Die Vereinten Nationen von Düsseldorf-Meerbusch

01.04.2016 Von: Tina Adomako

Das Musikensemble "You Shall Rise" | Foto: David Rosenzweig

Von Bağlama zu Akkordeon, von Pulaar zu Malinke: Das Musikprojekt "You Shall Rise" bringt unterschiedliche Musikstile und Sprachen zusammen. Das zwanzigköpfige Ensemble steht gleichzeitig für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

„You Shall Rise“: so nennt sich ein kulturübergreifendes Musikprojekt, das Ende 2015 in Meerbusch bei Düsseldorf ins Leben gerufen wurde. Musikerinnen und Musiker aus zwölf verschiedenen Ländern sind daran beteiligt, aus Deutschland, Ghana, Nigeria, Russland, Syrien und der Türkei. Die Gruppe benannte sich nach dem Refrain des Songs „Living Darfur“ der britischen Band Mattafix. Das Lied aus dem Jahr 2007 spielt auf den Darfur-Konflikt an und war damals ein Appell an UNO und Weltpolitik, im Sudan zu intervenieren und die Kriegsverbrechen zu beenden. „You Shall Rise“ steht somit für die Hoffnung auf eine bessere Zukunft, auf eine bessere Welt.

Meerbusch wird gerne als Vorort von Düsseldorf betrachtet; hier wohnen anteilig deutschlandweit mit Abstand die meisten Millionäre. Gleichzeitig leben 400 Flüchtlinge dauerhaft in der Stadt. Seit September 2015 sind mindestens weitere 600 Geflüchtete hinzugekommen, die in zwei Notunterkünften in den Stadtteilen Büderich und Strümp untergebracht sind. Der Betriebswirt, Bandcoach und Gitarrist Alexander Thomas, 34, lebt erst seit zwei Jahren in Meerbusch.

Zuletzt spielte er in Heidelberg in verschiedenen Bands. Nach seinem Rückzug nach NRW wollte weiter Musik machen, aber „irgendwie in eine neue Richtung, nicht mehr in kleinen drei- oder vierköpfigen Bands“. Ihm schwebte etwas Größeres, Stile Übergreifendes vor. Ein musikalisches Projekt, das den Dialog zwischen den Kulturen fördert. Über diverse Wege suchte er Leute, die mitmachen. Karin Koszlowsky, 51, deren musikalische Vorbildung sich auf Chorerfahrung beschränkt, kam zum Beispiel über die Online-Plattform musiker-sucht.de zum Projekt „You Shall Rise“.

Foto: Tina Adomako

Weitere MitstreiterInnen hat Alexander Thomas beim Tag der Vielfalt in Düsseldorf oder in Flüchtlingsunterkünften angeworben. Zum Beispiel den 21-jährigen Mamadou. Er ist das jüngste Bandmitglied und erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Seitdem in Guinea eine politische Krise mit gewaltsamen Ausschreitungen herrscht, sind viele junge Menschen wie er geflohen. Auf Französisch erzählt er, dass er schon zahlreiche eigene Songs geschrieben habe. Rap-Stücke auf Pulaar, Malinke, Französisch und Peul, mit denen er in Guinea bereits aufgetreten sei. Die Teilnahme bei „You Shall Rise“ ist sein Lichtschimmer geworden, gibt ihm Hoffnung.

Die Proben bieten ihm die Möglichkeit, an einem Abend pro Woche der Tristesse des Heims zu entkommen und an Zukunftsträumen festzuhalten. „Nur ein Mal in der Woche gibt es einen Deutschkurs, die restlichen Tage verbringt man mit Langeweile“, erklärt er, der so schnell wie möglich die hiesige Sprache lernen will, um auch deutsche Raps zu texten. Leeze aus Kenia ist ebenfalls erst seit wenigen Monaten in Deutschland. Auch sie hat schon Musikerfahrung, ist in ihrer ostafrikanischen Heimat als Sängerin aufgetreten. „Ich singe für mein Leben gern“, sagt sie. Als sie von Alex‘ Projekt hörte, war sie sofort begeistert. „Ich dachte, ich würde in Deutschland mit dem Singen aufhören müssen, doch nun bekomme ich sogar Gesangscoaching, kann mich verbessern und darf eigene Songs vorschlagen.“ „Preacherman“, 63 Jahre, stammt ursprünglich aus Ghana, lebt seit drei Jahrzehnten in Deutschland und ist einer der wenigen Berufsmusiker in der Big Band.

Unterschiedlicher kann man sich die Zusammensetzung einer Band kaum vorstellen, und das bezieht sich nicht nur auf die Länder, aus denen die Musiker stammen. Auch in Bezug auf Deutschkenntnisse, Verweildauer in Deutschland und musikalische Vorbildung herrschen Unterschiede. Das musikalische Niveau reicht vom Profi-Vollzeitmusiker bis zum Amateur, und der jüngste Musiker könnte das Enkelkind des ältesten Bandmitglieds sein. Obwohl Alexander Thomas das Projekt ins Leben gerufen hat, betrachtet er sich nicht als Bandleader. Das Ganze sei ein Gruppenvorhaben, betont er. Jeder und jede kann und soll sich einbringen. Er verschweigt nicht, dass die Anfangszeiten der Band auch chaotisch und manchmal frustrierend waren.

Die Sprachenvielfalt erwies sich nicht immer als ein Segen. Schließlich habe man sich auf Deutsch und Englisch als Sprachen bei den Proben geeinigt. Nach nur drei Monaten habe sich der Probenablauf ziemlich gut eingespielt. Auf die Frage, ob es nicht leichter wäre, das Projekt mit einer kleineren Gruppe zu realisieren, meint Thomas: „Gerade die Größe der Band ist doch das Schöne daran. In einer vierköpfigen Combo könnten wir keine zwölf Nationalitäten vereinen. Die Größe hat zusätzlich den Vorteil, dass Instrumente doppelt besetzt werden können und die Band auch dann auftreten kann, wenn mal jemand fehlt.“ Der Plan ist ohnehin, künftig in unterschiedlichen Besetzungen zu performen.

Foto: David Rosenzweig

Am 23. Januar 2016, keine drei Monate nach ihrer Gründung, gab die 20-köpfige Band ihr Debüt. Eine Herausforderung, mit einer so heterogenen Zusammensetzung nach so kurzer Übungszeit vor einem öffentlichen Publikum aufzutreten! Die passende Bühne dafür bot der Neujahrsempfang des Mosaik e.V., eines lokalen Vereins, der im letzten Jahr mit dem Friedenspreis der Landeshauptstadt Düsseldorf ausgezeichnet wurde. Der Saal in der Schloßallee im Düsseldorfer Stadtteil Eller war bis auf den letzten Platz besetzt.

Der erste Auftritt von „You Shall Rise“ dauerte zwar keine Stunde, zeigte aber, was aus einer Idee werden kann, wenn Menschen fest daran glauben. Das Repertoire rangierte vom namensgebenden Stück „Living Darfur“, über „Tchokina kina“, einer fetzigen Eigenkomposition des Gitarristen Innouss Landozz, bis hin zu einer balladigen Interpretation des Pulp-Fiction-Titelsongs „Miserlou“, ein Vorgeschmack auf die geplante globale musikalische Richtung.

Global Music? Projektgründer Alexander Thomas stellt klar: „Wir wollen keine populären Popsongs covern und die lediglich mit afrikanischen oder arabischen Rai-Klängen unterlegen und sagen: Das ist interkulturelle oder Welt-Musik.“ Vielmehr ist das Ziel, Musikstücke aus allen zwölf Herkunftsländern der Bandmitglieder im Repertoire zu haben und diese nicht nur auf westlichen, sondern auch auf traditionellen Instrumenten zu spielen.

Das, findet Thomas, sei authentische interkulturelle Musik. Neben Instrumenten wie Gitarre, Bass, Schlagzeug und Keyboard gehören daher unter anderem auch Akkordeon, Balalaika, Oud und Bağlama dazu.Westliche Klänge sollen auf afrikanische Tonkunst, sollen auf orientalische Melodien, sollen auf Balkan Beats treffen und zum Kulturen übergreifenden, Welten öffnenden „You Shall Rise“-Sound verschmelzen. Bislang sind fünf weitere Auftritte für das Jahr 2016 geplant. Bei den seit zehn Jahren im Sommer stattfindenden Afrika Tagen in Düsseldorf soll „You Shall Rise“ im August auf einer großen Freilichtbühne im Park auftreten.

Ganz besonders freut sich Bandgründer Alexander Thomas auf einen möglichen Konzertauftritt am „Tag der Vereinten Nationen“, der im Oktober in Bonn gefeiert wird. Die Verhandlungen laufen noch, doch wer könnte an einem Tag, an dem es um darum geht, das Vereinende zu feiern, passender für den musikalischen Rahmen sorgen als eine Band, deren Mitglieder aus zwölf verschiedenen Nationen stammen?

Tina Adomako erhielt ihren Bachelor in Englische Literatur, Französisch und Afrikanistik von der University of Ghana, Legon. Anschließend studierte sie in Freiburg Germanistik und Romanistik an der Albert-Ludwigs-Universität. Nach nahezu zwanzig Jahren als angestellte Redakteurin in großen Medienkonzernen, arbeitet sie seit 2008 als freie Journalistin, Lektorin, Übersetzerin und Bildungsreferentin für Globales Lernen. Ihre Themenschwerpunkte sind Familie und Erziehung, Kultur und sog. „Eine-Welt-Themen“.