Wenn das Publikum zum Orchester wird

19.12.2016 Von: Elisabeth Gregull

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert

Der „Symphonic Mob“ bringt professionelle MusikerInnen und Laien in einem Spontanorchester zusammen. Gemeinsam verwandeln sie öffentliche Plätze in eine Bühne für klassische Musik. Einen ähnlichen Ansatz verfolgen Projekte in Berlin und Esslingen: ein Beitrag über deren Potenziale und vorläufige Grenzen.

Das Einkaufszentrum ‚Mall of Berlin’ liegt mitten in der Stadt. Ein überdachter Platz - die Piazza - verbindet zwei große Gebäude mit zahllosen Geschäften. Am 16. Mai 2016 gehen hier ungewöhnliche Dinge vor sich. Wo normalerweise Menschen mit Einkaufstüten langeilen oder Kaffee trinken, treffen immer mehr Menschen mit Instrumenten ein. Notenständer in Reihen lassen erahnen, dass es ein Konzert geben wird. Doch hier trifft sich kein normales Orchester, denn dafür sind es einfach viel zu viele Menschen. Am Ende rund 1.000, die hellgrüne T-Shirts tragen, auf denen das Motto steht, das sie hergebracht hat: „Symphonic Mob. Ihr macht die Musik!“

Kent Nagano dirigiert ein Spontanorchester in einem Einkaufszentrum

„Die Idee des Symphonic Mob ist, dass alle gemeinsam musizieren können und sollen“, erklärt Lea Heinrich, Projektleiterin beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO). „Wir wollten Menschen jeglicher Herkunft, jeglichen Alters, jeglicher instrumentaler Kenntnisse mit den Musikern unseres Orchesters zusammenbringen, um auf Augenhöhe gemeinsam zu musizieren.“ Wenn sie über den Symphonic Mob spricht, kommt sie schnell ins Schwärmen. Und wer sich die Videos und die Interviews mit den Beteiligten anschaut, bekommt einen Eindruck von der besonderen Atmosphäre.

Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert
Deutsches Symphonie-Orchester Berlin │Foto: Kai Bienert

1.000 Laien und Profis verwandeln die Piazza in einen Konzertraum. Auf dem Programm stehen Verdi, Wagner und Bizet. Dirigent Kent Nagano gibt zu, dass er anfangs nervös war. So viele MusikerInnen – ein Einkaufszentrum – wie würde das wohl klingen? Nach dem Konzert merkt man ihm die Freude über das Ergebnis an: „Die Qualität kommt, wenn man miteinander musiziert.“ Denn die Liebe zur Musik habe die Menschen hergebracht und „das ist eine ganz pure Emotion.“

Eine Idee zieht Kreise

Die Idee stieß nicht sofort auf offene Ohren, erinnert sich Lea Heinrich. „Der geschützte Rahmen – sonst sitzt das Orchester auf der Bühne und das Publikum hört zu – fällt weg. Mit dem Publikum zu musizieren, war für viele erstmal ungewohnt. Aber das hat sich im Laufe der letzten drei Jahre um 180 Grad gedreht.“ In Berlin waren Schulen, Musikschulen, Chöre, Kulturprojekte und -einrichtungen zum Mitmachen eingeladen. Die vereinfachten Noten für verschiedene Instrumente gab es auf der Website, ebenso Videos mit Tipps von MusikerInnen des DSO und Audio-Dateien zum Mitspielen und Üben.

2016 ermöglichte die Kulturstiftung des Bundes, den Symphonic Mob gemeinsam mit Partnern auch in anderen Städten umzusetzen: dabei waren die Bremer Philharmoniker, das Gürzenich-Orchester Köln, das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt/ Oder und die junge norddeutsche philharmonie (jnp). Die jnp stand vor der Herausforderung, den Symphonic Mob für eine ganze Region, nicht nur für eine Stadt zu organisieren. Lea Heinrich beobachtete hier einen weiteren Effekt bei der Reichweite: „Das Besondere war, dass ein selbstorganisiertes Studentenorchester ganz andere Leute angezogen hat. Das ist anders, als wenn das Deutsche Symphonie-Orchester oder das Gürzenich-Orchester einladen.“

„Was wir brauchen, ist einfach eine Vielfalt von Leuten, die extrem unterschiedliche Ansätze verfolgen“

Im November 2016 beleuchtete das Forum „Ihr! Musik und Teilhabe“ die Frage, wie man den Symphonic Mob weiterentwickeln könnte. Mit diskutiert hat Steven Walter, Künstlerischer Leiter des PODIUM Festivals Esslingen. Er erreicht mit einem neuen Klassik-Format ganz andere Menschen, obwohl das ursprünglich gar nicht sein Ziel war: „Am Anfang stand ein eigennütziges Anliegen: Ich wollte mit Freunden besondere Konzertprogramme machen. Zu Beginn meines Studiums merkte ich, dass es als Musiker schwierig ist, eigene, neue Formate umzusetzen.“

Seine Initiative entwickelte sich relativ schnell zu einem großen Festival. „Da war sehr viel Begeisterung und das erreichte viele junge Menschen und solche, die nicht regelmäßig in klassische Konzerte gehen.“ Walter erklärt den besonderen Ansatz: „Bei uns wirkt ein großes Netzwerk von tollen Künstlern aus ganz Europa mit. Das ist sehr speziell für ein Klassikfestival, denn normalerweise wird so etwas top-down organisiert. Als künstlerischer Leiter sehe ich mich mehr als Vermittler, weil viele Ideen und Projekte aus dieser Gemeinschaft von Musikern kommen. Wir haben Online-Strukturen und Kollaborationsplattformen, die das ermöglichen.“

Ein großes ehrenamtliches Team hilft bei der Organisation des Festivals. „Die Atmosphäre ist eher wie bei einem Indie-Pop-Festival“, lacht Walter. „Aber auf der Bühne finden sehr anspruchsvolle Dinge statt. Diese Mischung ist das, was wir eigentlich suchen.“

Der Symphonic Mob sei rundherum eine tolle Sache, findet Walter, auch wenn er Grenzen habe: „Er wird in der Regel Leute ansprechen, die ein Instrument spielen, und keinen kompletten Erstkontakt auf der aktiven Seite ermöglichen.“ Doch er plädiert ohnehin dafür, dass die Klassik-Szene bei neuen Wegen in die Breite denkt: „Ich bin sehr vorsichtig, irgendeine Sache – auch unser Festival – als die Lösung oder das Format anzupreisen. Was wir brauchen, ist eine Vielfalt von Leuten, die extrem unterschiedliche Ansätze verfolgen und dabei ganz verschiedene Zielgruppen erreichen.“

Aus der Schule auf die Bühne der Berliner „Märzmusik“

Einen neuen Weg der Musikvermittlung geht Kerstin Wiehe, Geschäftsführerin von k&k kultkom. Beim Forum stellte sie ihr Projekt „querklang“ vor, bei dem SchülerInnen selbst experimentelle Musik komponieren. „Es ist möglich, Musikunterricht ganz anders zu gestalten“, meint Kerstin Wiehe. „Also nicht nur Tonsätze zu pauken oder einmal durch die Musikgeschichte zu wandern, sondern eben wirklich aktiv Musik zu erfinden.“ Die „querklang“-Teams bestehen aus zwei Studierenden, einem Komponisten und einer Lehrkraft. Sie begleiten die Kinder über ein halbes Jahr, zwei Stunden in der Woche. Es gibt keine inhaltliche Vorgabe: die SchülerInnen definieren ihr Stück selbst und handeln es gemeinsam aus.

Die Uraufführungen der Stücke bei„Märzmusik“ seien für die SchülerInnen natürlich eine besondere Wertschätzung, so Wiehe: „Sie sind selbst Interpreten und Uraufführende ihrer eigenen Werke, im Rahmen dieses doch sehr renommierten Festivals für zeitgenössische Musik. Und sie treten gleichberechtigt mit den Profis auf.“

Über die Schulen binde „querklang“ alle Kinder und Jugendlichen ein, unabhängig von ihrer musikalischen Vorbildung. Alle Schultypen und Klassenstufen seien vertreten, mitgemacht haben schon blinde SchülerInnen und solche mit Lernschwierigkeiten. „Wir sind überzeugt, dass das ein sehr guter und barrierefreier Ansatz ist“, betont Wiehe

Barrieren absenken

Der Symphonic Mob sei gut, um Musik in die Öffentlichkeit zu holen, findet Wiehe, erreiche aber nur Menschen, die schon Zugang zur Musik haben, „Aus meiner ‚querklang‘-Perspektive fände ich es spannend, Zugangsbarrieren weiter abzubauen. Durch Elemente, die es jedem ermöglichen mitzumachen. Zum Beispiel öffentliche Workshops vorzulagern zum Thema Instrumentenbau oder eigene Kompositionen als Zwischenspiel einzubinden.“

Das Forum habe gute Impulse für eine Weiterentwicklung gegeben, meint Lea Heinrich. Das Projekt wird sich 2017 weiter öffnen. Beim Transfer in andere Städte habe man strukturschwache Regionen im Auge, Grenzregionen und Kooperationen zwischen Orchestern. Auch kulturpolitisch müsse man weiterdenken: „Wie können die Stadt und das Orchester zusammen das Projekt als offenes Community-Projekt so stemmen, dass es wirklich allen die Teilhabe ermöglicht?“

Elisabeth Gregull studierte Germanistik, neugriechische Literatur und Geschichte in Berlin und Thessaloniki. Anschließend arbeitete sie zehn Jahre für Stiftungen und Organisationen im Bereich demokratischer und interkultureller Bildung. Nach einem Zweitstudium an der Deutschen Fachjournalistenschule ist sie seit 2011 als freie Journalistin mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit tätig.