Eine Stadt entdeckt sich selbst

21.03.2016 Von: Alice Lanzke

Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk

Das partizipative Projekt "Die Sieben Künste von Pritzwalk" zeigt, wie Kunst- und Kulturveranstaltungen in ländlichen Gebieten umgesetzt werden können. Ein Gespräch mit Gerrit Gohlke, künstlerischer Leiter des Brandenburgischen Kunstvereins Potsdam und Kurator des außergewöhnlichen Projekts.

2014 war Pritzwalk, eine Kleinstadt im Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs, Schauplatz eines künstlerischen Abenteuers: Auf Einladung des international renommierten Künstlerduos Clegg & Guttmann nutzten die Bürgerinnen und Bürger des Ortes drei Monate lang sieben leer stehende Ladengeschäfte, um mit künstlerischen Mitteln ein Bild ihrer Stadt zu zeichnen. Die Ausdrucksformen dieses partizipativen Projekts waren dabei so unterschiedlich wie die Teilnehmenden: von der lyrisch-erotischen Lesung bis zur Bauchtanz-Darbietung, vom Rap-Workshop bis zur Ausstellung großformatiger Harzölbilder rangierten die Formate.

Unter dem Titel „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ hat das Projekt, das vom Brandenburgischen Kunstverein Potsdam für das europäische Netzwerk Neue Auftraggeber initiiert wurde, eine ganze Stadt dazu gebracht, sich über die eigene Verortung Gedanken zu machen; darüber hinaus hat sie nachhaltig an Strahlkraft gewonnen.

Herr Gohlke, leider habe ich vor zwei Jahren in Berlin gar nichts von „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ mitbekommen ...

Gerrit Gohlke: Es war sehr leicht, das Projekt zu verpassen. „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ war für den Ort gemacht und nicht auf eine breite Öffentlichkeit ausgerichtet - also ganz das Gegenteil von dem, wie Kunstprojekte heute eigentlich konzipiert werden.

Die fehlende Öffentlichkeitsarbeit war nicht die einzige Besonderheit des Projekts. Wie würden Sie „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ jemandem beschreiben, der nicht dabei war?

Die Künstler und ich als Kurator haben riskiert, die Kontrolle über die Kunst zu verlieren; die Bürger und Bürgerinnen haben riskiert, dass alles, was zu sehen war, in ihrer eigenen Verantwortung lag. Beide Seiten trugen ein gleich großes Risiko – deswegen hat das gesamte Projekt wahrscheinlich funktioniert.

Gewagt war auch die Art und Weise, wie Sie die Bürgerinnen und Bürger für das Projekt gewinnen wollten: Die beiden Künstler Michael Clegg und Martin Guttmann haben einen Brief an 12.000 Pritzwalker*innen geschrieben und sie eingeladen, mit „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ ein Porträt ihrer Stadt zu zeichnen. Was hätten Sie gemacht, wenn sich niemand gemeldet hätte?

Auch ein leeres Bild hätte eine Aussage gehabt. So kam es aber nicht: Wir erhielten auf den Brief 70 Vorschläge, von denen wir zwei Drittel umgesetzt haben. Das war insbesondere deswegen eine gute Erfahrung, weil uns viele Menschen prognostiziert hatten, dass das Projekt scheitern würde. Nicht wenige zweifelten, ob es in Pritzwalk überhaupt sieben Künste geben würde ...

Ist das ein generelles Misstrauen gegenüber dem kreativen Potenzial der Provinz?

Wir haben in Pritzwalk eine Situation, wie wir sie aus vielen anderen kleineren und mittelgroßen ostdeutschen Städten kennen. Mit dem Verschwinden der Industrie nach 1989 ging auch ein Niedergang vieler kultureller Aktivitäten einher, die vorher an die Betriebe gebunden waren. Mittlerweile gibt es in all diesen Orten keine Kulturhäuser, keine gut ausgestatteten Institutionen mehr, an die man kulturell andocken könnte. Das Schicksal von Pritzwalk als schrumpfender Stadt ist dabei typisch – es prägt, wie die Bewohnerinnen und Bewohner über ihre Heimat denken. Insofern braucht man umso mehr Mut und Energie, um bei einem Projekt wie dem unseren mitzumachen.

Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk
Gerrit Gohlke | Foto: Die 7 Künste von Pritzwalk

Wie haben die Einwohner*innen Pritzwalks auf die Aktion reagiert?

Das Projekt begann nicht, indem die Beteiligten aus dem Auto stiegen und gleich loslegten. Wir waren als Mediatoren für die „Neuen Auftraggeber“ vielmehr mit einer echten Problemlage konfrontiert. Bürger der Stadt hatten uns von Ladenleerständen erzählt und wollten den Stadtkern mit Kunst und Kultur wieder zu einem Ort machen, mit dem zu beschäftigen sich lohnt. Wir wurden also von Menschen gerufen, denen es ernsthaft um etwas ging. Danach haben wir erst einmal ein Jahr lang Fakten gebüffelt, statistische Daten recherchiert und eine ökonomische Grundanalyse gemacht.

Das klingt mehr nach einer sozialwissenschaftlichen Studie als nach einem Kunstprojekt.

Es ging darum, den Hintergrund zu verstehen, statt nur über das eigene Metier zu reden. Erst nach der Recherche haben wir Clegg & Guttmann als Künstler ausgesucht. Wir wollten die schweigende Mehrheit sichtbar machen. Clegg & Guttmann haben daraus ein kollektives Selbstporträt gemacht. Sie wollten, dass nicht wir die Stadt wie Forscher entdecken, sondern dass die Stadt sich selbst entdeckt und offenbart. Anders als in den sozialen Netzwerken sollte die soziale Realität nicht einfach automatisch abgebildet werden. Wir mussten sozusagen eine Haltung der ständigen Aufmerksamkeit annehmen. Alle zusammen. Diese Perspektivadaption könnte der Kunstbetrieb in meinen Augen generell gut vertragen, anstatt mehr und mehr auf Schnelligkeit und Quantität zu setzen.

Diese Perspektivadaption war wahrscheinlich für Sie als Kurator auch eine Herausforderung?

Ja, denn sie bedeutete auch, dass es keine Planbarkeit gab. Das muss man aushalten können und wollen. Für uns als kleinen Verein war es eine riesige Herausforderung, die ganze Zeit vor Ort zu sein. Die üblichen professionellen Handlungsweisen des Kulturbetriebes wurden in Pritzwalk vollkommen auf den Kopf gestellt – eine radikal neue Erfahrung.

Welchen Schwierigkeiten sind Sie noch begegnet?

Das erste Gebot der Künstler lautete: Ja sagen. Denn wenn es um Partizipation geht, gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ich habe eine Projektidee und suche mir Leute, die dazu passen. Oder ich verstehe Partizipation als wirklich offenes Konzept. Dabei gibt es keine Garantie mehr, dass das Projekt elegant und international anschlussfähig aussieht. Diesen ungeschützten Prozess wollten die Künstler. Und trafen damit vor Ort auf eine Gruppe von sehr aktiven Menschen, die mit unglaublicher Spontaneität und Energie Dinge umgesetzt haben. Hätten wir Regie geführt, wären sicher nicht über Nacht Ausstellungen entstanden.

Vom 5. Juni bis 7. September 2014 war es dann soweit: In sieben bis dahin leer stehenden Ladengeschäften wurden ganz unterschiedliche künstlerische Veranstaltungen gezeigt – vom Musik-Workshop über die Bauchtanz-Darbietung bis hin zur Ausstellung. Wie konnte das gelingen?

Ich glaube, es gibt drei Gründe, warum das Projekt funktioniert hat: Es wurde zum einen ein Bild von Pritzwalk geschaffen, wie es sein soll. Die Bürgerinnen und Bürger konnten über ihr Selbstbild bestimmen. Zum zweiten blieben sie die 'Hausherren' in ihrer Stadt, sie waren nicht Spielfiguren der Projektinitiatoren. Alles war ihre Entscheidung und Verantwortung. Was sie nicht entschieden hatten, war nicht existent. Und nicht zuletzt kannten wir die Stadt, das heißt sie war uns wichtig. Wir waren keine Reisebühne. Wir waren die nackte Realität.

Ist von diesen drei intensiven Monaten etwas geblieben?

Zum einen ein spezieller und sehr aktiver Kunstverein, dessen Mitglieder zum überwiegenden Teil eben keine Künstlerinnen oder Künstler, sondern ganz unterschiedliche Pritzwalker sind – vom Unternehmer bis zur Zahnärztin. Damit wirkt der Verein so integrativ wie das Projekt zuvor. Außerdem ist eine Bibliothek entstanden, ein Jugendparlament soll noch gegründet werden. Gerade für die Menschen, die weiterhin sehr aktiv in den gewachsenen Strukturen sind, ist etwas Dauerhaftes geblieben. Generell habe ich den Eindruck, dass das Projekt das Bild, das die Menschen vor Ort von sich selbst haben, verändert hat.

Welche Lehren bietet „Die Sieben Künste von Pritzwalk“ nun, nachdem das Projekt abgeschlossen ist?

Die Politik vor Ort kann zum Beispiel feststellen, was man mit den Menschen alles schaffen kann, auch und gerade mit Jugendlichen, wenn man sich nur darauf einlässt. Wenn das Potenzial, das durch unser Projekt sichtbar wurde, weiter ausgeschöpft wird, kann alles noch viel größer werden. Entsprechende Strukturen – wie nun der Kunstverein oder das mögliche Jugendparlament - müssten allerdings ermutigt werden. Wer jetzt aber darauf wartet, dass die nächsten Künstler von außen kommen, der hat das Projekt nicht verstanden. Denn eines wurde klar bewiesen: Es ist alles da. Man muss den Faden nur aufnehmen und verknüpfen. Die Bürgerinnen und Bürger können formulieren, wer sie sind und was sie brauchen. Man muss allerdings die schnellen Formeln und bequemen Schablonen überwinden. So gesehen kann Politik von der Kunst viel lernen.

Alice Lanzke machte ihr Diplom in Politologie in Berlin und absolvierte danach den Aufbaustudiengang Journalismus in Mainz. Seit dem Master 2006 arbeitet sie als freie Journalistin vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit den Schwerpunkten Politik, Wissen und Kultur. Daneben ist sie Projektleiterin bei den Neuen deutschen Medienmachern und betreut Anti-Rassismus-Projekte für die Amadeu Antonio Stiftung.