Bildung als Zukunftsressource

05.08.2016 Von: Arne Bode

Robar Yosef (li.) und Ayham Farosi beim Deutschunterricht am Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien (ZIS) in Gröpelingen | Foto: Franziska Rentzsch

In Bremen bieten unter dem Motto „Gröpelingen bildet“ zahlreiche Initiativen und Nachbarschaftsvereine Kultur- und Weiterbildungsangebote an und fördern damit den Austausch verschiedener Teile der Bevölkerung. Sie richten sich auch an eine bisher kaum beachtete Gruppe: SeniorInnen mit Migrationshintergrund.

Noch Mitte der 1970er Jahre gehörte Gröpelingen zu Bremens aufstrebenden Vierteln. Bis zu 8.000 MitarbeiterInnen beschäftigte damals allein die AG Weser Werft und bestimmte das Angesicht des Hafens. Keine zehn Jahre später war vom einstigen Vorzeigeunternehmen Bremens nichts mehr übrig, und die Werft entließ ihre letzten 2.000 MitarbeiterInnen in die Arbeitslosigkeit. Viele der WerftarbeiterInnen verließen den Bezirk Gröpelingen. Frau Simitis (Name geändert) und ihr Mann blieben in dem Bremer Bezirk. Beide waren aus Griechenland gekommen, um in Deutschland Arbeit zu finden.

Die deutsche Sprache war ihnen komplett fremd, das Ehepaar beherrschte lediglich ein paar Brocken Englisch. Deutschkurse, wie sie heute das „Zentrum für Migranten und Interkulturelle Studien“ (ZIS) anbietet, hätten sie als Geschenk wahrgenommen. „Deutschunterricht gab es keinen für uns“, erinnert sich Frau Simitis. Dies passt zu einer Zeit, in der die Regierung davon ausging, die GastarbeiterInnen samt Familien schnellstmöglich wieder in ihre Heimatländer zurückschicken zu können. Deutsch- und Integrationskurse wären hingegen ein Eingeständnis gewesen, GastarbeiterInnen dauerhaft zu integrieren.

Gröpelingen ist divers

Müheselig haben sich Herr und Frau Simitis Deutsch selbst beibringen müssen. Ihre Situation ist kein Einzelfall; etliche der älteren MigrantInnen in Gröpelingen können bis heute nicht flüssig Deutsch sprechen. 40 Prozent aller GröpelingerInnen haben ausländische Wurzeln und stammen aus mehr als 70 unterschiedlichen Ländern. Ein Viertel der Bevölkerung bezieht Hartz IV.

Im Stadtviertel Gröpelingen haben sich während der letzten Jahrzehnte viele Probleme soweit verdichtet, dass sich vor über fünf Jahren mehrere Einrichtungen unter dem Motto „Gröpelingen bildet“ zusammengeschlossen haben, um sie gemeinsam anzugehen. Sie alle haben sich das Ziel gesetzt, Bildung als Zukunftsressource im Stadtteil zu stärken.

Durch kulturell geprägte Angebote wollen sie die bisher ungenutzten Potentiale der BürgerInnen Gröpelingens aktivieren. Die Finanzierung des Projekts erfolgt über verschiedene Kanäle: Stiftungen, Nachbarschaftsinitiativen und auch Privatpersonen. Die Senatorin für Bildung sowie die Senatorin für Soziales stellen die Grundfinanzierung von "Gröpelingen bildet".

Deutschkurse als Grundlage

Der zur Initiative gehörige gemeinnützige Verein ZIS versucht mit Deutschkursen die Grundlagen für Kultur- und Weiterbildungsmaßnahmen zu schaffen. Ohne diese Maßnahmen stünden die Chancen auf Integration gleich null, meint Frau Simitis.

Besonders neu zugewanderte Personen aus Bulgarien und der Türkei nehmen dieses Sprachangebot häufig in Anspruch; gleiches gilt für TunesierInnen. Die Zahl Geflüchteter in den Kursen war überschaubar, bis sich im Jahr 2015 die TeilnehmerInnenzahl aus Syrien vervielfachte. Für die OrganisatorInnen des Vereins erweist sich das als große Herausforderung, erzählt die Geschäftsführerin des ZIS, Gudrun Münchmeyer-Ehliş. Das Bundesland Bremen hat im letzten Jahr im Ländervergleich überproportional viele Flüchtlinge aufgenommen.

Obwohl die TeilnehmerInnen der Sprachkurse aus unterschiedlichsten Ländern stammen, gibt es nach Aussage von Münchmeyer-Ehliş fast nie Probleme. „Der Grund dafür ist, dass die meisten Flüchtlinge hochmotiviert sind, die deutsche Sprache zu lernen.“

Kurse für Frauen und SeniorInnen

Die ZIS nimmt sich im Rahmen seiner Bildungsangebote insbesondere einer bisher kaum beachteten Gruppe an: SeniorInnen mit Migrationshintergrund. Dazu gehört auch das Ehepaar Simitis. Die zum Teil ehrenamtlichen Mitglieder bieten Gesprächskreise an, in denen MigrantInnen über ihre Sorgen und Nöte sprechen und dabei ihr Deutsch verbessern können. Viele der Kurse richten sich speziell an Frauen. In ungezwungener Atmosphäre werden kulturelle Gewohnheiten verglichen und dabei Unterschiede, aber auch Gemeinsamkeiten entdeckt. Diese Angebote sollen helfen, ältere MigrantInnen am sozialen Leben teilhaben zu lassen und einer möglichen Vereinsamung im Alter entgegenzuwirken.

Die Angebote des ZIS beinhalten auch Kurse, die die Kreativität der TeilnehmerInnen fördern. Beispielsweise werden Grundtechniken der Aquarellmalerei und der Kunst des türkischen Marmorierens vermittelt. Hier geht es vor allem um das Miteinander: zum einen lernen die TeilnehmerInnen, wie sie beim Marmorieren mittels einer Farbwanne wundervoll verzierte Muster aufs Papier bannen, zum anderen lernen sie eine ihnen unbekannte Kulturtechnik kennen.

Das ZIS und seine Sprachkurse sind ein gutes Beispiel für gelungene Integrationsarbeit. Aber erst im Verbund sind die diversen Einrichtungen von „Gröpelingen bildet“ in der Lage, einen Katalog von unterschiedlichen Leistungen für alle Altersklassen anzubieten.

Vorhandene Talente fördern, Lebensqualität verbessern

Frauke Kötter ist eine der Organisatorinnen und arbeitet im Quartiersmanagement des Stadtteils. Die Initiativen unter dem Schirm von „Gröpelingen bildet“ arbeiten in den einzelnen Gremien eng mit dem Quartiersmanagement zusammen. Dies führt zu positiven Synergieeffekten, und jede Einrichtung könne sich auf seine Stärken konzentrieren, sagt Münchmeyer-Ehliş.

In den letzten fünf Jahren konnten zahlreiche Projekte angeschoben und erfolgreich abgeschlossen werden. Trotzdem seien die Herausforderungen groß, laut Frau Kötter. „Die Armut ist ein großes Problem. Das schlägt sich in den Bildungschancen vieler Familien nieder. Die Abiturquote ist niedriger als in anderen Stadtteilen. Andererseits ist die Vielsprachigkeit ein großer Schatz in einer globalisierten Gesellschaft. Wir versuchen die vorhandenen Talente zu fördern und die Lebensqualität der Bewohner Gröpelingens zu verbessern.“

Arne Bode ist freier Journalist für verschiedene regionale Tageszeitungen und schreibt seine Dissertation zum Thema Ausländer- und Asylpolitik der 80er Jahre in der BRD.