Mit unseren Augen

Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen

14.04.2016 Von: Elisabeth Wellershaus

Multaka | Foto: Staatliche Museen zu Berlin

Das Projekt „Multaka“ der Staatlichen Museen zu Berlin bildet MigrantInnen aus Syrien und Irak als Guides aus, um sich mit Geflüchteten der Region über Kultur aus der Heimat und über deutsche Geschichte auszutauschen.

Alan Diko kennt die Objekte im Vorderasiatischen Museum in und auswendig. Er hat sie schließlich studiert, damals als Archäologie-Student in Aleppo. Als er in Berlin zum ersten Mal vor ihnen steht, ist er völlig aus dem Häuschen. Schon als Junge hatte er von den antiken Kulturgütern aus Mesopotamien geträumt. Vor drei Jahren läuft er zum ersten Mal selbst unter dem gigantischen blauen Ischtar-Tor hindurch. Es wird noch eine Weile dauern, bis er das Pergamonmuseum regelmäßig besucht. Doch seit Dezember vergangenen Jahres kommt er mindestens einmal die Woche. Seitdem gehört Diko zu den 19 jungen Guides aus Syrien und Irak, die dort kostenlose Touren für Geflüchtete anbieten.

Museen als Treffpunkte

Multaka heißt das Projekt, was auf Arabisch Treffpunkt bedeutet. In der Landessprache führen die jungen Migrantinnen und Migranten Neuankömmlinge durch verschiedene Berliner Museen. Bei Touren, die nicht einfach nur Lust auf Kultur machen wollen, sondern vor allem auf Erfahrungsaustausch. Einige der Guides sind selbst geflüchtet, aber nicht alle. „Ich bin beispielsweise als Student hergekommen“, sagt Diko. „Mein Vater ist Syrer, aber meine Mutter kommt aus Bulgarien, ich bin also EU-Bürger.“

Ganz unterschiedliche Biografien treffen bei Multaka aufeinander: Menschen, die seit zehn Jahren in der Stadt sind oder erst seit sechs Monaten, solche die vor dem Krieg geflohen sind und solche, die ihre Heimat aus anderen Gründen verließen. Archäologen und Islamwissenschaftlerinnen aber auch Künstler, Schriftstellerinnen und Juristen. Die meisten sind zwischen 25 und 30 Jahre alt, und eines verbindet sie doch: Sie alle können derzeit nicht in ihre Heimat zurück.

Genau das hatte die MitarbeiterInnen des Syrian Archive Projekts in Berlin letzten Herbst zu ihrer Idee motiviert. „Sie wollten etwas organisieren, weil derzeit so viele ihrer Landsleute in die Stadt kommen“, erzählt Robert Winkler, Kunsthistoriker und Projektleiter von Multaka. Die Museen reagierten schnell, suchten nach Mitstreiterinnen und Mitstreitern und boten Fortbildungen für die angehenden Guides an, die nun seit Dezember durch das Pergamonmuseum, das Bode-Museum und das Deutsche Historische Museum führen. Auch andere werden dadurch hellhörig. Viele Museen wollen wissen, wie man interkulturelle Projekte dieses Formats bewerkstelligt – allein schon sprachlich und organisatorisch. Den meisten Kulturinstitutionen ist klar, dass die Förderung des interkulturellen Austausches jetzt eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist.

Kulturgüter sorgen für Diskussionsstoff

„Meine Lust auf Austausch hat mich überhaupt erst zu dem Projekt gebracht“, sagt Diko, der durchs Gespräch mit dem Publikum immer wieder neuen Zugang zu den Exponaten und seiner Kultur findet. Viele Multaka-Besucher sind zum ersten Mal im Museum und von der eigenen Geschichte erstaunt. Die Stele des Hammurapi ist beispielsweise eine Station, an der kaum eine Frau bei den Führungen vorbeikommt, ohne zu lächeln. Der 3.700 Jahre alte Gesetzestext, der dort eingemeißelt ist, präsentiert die Idee von einer relativen Gleichheit der Geschlechter - Stoff für lebhafte Diskussionen.

Ebenso interessant sind die Erzählungen der Geflüchteten selbst, die Kulturgüter noch in der Heimat gesehen haben. Eine irakische Familie, die sich während Saddam Husseins Regentschaft immer wieder die babylonischen Überreste angesehen hat, berichtet davon, was sich durch amerikanische Panzer, Rekonstruktionsversuche und Plünderungen alles verändert hat. „Es ist schon faszinierend, was einige Kulturschätze überstanden haben“, sagt Diko. „Aber genauso verstörend ist, was derzeit alles kaputt geht.“ Ihm macht es nichts aus, so viele wertvolle Stücke aus der Heimat in Berlin zu sehen. „Dort, wo sie herkommen, würden sie ja vermutlich gerade zerstört.“

Viele der Multaka-Gäste sind da anderer Meinung, fragen, was Kunstschätze aus dem Irak und Syrien in deutschen Museen zu suchen haben. Sie ahnen nicht, was sie damit für ein sensibles Thema ansprechen, hinterfragen die Neuverortung der Kulturschätze auch vor dem Hintergrund des eigenen Neuankommens. Schnell kommen dadurch Gespräche in Gang, auch zwischen Menschen, die ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht haben. Für Geflüchtete mit unsicherem Aufenthalt geht es immer wieder auch um die Frage, ob und wie sich die Situation in der Heimat entspannt. „Deswegen sind die Touren durch das Deutsche Historische Museum so wichtig“, sagt Diko.

Multaka ist religionsübergreifend

Dort geht es weniger um die eigene Kultur, dafür um Perspektiverweiterung durch die Auseinandersetzung mit deutscher Geschichte. Es geht um den Blick auf eine Gesellschaft, die Zerstörung und Brutalität des Krieges vor gar nicht allzu langer Zeit hinter sich gelassen hat. Um die Hoffnung, dass es auch in der Heimat einen Neuanfang geben kann. „Vermittlung in beide Richtungen ist wichtig“, sagt Diko, „weil wir alle voneinander lernen können.“

Er steht vor einer Tontafel mit assyrischen Kriegern, zeigt auf die Engelsflügel zwischen ihnen. Die religionsübergreifenden Wurzeln, die beim Gang durchs Museum immer wieder aufblitzen, sind auch ein Thema bei Dikos Führungen. Geflüchtete Menschen sollen wissen, dass sie hier gar nicht so fremd sind, wie es im ersten Moment vielleicht scheint.

 

Multaka“ ist eines von zehn nominierten Projekten im Rahmen des Sonderpreises zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen. Der Preis wird zum Auftakt von „Kultur öffnet Welten“ am 21. Mai 2016 im Deutschen Historischen Museum vergeben.

Elisabeth Wellershaus lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin „Comtemporary And“. Zudem ist sie Mitglied der Redaktion von „10 nach 8“ bei Zeit Online.