„Ligeti inclusive“: Ein Zugang für alle

21.03.2016 Von: Elisabeth Gregull

Ligeti Inclusive | Foto: NDR

Wie lässt sich Musik von György Ligeti an Jugendliche vermitteln, die nicht lesen und schreiben können? Die Konzertpädagogin Susanne Grünig und der Musiklehrer Frieder Bleyl haben dafür den Workshop „Ligeti inclusive“ entwickelt. Er eignet sich für Schüler mit und ohne Behinderung ebenso wie für fachfremd unterrichtende LehrerInnen.

„Es war ein wunderbares Arbeiten. Und ich habe unheimlich viel gelernt.“ Wenn die Hamburger Konzertpädagogin Susanne Grünig auf die Entstehungszeit des Projekts „Ligeti inclusive“ zurückblickt, dann erinnert sie sich vor allem an ihre eigene Suche nach neuen Wegen, an das Umdenken und Ausprobieren.

Ein Beitrag zum Gershwin-Experiment

Anlass für den Workshop „Ligeti inclusive“ war das ARD-Schulprojekt „Gershwin-Experiment“. Jedes Jahr lädt die ARD Schulen und Musikschulen bundesweit ein, gemeinsam mit SchülerInnen eigene Projekte zu ausgewählten Musikstücken zu entwickeln. Dafür bieten die Orchester und Rundfunkanstalten Informationen, Arbeitsanregungen und Workshops an. 2015 stand neben Gershwins „Rhapsody in Blue“ auch der vierte Satz aus Ligetis „Concert Românesc“ auf dem Programm.

„Gemeinsam mit Bettina Pohl von der NDR-Radiophilharmonie haben wir überlegt, wie der Beitrag des NDR zu dem Experiment aussehen könnte,“ erzählt Susanne Grünig. „Meine Idee war, einen niedrigschwelligen Zugang zu schaffen. Für alle, die fachfremd unterrichten oder deren Schülerinnen und Schüler keine großen musikalischen Vorkenntnisse haben. Wo also jeder einsteigen, sich ausprobieren und mitmachen kann.“

Der Workshop sollte so dokumentiert werden, dass andere ihn einfach nachmachen können. Mit Videos, Audio-Dateien und Fotos, die zeigen, wie die einzelnen Schritte sind. Dafür suchte Grünig einen Kooperationspartner und fand ihn in Frieder Bleyl, Musiklehrer an der Ilmasi-Schule in Hannover.

Musik lesen lernen - mit allen Sinnen

Die Ilmasi-Schule ist eine Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung. „Ilmasi“ ist die Abkürzung für „Individuelles Lernen mit allen Sinnen“. Musik gehört für die rund 100 SchülerInnen zum Schulalltag: Alle Klassen haben Musikunterricht, es gibt zwei Chöre, eine Band, AGs und verschiedene Singkreise. Die SchülerInnen beteiligen sich entsprechend ihrer Fähigkeiten an kleinen und großen musikalischen Projekten.

Musik-Fachbereichsleiter Frieder Bleyl fasst seinen Arbeitsansatz so zusammen: „Meine Aufgabe sehe ich ganz klar darin, die Teilhabe für alle zu ermöglichen, indem ich mein Repertoire, meine Methoden so ausweite, dass alle Menschen an dieser Musik teilhaben können. Denn das Lesen von Partituren ist einer bestimmten Gesellschaftsschicht vorbehalten.“

Die meisten SchülerInnen des 10. Jahrgangs, die bei „Ligeti inclusive“ mitmachen sollten, konnten weder lesen noch schreiben - eine für Susanne Grünig neue Ausgangssituation. Mit dieser Vorgabe machte sie sich an die Arbeit: „Ich habe mir die Musik ganz oft angehört. Und beim Hören ist mir aufgefallen, dass Ligetis Musik in Bausteinen aufgebaut ist, in kleinen Abschnitten, die sich wiederholen. Ich habe mir überlegt, diese Musik genauso nachzubauen - also die Bausteinkette zu verfolgen.“

Die Musik György Ligetis wird in verschiende Bausteine zerlegt | Foto: NDR

Ligetis Musik miterleben – Schritt für Schritt

Die Musik nachbauen – das meinte Susanne Grünig wortwörtlich. Sie beklebte Kartons mit Symbolen und gab den einzelnen „Bausteinen“ Namen. So konnte man sie Schritt für Schritt aufbauen, dabei die Musik nachvollziehen und den einzelnen Bausteinen Instrumente oder Klänge zuordnen. Der „Signalbaustein“ zum Beispiel war mit einer Trompete beklebt.

Einen anderen Musikbaustein nannte Susanne Grünig „Gewusel“, eine Passage, zu der die Jugendlichen später mit den Füßen trippeln würden. Den benannten sie kurzerhand in „Krickelkrakel“ um. „Es gibt immer wieder Überraschungen, wenn die Schülerinnen und Schüler ganz andere Begriffe einbringen“, berichtet Frieder Bleyl aus seiner langjährigen Erfahrung. „Es ist auch toll, das aufzugreifen und zu sagen: für euch ist das gar kein Gewusel, sondern eher ein Krickelkrakel.“

Die Bausteinkette funktioniert

Susanne Grünig machte sich im Vorfeld des Projekts Gedanken: Geht das so, wie ich es mir vorstelle? Was kommt auf mich zu? Wie werden die Jugendlichen reagieren? „Ich kannte die Schule und ihre Klassen von Veranstaltungen in der Philharmonie. Aber dort bin ich ihnen nicht nahe gekommen, da stehe ich als Moderatorin auf der Bühne.“ Ihre Sorgen seien allerdings nach einer Minute verflogen. Denn die Jugendlichen waren schnell zu begeistern, und sie konnte gut mit ihnen arbeiten, begleitet auch durch die SchulbetreuerInnen vor Ort.

Mit den Bausteinen erarbeiteten sich die Jugendlichen das Musikstück: Sie lernten, die einzelnen musikalischen Abschnitte zu unterscheiden, bewegten sich dazu im Raum, nutzten ihre Stimmen oder Instrumente, um mit zu musizieren. Für die Passagen, in denen Ligeti auf rumänische Volkstänze zurückgreift, lernten sie nach und nach die passenden Schritte.

Die Jugendlichen experimentierten mit Instrumenten | Foto: NDR

Frieder Bleyl erinnert sich an die Reaktionen der Jugendlichen auf die Musik von Ligeti: „Natürlich konnte man sehen, wie sie dieses Stück - das ja zunächst ein Stück Musik ist außerhalb von ihren Welten - immer mehr zu ihrer eigenen musikalischen Realität gemacht haben. Wie sie immer mehr eingestiegen sind und irgendwann wussten: Das ist dieser Teil, jetzt kommt der Teil und hier haben wir das gemacht.“

Das, so ergänzt er, galt eben auch für diejenigen, die sich nicht über Sprache ausdrücken können: „Wenn ich die Musik später vorgespielt habe, dann begann ein Schüler, der nicht sprechen kann, mit den Füßen zu trippeln. Weil ihm klar war, das war das „Gewusel“. Er hat sich die Musik zu Eigen gemacht. Und darum geht es ja im Musikunterricht: dass ich Wege finde, die äußere Kultur zu der eigenen Kultur der Kinder zu machen, einen Austauschprozess anzustoßen.“

Vom Klassenzimmer in den Konzertsaal

Im November 2015 fand das Abschlusskonzert im großen Sendesaal der NDR-Radio-Philharmonie statt. Bei der „Spurensuche“ vor dem Konzert kam wieder die Bausteinkette zum Einsatz: diesmal auf großer Bühne und mit hunderten SchülerInnen. „Es sah toll aus, diese riesigen Bausteine dort zu sehen“, schwärmt Frieder Bleyl. „Für meine Schülerinnen und Schüler war es natürlich eine ganz tolle Bestätigung zu sehen: Das, was wir erarbeitet haben, gibt es jetzt in Groß. Und sie wissen genau Bescheid! Sie waren die Fachleute - und die anderen, die Nicht-Förderschüler, waren erstmal die, die es lernen mussten.“

Abschlusskonzert des "Gershwin-Experiments" | Foto: NDR

Mit der Bausteinkette auf der Bühne und mehreren hundert Jugendlichen, die spezielle Klangstäbe, so genannte „Boomwhackers“ hatten, musizierte am Ende der ganze Saal zum vierten Satz aus Ligetis „Concert Românesc“. Susanne Grünig erzählt, dass ihr Sohn, der in Hannover Musik studiert, bei der „Spurensuche" dabei war: „Er meinte hinterher, dass die Bausteinkette das Hören so verschönert hat! Weil man die Bausteine mit 'abgegangen' sei, und so habe man die Musik richtig gut verfolgen können. Er ist Musiker! Daran merkt man: Das ist ein Zugang, der funktioniert für alle.“

Abschlusskonzert des "Gershwin-Experiments" | Foto: NDR

Kulturelle Bildung inklusiv denken

Frieder Bleyl sieht das genauso: „Das Wichtige ist ja, diese Wege sind für ein Gymnasium genauso geeignet. Man kann mit den Bausteinen arbeiten und dann später die Partitur holen und schauen, wie sieht es aus in den Noten, wenn da das Gewusel ist? Aha, er hat die Streicher genommen ... aber andersherum, wenn man dort erst anfängt, dann schließt man ganz viele aus.“

Frieder Bleyl ist auch Vorstand im Verein „InkluVision“, einem Netzwerk von KünstlerInnen aller Genres und mit und ohne Behinderungen in Niedersachsen. Der Verein möchte, dass sich alle Menschen an Kultur beteiligen können und dass die ganze Breite kultureller Vielfalt sichtbar wird. Auch die Ilmasi-Schule ist Teil des InkluVision-Netzwerks – Frieder Bleyl glaubt, dass es für inklusive kulturelle Projekte eine zentrale Leitidee gibt:

„Die Grundhaltung ist erstmal zu sagen: ich möchte, das jeder mitmachen kann. Und daraus folgt, dass ich mir die Menschen genau anschauen muss, mit denen ich zu tun habe. Was sind die Möglichkeiten, was sind die Ausdrucksformen der Menschen, die ich vor mir habe. Wie kann ich sie mit einbinden?“

Alle Materialien zum Workshop „Ligeti inclusive“ mit allen Videos, Audiodateien und einer Anleitung finden Sie auf der Projektwebsite.

Die Ilmasi-Schule wurde für ihr musikpädagogisches Konzept und Angebot 2015 mit dem Preis „Musik gewinnt“ als Leuchtturmschule für musikalische Bildung ausgezeichnet: www.ilmasi-schule.de und www.musik-gewinnt.de

Der Verein InkluVision ist ein Netzwerk von KünstlerInnen aller Genres, von Menschen mit und ohne Behinderungen: www.inkluvision.info

Elisabeth Gregull studierte Germanistik, neugriechische Literatur und Geschichte in Berlin und Thessaloniki. Anschließend arbeitete sie zehn Jahre für Stiftungen und Organisationen im Bereich demokratischer und interkultureller Bildung. Nach einem Zweitstudium an der Deutschen Fachjournalistenschule ist sie seit 2011 als freie Journalistin mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit tätig.