Do it! So klingt mein Gefühl

Nominiert für den Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen

28.04.2016 Von: Georgina Fakunmoju

Premiere von „Do it! Klang Spiel Raum“ am 26.11.2015 in Hamburg | Foto: Peter Bruns

Im Musiktheater „Do it! Klang Spiel Raum“ bringen geflüchtete Kinder aus zehn Nationen die „Scheherazade“ von Rimski-Korsakow auf die Bühne. Begleitet werden sie von den Hamburger Symphonikern. Dabei ist mehr entstanden als erhofft.

„Guten Morgen, Zaubervögel, Guten Morgen, Tukane!“, ruft Johanna Franz in die Runde. Zwanzig schläfrige Augenpaare sind auf sie gerichtet. „So viel müde“, sagt Samir und fährt sich durch das noch bettfrisierte Haar. Der syrische Junge gehört in eine der neu eingerichteten Klassen für geflüchtete Kinder, die seit letztem Jahr an der Elbinsel-Schule in Hamburg unterrichtet werden.

„Dann lasst uns erst mal warm schütteln“, sagt Johanna Franz und beginnt eine einigermaßen komplizierte Choreografie, der die Kinder problemlos folgen. Seit Januar kommt die Orchester-Pädagogin ein bis zwei Mal im Monat in die Elbinselschule im Stadtteil Wilhelmsburg. Die Hamburger Symphoniker haben eine Patenschaft für die Geflüchteten-Klassen übernommen. So halten die MusikerInnen den Kontakt zu den Kindern und lassen die Erinnerungen an die gemeinsamen Auftritte immer wieder aufleben, die im November vergangenen Jahres stattfanden.

Damals standen 45 Kinder gemeinsam mit einem Streichquartett der Hamburger Symphoniker zwei Mal auf der Bühne des Thalia Theaters. Ihre Sprache ist die Musik, Nicolai Rimski-Korsakows „Scheherazade“. Das Orchesterwerk von 1888 beruht auf Tausendundeiner Nacht und erzählt die Geschichte von Sindbads Reise übers Meer und dem Finden der Liebe. Mit Kindern aus zehn verschiedenen Nationen entstand daraus ein musikalisches, nonverbales Theaterstück, eine Reise in die Fantasiewelt der Kinder und eine bewegende Geschichte über Heimatlosigkeit, das Meer und den Wind, der alles fortträgt und entwurzelt.

Smileys werden zu Musik

Im November 2014 hatte Johanna Franz, die den „Education Bereich“ der Symphoniker leitet, die Idee, mit geflüchteten Kindern ein musikalisches Theaterstück auf die Bühne zu bringen. „Wir machen viel Jugendarbeit, aber ein Projekt mit geflüchteten Kindern war für uns völlig neu“, sagt sie. Neben dem Streichquartett der Symphoniker holte sie Christina Fritsch vom renommierten Hamburger Thalia Theater ins Boot.

Ein halbes Jahr später begannen die Proben, zwei Mal in der Woche, in den Räumen der Elbinselschule. Mit der Musik haben Christina Fritsch vom Thalia und Johanna Franz einen Rahmen geschaffen, in dem sich die Kinder fantasievoll ausleben konnten. So entstanden Szenen von Piraten auf hoher See, von Apfelbäumen, vom Schlaraffenland und Unter-Wasser-Welten.

Neben den geflüchteten SchülerInnen war eine reguläre dritte Klasse dabei mit vielen Kindern aus Einwanderfamilien, die Patenschaften für die Neuankömmlinge übernommen und beim Übersetzen geholfen haben. „Die verschiedenen Sprachen waren tatsächlich gar kein so großes Problem. Deswegen heißt das Projekt ja auch ‚Do it’, weil ich gesagt habe: Los, wir machen das einfach und denken nicht darüber nach, was alles schief gehen könnte“, so Franz.

Um die Sprachbarrieren zu überwinden, hat Johanna Franz viel mit Bildern gearbeitet. Das ging am Anfang über Smileys: Die Kinder sollten Gesichter malen, die ihre Gefühle und Stimmungen widerspiegeln. Lachende und verliebte Smileys kamen dabei heraus. Aber auch von Tränen überströmte Smileys. Blutende Smileys. Samirs Zeichnung war ein kraftloses Gesicht mit dünnem Mund und leeren Augen.

„Wir haben die Skizzen den Musikern gezeigt und die haben dazu auf ihren Instrumenten improvisiert“, sagt Johanna Franz. „Für die Kinder war dies ein ganz wichtiger Moment: Zu erkennen, dass man die eigenen Gefühle in Musik ausdrücken kann.“Einige haben über das Theaterstück sogar selbst angefangen, Instrumente zu spielen. Für Samir war es Liebe auf den ersten Blick. „Ich hatte eine kleine Geige mitgebracht, damit die Kinder das Instrument auch mal in die Hand nehmen“, sagt Johanna Franz, selbst ausgebildete Geigerin.

„Und dann passierte etwas Magisches: Samir nahm die Geige, fing an zu lächeln und war einfach da. Vorher war er noch nicht angekommen, irgendwo zwischen Syrien und Deutschland. Aber in dem Moment war er plötzlich da. Und wollte gar nicht mehr aufhören zu spielen.“ Seit Weihnachten hat Samir jetzt seine eigene Geige. Johanna Franz gibt ihm ein Mal die Woche Privatunterricht, und er komponiert bereits kleine Musikstücke.

Nach den zwei Premieren-Tagen im Thalia Theater gastierte „Do it! Klang Spiel Raum“ ein drittes Mal in der Aula der Elbinsel-Schule. Der Kontakt zu den Kindern soll nicht abreißen, deshalb lädt Johanna Franz die Gruppe so oft es geht in die Laeiszhalle, das Konzerthaus der Hamburger Symphoniker, ein. Und sie kommt noch regelmäßig - ein bis zwei Mal im Monat - in die Schule, begleitet von verschiedenen Orchestermusikern, die die Kinder von ihren Instrumenten begeistern wollen.

„Wer will lustig?“

Heute hat sind Herbert Rönneburg mit der Klarinette und Christian Ganzhorn mit dem Fagott dabei. Der Zwei-Meter-Mann im Karohemd wuchtet seinen Instrumentenkoffer in den Stuhlkreis. „Ratet mal, was hier drin ist!“ und weiter: „Ist das ein tiefes oder ein hohes Instrument? „Ihr habt Recht, das ist ein tiefes Blasinstrument.“ Als Beweis holt Christian einen kräftigen, warmen Ton aus dem Fagott. Und erntet anerkennenden Applaus vom Publikum.

Die Gruppe hört aufmerksam zu. Das war nicht immer so. Anfangs seien die Sechs- bis Zwölfjährigen schwierig im Zaum zu halten gewesen, erinnert sich Johanna Franz. Jetzt seien sie geerdeter. „Das war die wildeste Rasselbande, die man sich vorstellen kann“, lacht sie, „unsere größte Herausforderung war, die Gruppe überhaupt ruhig zu kriegen.“

„Wer will lustig?“, Christan bringt ein paar beschwingte Töne. „Man kann aber auch melancholisch spielen, wenn ihr wisst, was das heißt.“ „Ja, das heißt traurig“, antwortet Samir. Christian stimmt eine Melodie an: „Was ist das?“ „Der Wind!“, ruft Samir und breitet seine imaginären Schwingen aus. Es ist eine Melodie aus dem Theaterstück „Scheherazade“ von Rimski-Korsakow. Jedes Mal, wenn die Kinder die Musik hören, versetzt es sie zurück auf die Bühne.

Christian und Herbert spielen ein Menuett von Händel, Hamrin aus dem Irak dirigiert. Bei den leisen Tönen macht sie kleine Bewegungen, bei den lauten breitet sie die Arme aus. Dass die SymphonikerInnen über ein halbes Jahr nach der Aufführung noch immer mit den Kindern in Kontakt stehen, liegt am Engagement aller Beteiligten, an den LehrerInnen der Elbinselschule, dem Thalia Theater und dem Hamburger Symphonie-Orchester. Die Kosten für diese Treffen trägt jeder selbst, eine Förderung gibt es bislang nicht. Für 2017 plant Johanna Franz ein neues Projekt, zu dem sie weitere geflüchtete Kinder einladen möchte.

Am Ende der Stunde ist Christian von einer Traube Kinder umringt, die alle mal ins Fagott blasen wollen. Samir jammt direkt los. Auf seinen Ringelsocken wippt er in den Knien und gibt sich wie Miles Davis an der Trompete. Es sieht besser aus, als es klingt. Aber das ist Samir egal: „Geige ist besser, ich will nur Geige spielen!“

Das Musiktheater „Do it! Klang Spiel Raum“ ist eines von zehn nominierten Projekten im Rahmen des Sonderpreises zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen. Der Preis wird zum Auftakt von „Kultur öffnet Welten“ am 21. Mai 2016 im Deutschen Historischen Museum vergeben.

Georgina Fakunmoju studierte Europäische Medienwissenschaften in Potsdam und Journalismus in Mexiko. Heute ist sie freie Journalistin und arbeitet hauptsächlich fürs NDR Fernsehen.