„Kultur entdecken – Brücken schlagen“: SchülerInnen schaffen Begegnungen

Nominiert für den Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen

11.05.2016 Von: Alexej Hock

Veranstaltung „Magische Momente“ im Kulturhaus Bischofswerda - organisiert von der Gruppe „Schüler für Flüchtlinge" | Foto: Rocci Klein

Seit zwei Jahren organisieren SchülerInnen des Goethe-Gymnasiums in Bischofswerda Ausflüge, Feste und Deutschkurse für Geflüchtete. Im Herbst 2015 starteten die Jugendlichen das Projekt „Kultur entdecken – Brücken schlagen“, das seitdem Asylsuchende und EinwohnerInnen durch kulturelle Veranstaltungen erfolgreich zusammenbringt.

Die BesucherInnen des Weihnachtsmarktes in Bischofswerda staunten nicht schlecht, als sie im vergangenen Dezember an einem Stand mit dem Banner „Geflüchtete Willkommen“ vorbeikamen. „Neben klassischen Keksen aus Deutschland gab es Gebäck aus Somalia, Afghanistan, Syrien und dem Libanon“, hieß es dazu auf der Facebook-Seite der Gruppe „Schüler für Flüchtlinge“, die diese Aktion initiierte. Der Titel des Projekts: „Kultur entdecken – Brücken schlagen“.

Ängste überwinden, miteinander sprechen

Projektleiterin Anke Rölke erinnert sich noch genau an diesen 5. Dezember 2015. Vor dem Tag herrschte Ungewissheit darüber, wie der gemeinsam mit Geflüchteten organisierte Stand in der sächsischen Kleinstadt mit ihren 11.000 EinwohnerInnen aufgenommen würde. Die BewohnerInnen von Bischofswerda hätten sich mit Vorsicht genähert, doch am Ende habe die Neugier gesiegt: Nach zwei Stunden war das gesamte Gebäck verkauft. „Es hat riesigen Spaß gemacht, mit den jungen Leuten aus der Erstaufnahme am Stand zu stehen und mit WeihnachtsmarktbesucherInnen ins Gespräch zu kommen“, so das Fazit der SchülerInnen des Goethe-Gymnasiums.

Ins Gespräch kommen, sich kennen lernen und damit Ängste abbauen und Menschen näher bringen – das ist das Ziel dieses integrativen Projekts, das nun für den „Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen“ der Staatsministerin für Kultur und Medien nominiert ist .

Kennenlernen über die Kultur

Die Gruppe „Schüler für Geflüchtete“ existiert bereits seit zwei Jahren. Anlass für die Gründung waren Äußerungen von SchülerInnen in einer Gesprächsrunde zum Thema „Utopie“, erinnert sich Anke Rölke. Sie unterrichtet Deutsch und Ethik in den höheren Klassen des Goethe-Gymnasiums. „Unsere Gesellschaft sollte ohne Ausländer sein“, meldete sich ein Schüler zu Wort. Nach der Unterrichtsstunde blieben einige SchülerInnen im Raum und sprachen mit der Lehrerin darüber. Bald darauf begannen sie, Workshops für Geflüchtete zu organisieren.

Schnell wuchs das Projekt, Besuche in Unterkünften wurden organisiert, außerdem Deutschkurse und Ausflüge ins Umland. Als im vergangenen September im Süden der Stadt eine Erstaufnahmeeinrichtung für zwischenzeitlich über 500 Schutzsuchende eingerichtet wurde, starteten auch größere Projekte wie Konzerte und ein großes Musikfest. Dieses kulturelle Angebot der Gruppe erhielt den Namen „Kultur entdecken – Brücken schlagen“: Brücken zwischen den BewohnerInnen von Bischofswerda und Geflüchteten.

„Etwas Bleibendes“

Mit Begeisterung erzählt Projektteilnehmerin Helene von ersten Konzerten in der Sammelunterkunft. „Die Kinder der geflüchteten Familien fanden es toll, sie liebten den Umgang mit den Instrumenten“, erinnert sich die 17-Jährige, die selbst als Sängerin auftrat. Als die Gruppe im Januar die Show „Magische Momente“ im Kulturhaus in Bischofswerda organisierte, gab es kaum einen freien Platz im Zuschauerraum. SportakrobatInnen, MusikerInnen und ZauberkünstlerInnen begeisterten das Publikum. Für die Gruppe ist es wichtig zu betonen, dass viele BürgerInnen aus Bischofswerda die Veranstaltung besucht haben. So entstand erstmalig ein direkter Kontakt zwischen ihnen und den Asylsuchenden.

„Man merkt, dass das Engagement der Gruppe keine vorübergehende Erscheinung ist“, sagt Anke Rölke. Auch wenn über die letzten Monate Geflüchtete immer wieder gehen mussten und neue kamen, wurden Freundschaften aufgebaut. Die SchülerInnen schreiben heute noch mit Geflüchteten, die längst nicht mehr in der Umgebung wohnen.

Widerstand von vielen Seiten

Nicht allen gefällt, dass Geflüchtete in Bischofswerda leben. Zur Eröffnung einer Notunterkunft für Asylsuchende im September 2015 versammelten sich 150 Rechte vor dem Gebäude. Mobilisiert wurde vor allem über Facebook. Die Polizei sah sich sogar gezwungen, einen Kontrollbereich um die Unterkunft anzuordnen und sprach von „aggressiv geführten Protesten“.

Den Widerstand spürten die SchülerInnen auch auf dem Pausenhof. Die Zehntklässlerin Frieda erinnert sich, für den Einsatz in dem Projekt von einer Mitschülerin als „Volksverräterin“ beschimpft worden zu sein. „Die SchülerInnen mussten viele Anfeindungen aushalten“, so Anke Rölke.

Auch sie sieht sich Widerständen konfrontiert. Vor vier Wochen erst lud die Gruppe zwei Asylsuchende in den Unterricht ein. Sofort kamen Beschwerden von Eltern, die bis zum Schulamt reichten. „Das trifft einen schon“, so die Lehrerin. Zum Glück stünde aber die Schulleitung voll hinter dem Projekt.

Neben persönlichen Anfeindungen gibt es immer wieder Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit mit örtlichen Unternehmen. So weigern sich Busunternehmen in manchen Fällen, Geflüchtete zu Ausflügen zu fahren. „Hätte ich gewusst, dass es um Flüchtlinge geht, hätte ich mich geweigert mitzumachen“, ist eine Reaktion der BusfahrerInnen. Und selbst wenn ein Besuch im Tierpark oder im Bowlingcenter reibungslos verläuft, kann es immer sein, dass durch die Betreiber hinterher negative Gerüchte gestreut werden.

Ein Projekt mit Zukunft

Trotz der Widrigkeiten erhält das Projekt viel Unterstützung, beispielsweise von der Stadtverwaltung und vom Ausländerrat. Nachdem es mehrere Preise, darunter den „Sächsischen Integrationspreis“, gewonnen hat, wurde es sogar als imagefördernd für Bischofswerda anerkannt. „Das Projekt tragen wir gerne mit nach außen“, erzählt Sascha Hache, Beauftragter für Asyl und Integration der Stadt. Es ermutige andere Menschen, sich ebenfalls einzusetzen. Mittlerweile erreichen Anke Rölke immer wieder Nachfragen aus der Bevölkerung, wann denn die nächste Aktion stattfände.

Und die wird es auf jeden Fall geben – da sind sich die SchülerInnen sicher. Mal sind nur sechs von ihnen bei den Besprechungen dabei, in denen die kommenden Veranstaltungen geplant werden, ein anderes Mal sind es zwanzig. Zwar sind die „alten Hasen“ der Gruppe gerade im Abi-Stress, doch im letzten Jahr sind Zehnt- und ElftklässlerInnen hinzugekommen, so dass die Zukunft des Projekts gesichert ist.

Demnächst ist ein Frühlingsfest geplant. Auch ein Musikfest im Sommer soll folgen, da es im vergangenen Jahr großen Anklang fand. Und eventuell ergibt sich auch ein Theaterprojekt - einige jugendliche Geflüchtete proben bereits in einer örtlichen Theatergemeinschaft.

Das Projekt „Kultur entdecken – Brücken schlagen“ der Gruppe „Schüler für Flüchtlinge" des Goethe-Gymnasiums in Bischofswerda ist eines von zehn nominierten Projekten im Rahmen des Sonderpreises zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen. Der Preis wird zum Auftakt von „Kultur öffnet Welten“ am 21. Mai 2016 im Deutschen Historischen Museum vergeben.

Alexej Hock studierte Maschinenbau an der TU Dresden. Seine journalistische Karriere startete er mit dem Blog „Politik in Gesellschaft“. 2015 war er Mitbegründer des Projekts „Straßengezwitscher“, welches im gleichen Jahr mit dem „Preis für Zivilcourage“ des Förderkreises „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ ausgezeichnet wurde und für den Grimme Online Award 2016 nominiert ist. Er ist als freier Journalist tätig.