Refugees’ Kitchen: „Wo man isst, ist man zu Hause“

Nominiert für den Sonderpreis für Projekte zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen

17.05.2016 Von: Ebru Taşdemir

Arbeiten an der mobilen Küche „Refugees’ Kitchen“ | Foto: KITEV

Beim Projekt „Refugees’ Kitchen“ sind sie die Gastgeber: In Oberhausen bauen Geflüchtete zusammen mit dem Künstlerkollektiv KITEV eine mobile Küche, die bald in ganz Deutschland unterwegs sein wird. Hungrige erhalten dort nicht nur Essen, sondern auch Informationen über die Regionen, aus denen die KöchInnen stammen. Ein Gespräch mit Christoph Stark, Bildhauer und Mitinitiator des Projekts.

Herr Stark, was haben Essen und Kochen mit gesellschaftlicher Teilhabe in Deutschland zu tun?

Dadurch, dass ich Italiener bin, ist mir das Essen als kommunikativer Akt sehr vertraut. Es hat sich als Werkzeug bewährt bei Handwerkern und Kopfwerkern. Wenn jemand für die anderen kocht, ist sehr schnell eine andere Aufmerksamkeit erreicht, als wenn sich jeder sein Ego-Brötchen in den Mund schiebt. Das gemeinsame Essen, das gemeinsame Kochen ist ein wichtiger Bestandteil unseres sozialen Miteinanders.

Vermittelt das gemeinsame Essen ein Gefühl von Heimat?

Dort, wo man isst, ist man zu Hause. Mit dem, was auf den Teller kommt, ist die Heimat noch intensiver, noch schmackhafter und noch gesünder. In dem Projekt „Refugees’ Kitchen“ ist das Kochen an sich nur ein Bestandteil. Erst einmal muss der Food Truck, also die mobile Küche, gebaut werden.

Wie weit sind Sie?

Der Bau des Food-Trucks ist eine finanzielle, eine logistische, eine genehmigungsrechtliche Frage. Das Kochen ist der schönste und einfachste Teil. Wenn wir einen fertigen Food Truck hätten, wäre die Realisierung unseres Projekts wesentlich einfacher. So sind wir auf Orte und Dritte angewiesen. Wir sind abhängig von der Entscheidung anderer und arbeiten trotz oder gerade auch mit den Bedenkenträgern und Normenvorgebern. Wir müssen uns Gedanken machen zur TÜV-Prüfung unseres Trucks, zur Statik und ob die Leute, die mitarbeiten, versichert sind, damit ihr Engagement nicht als illegale Beschäftigung gewertet wird. Wer haftet wofür?

Diesen Gedanken und Bedenken zu begegnen ist unser Alltag und durchaus eine Aufgabe, die zu dem ganzen Prozess gehört. Es ist ein Arbeiten mit vielen Rückschlägen. So sind wir ständig auf der Suche nach neuen Wegen, neuen Partnern und neuen Allianzen. Dazu zählt auch das Oberhausener Jobcenter. Es ist ein spannender Prozess. Und es ist ja nicht so, dass wir morgen fertig sein müssen, da hätten wir einen anderen Weg gewählt.

Planung des Food Trucks | Foto: KITEV
Planung des Food Trucks | Foto: KITEV
Der Food-Truck vor den Umbauten | Foto: KITEV
Stahlarbeiten am Truck | Foto: KITEV
Stahlarbeiten am Truck | Foto: KITEV
Nähwerkstatt | Foto: Jacqueline Kasper
Nähwerkstatt | Foto: Jacqueline Kasper
Stahlarbeiten am Truck | Foto: KITEV
Foto: KITEV
Lackierarbeiten | Foto: KITEV

Wie entstand die Idee zu „Refugees’ Kitchen“?

Bis 2013 haben wir als Künstlerkollektiv mit bürgerschaftlichem Engagement in Oberhausen den Bahnhofsturm umgebaut. Dabei konnten wir viele Erfahrungen in gemeinschaftlichen Bauprozessen sammeln. Als sich im Jahr darauf abzeichnete, dass immer mehr Menschen nach Deutschland kommen, fragten wir uns, was wir als Künstler und Architektinnen tun können. Wir stellten fest, dass die Menschen viel Tatendrang und Hoffnungen haben, was aber vielfach ungenutzt bleibt. Diese Energie wollten wir in ein neues Projekt investieren – so kam eines zum anderen.

Wie viele Leute arbeiten aktuell bei „Refugees’ Kitchen“?

An manchen Tagen sind es zehn bis zwölf. Wenn jemand beispielsweise einen Sprachkurs angeboten bekommt, dann lässt er Hammer und Werkzeug liegen und geht lieber zum Deutschkurs. Jetzt überlegen wir, ob wir uns nicht direkt in eine Flüchtlingsunterkunft einmieten.

Sie sind also schon beim Aufbau des „Food Trucks“ mobil und arbeiten an keinem festen Standort?

Wir schauen, wo wir unsere nächsten Partner finden, um weiter arbeiten zu können. Die Suche nach Gemeinsamkeiten gehört mit zum Projekt. Gerade sind wir in den Babcock-Hallen (in der Werft eines alteingesessenen Stahlbauunternehmens, d.A.), und als privates Unternehmen konnte Babcock Borsig einfach sagen: „Zu uns in die Halle dürft ihr rein“. Das hat etwas von dem für diese Gegend typischen Kumpelig-Kollegialen, es reicht ein Handschlag und man hilft sich. Wir sind ja im Ruhrgebiet.

Sie bleiben aber nicht im Ruhrgebiet, sondern haben vor, nach Fertigstellung des Food Trucks durch Deutschland zu reisen. Zu dem Essen, werden den Gästen Häppchen in Form von Geschichten serviert: Wie ist es in der Region des Geflüchteten? Was passiert dort gerade?

Jeder Mensch hat doch bestimmte Grundbedürfnisse, dazu zählen der Hunger und das Stillen desselben. Wir versuchen, dieses Bedürfnis zu nutzen, um Leute zu informieren. Ganz wichtig für uns ist es, dass Geflüchtete aus ihren konzentrierten und statischen Umgebungen heraus können. Sie verbinden sich gleich mit einem anderen Teil der Stadtgesellschaft und werden so zu einem aktiven Part in der Stadt und im öffentlichen Raum. Das Gefühl zu vermitteln, nicht irgendwo geparkt zu sein, ist dem Projekt wichtig.

Haben Sie bereits Einladungen erhalten?

In der Tat, wir sind schon zu Theaterfestivals eingeladen.

Um am Ende noch einmal zum Essen zurückzukommen: Ohne welche Zutat kommt „Refugees’ Kitchen“ nicht aus? Reis womöglich?

Reis? Nein. Das ist schon das Scharfe: Chili in allen Variationen. Refugees’ Kitchen ist kontrovers. Was ist für Dich scharf? Was ist für mich scharf? Die Idee von Schärfe ist sehr individuell, auf etliche Themen übertragbar und immer Anlass für ein gutes Gespräch.

Die mobile Küche „Refugees’ Kitchen“ ist eines von zehn nominierten Projekten im Rahmen des Sonderpreises zur kulturellen Teilhabe geflüchteter Menschen. Der Preis wird zum Auftakt von „Kultur öffnet Welten“ am 21. Mai 2016 im Deutschen Historischen Museum vergeben.

Ebru Taşdemir ist Autorin und Journalistin. Sie studierte Publizistik und Turkologie an der FU Berlin, arbeitete währenddessen und danach als Dolmetscherin und Journalistin. Derzeit engagiert sie sich bei den "Neuen deutschen Medienmachern", einem Zusammenschluss von JournalistInnen mit unterschiedlichen kulturellen sprachlichen Kompetenzen und Wurzeln.