Kino Asyl: Cineastisches Neuland

Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen

29.04.2016 Von: Tunay Önder

Kino Asyl | Foto: Max Kratzer

Lange Zeit war es ein „Privileg“ Europas, Bilder und Vorstellungen von anderen zu prägen. Ein Perspektivwechsel verdankt sich Projekten wie dem Filmfestival Kino Asyl in München. Hier kuratieren junge Menschen ihre Lieblingsfilme aus den Ländern, die sie verlassen mussten.

„Wir haben uns überlegt, welche Filme aus unserer Sicht interessant sein könnten“, erzählt Ali Saleh, einer der Kuratoren. „Meine Idee war, das deutsche Publikum herauszufordern, etwas zu zeigen, das für Menschen aus diesen Breitengraden nicht auf Anhieb nachvollziehbar ist oder nicht direkt ihren Humor trifft, aber dafür Menschen berührt, die aus einem anderen Teil der Welt kommen.“

Auf der Suche nach neuen Bildern - kosmopolitische Pionierarbeit

Die Idee zum Festival Kino Asyl geht auf den Medienpädagogen Thomas Kupser zurück. Der Mitarbeiter des Medienzentrums München will der Einseitigkeit der Bilder, die hierzulande über Flucht, Geflüchtete und deren Herkunftsländer kursieren, etwas entgegensetzen. Dafür hat er Kooperationspartner gewinnen können und eine Plattform geschaffen, auf der jedes Jahr zehn junge Geflüchtete als KuratorInnen ein Festival mit Filmen aus ihren Herkunftsländern durchführen.

„Ich wollte Filme sehen, die einen Zugang zu anderen Teilen der Welt ermöglichen und zwar aus der Perspektive jener, die erst kürzlich hierher gewandert oder geflohen sind“, erzählt der Initiator Thomas Kupser. „Dafür braucht es Menschen, die einen anderen Blick, andere Erfahrungen mitbringen als die der sesshaften Mehrheitsgesellschaft in Deutschland.“

Kino Asyl | Foto: Max Kratzer

Dieser Perspektivwechsel ist das Kernprinzip des Festivals. Filme sollen neue Sichtweisen zeigen und andere Geschichten erzählen. Dafür sind KuratorInnen notwendig, die eine entsprechende Biographie aufweisen: Gefragt sind Brüche und Risse statt glatter Lebensläufe. Im Dezember 2015 fand das viertägige Festival zum ersten Mal in München statt und stieß auf großen Anklang wie auch auf großen Andrang - bei dem Publikum und bei den MacherInnen selbst.

Gleichberechtigung durch Mitsprache und Mitgestaltung

Für die Vorbereitung des Festivals haben sich die KuratorInnen regelmäßig im Medienzentrum München getroffen und über die Filme aus Syrien, Afghanistan, Sierra Leone, Mali, dem Senegal, Palästina und dem Kongo diskutiert. Einige Filme seien sehr schwer zu bekommen gewesen, erzählt Thomas Kupser, weil sie von keinem europäischen Verleih vertrieben werden. An solche „cineastischen Kulturgüter“ komme man eben nur mit den Beziehungen der jeweiligen KuratorInnen ran.

Einer von ihnen ist Ali Saleh, ein Palästinenser, der seit seiner Jugend in Syrien lebte. Dort und in der Türkei hat er Medien- und Filmwissenschaften studiert. Erst kürzlich erhielt er seine Aufenthaltserlaubnis für Deutschland. Die Arbeitserlaubnis hingegen lässt noch auf sich warten. In der Zwischenzeit nutzte Ali Saleh die Gelegenheit, bei Kino Asyl ehrenamtlich mitzuarbeiten. Für das Festival hat er eine palästinensisch-jüdische Liebesgeschichte vorgeschlagen: Dancing Arabs von Eran Riklis.

Kino Asyl | Foto: Max Kratzer

„Naomi, Schatz, sag mir, dass du eine Lesbe bist, erzähl mir, dass du Krebs hast, aber bitte sag mir niemals, dass du einen arabischen Freund hast“, sagt Naomis Mutter in dem Film, der in der heiligen und umkämpften Stadt Jerusalem spielt. Ali Saleh ist begeistert: „Vieles, was in dem Film vorkommt, ist mir in meinem Leben genau so passiert. Auch viele meiner Freunde haben sich darin wiedergefunden. Ich habe Dancing Arabs für Kino Asyl vorgeschlagen, weil es die Lebensrealität junger Menschen mit viel Humor und Selbstironie sehr gut wiedergibt.“

Zugewiesene Rollen brechen - Handlungsräume schaffen

Die KuratorInnen haben die Filme nicht nur ausgewählt, sondern auch eingeführt und die Anschlussdiskussion moderiert. Zudem haben sie die Poster, Flyer und Programmhefte gestaltet, die Filme zum Teil übersetzt, untertitelt und die Trailer produziert. Die Organisationsarbeit beim Festival hat Ali Saleh den Handlungsspielraum zurückgegeben, der ihm mit seiner Ankunft in Deutschland genommen wurde.

„Als Geflüchteter wirst du ständig verwaltet und kriegst alles vorgesetzt. Du wirst zur Passivität gezwungen, weil du ohne Aufenthaltsstatus nichts tun darfst. Deshalb war die Mitarbeit an dem Festival ein Segen, ein kreativer Denk- und Handlungsraum. Kino Asyl hat uns von unserem Flüchtlingsstatus zumindest für eine gewisse Zeit befreit und uns zu ganz normalen Menschen gemacht, die in Deutschland das kulturelle Leben mitgestalten.“

Kino Asyl | Foto: Max Kratzer

Genau das meint Thomas Kupser, wenn er sagt, dass im Mittelpunkt der Arbeit mit den KuratorInnen die Filme und die Organisation des Festivals standen und nicht die Fluchtgeschichten der Einzelnen. Denn diese seien ohnehin überall und immer präsent.

Die gemeinsame Arbeit an dem Projekt sei für alle Beteiligten daher sehr entspannend gewesen, weil sie ihre Lebensbedingungen und die damit verbundene Unsicherheit für einen Moment vergessen konnten. Zwanglos und selbstbestimmt, unterstützt und geschützt durch ein Netzwerk von Personen und Vereinen wie Icoya e.V., konnten sie sich für die Dauer des Projekts frei entfalten.

Protagonisten der Transnationalität

Dass diese jungen KuratorInnen in einigen Jahren nicht einfach deutsche StaatsbürgerInnen sein werden, sondern mehr-heimische Lebensentwürfe und Perspektiven mitten in Deutschland schaffen, kann man auf dem Festival Kino Asyl bereits erahnen. Was mit der Arbeitsmigration der 1960er Jahre anfing, macht die gegenwärtige Flucht- und Migrationsbewegung in aller Deutlichkeit nochmals sichtbar: Deutschland hat viele Gesichter, Geschichten und Bilder; und viele verschiedene Sprachen und Erinnerungen, die es in ihrer Vielfalt und aus den unterschiedlichen Perspektiven zu zeigen und zu kultivieren gilt.

Noch werden diese Geschichten der Menschen aus anderen Weltteilen selten erzählt und gezeigt in einem Land, dessen Zukunft so vielfältige Wurzeln hat. Nicht zuletzt deshalb ist das Filmfestival Kino Asyl richtungsweisend und vielversprechend.

 

Kino Asyl“ ist eines von zehn nominierten Projekten im Rahmen des Sonderpreises zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen. Der Preis wird zum Auftakt von „Kultur öffnet Welten“ am 21. Mai 2016 im Deutschen Historischen Museum vergeben.

Tunay Önder arbeitet als freiberufliche Soziologin, recherchiert für dokumentarische Theaterprojekte, schreibt für Hörfunk, Print- und Online-Medien. 2011 gründete sie zusammen mit Imad Mustafa den für den Grimme-Award nominierten Blog migrantenstadl. Im März 2016 erschien das gleichnamige Buch im Unrast Verlag.