach als Dolmetscherin und Journalistin. Derzeit engagiert sie sich bei den "Neuen deutschen Medienmachern", einem Zusammenschluss von JournalistInnen mit unterschiedlichen kulturellen sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln.