Spielfreude und harte Arbeit

15.02.2017 Von: Elisabeth Gregull

Juliana Götze, Zora Schemm und Eva Mattes in „Der gute Mensch von Downtown“ | Foto: Melanie Bühnemann

Vor 25 Jahren brachte das Theater RambaZamba zum ersten Mal SchauspielerInnen mit Downsyndrom auf eine professionelle Bühne. Gründerin Gisela Höhne und Ensemblemitglied Sebastian Urbanski blicken zurück auf Erfolge und Herausforderungen.

„Wir wollten nie pädagogisch oder therapeutisch arbeiten, sondern von Anfang an künstlerisch.“ Gisela Höhne ist eine energische Frau mit klaren Zielen. Als sie das Theater RambaZamba 1991 gründete, konzentrierte sie sich auf die Stärken der Gruppe: „Natürlich war klar: Text wird nicht die Stärke unserer Schauspieler sein - und ist es bis heute nicht. Sondern es ist ihr Spiel. Ihr wunderbares, überzeugendes Spiel, mit dem sie die Dinge ausdrücken, ohne lange Sätze zu sagen.“

Dieses Talent hatte sie an ihrem Sohn Moritz beobachtet, der 1976 mit dem Downsyndrom zur Welt kam. „Er war ein begnadeter Spieler“, erzählt sie lächelnd. Aber niemand arbeitete damals kreativ mit ihm oder anderen Kindern, weder in Ost- noch in West-Berlin. Als dann die Wende kam, sah die Schauspielerin und Regisseurin ihre Chance: „Es war die Zeit, als man auch in anderen Theatern nach einem ganz eigenen Ausdruck suchte.“

Vom „Paukenschlag“ zur Institution in der Theaterlandschaft

30 abendfüllende Inszenierungen, diverse Gastspiele und Preise später ist das Theater RambaZamba bundes- und europaweit bekannt. Hinter diesem Erfolg stehen 25 Jahre harte Arbeit. Der erste Auftritt, ein Gastspiel im Deutschen Theater, sei wie ein „Paukenschlag“ gewesen. Das Publikum war begeistert.

Der dauerhafte Erfolg liege aber in der soliden Ausbildung und dem eigenen Anspruch an Qualität, meint Gisela Höhne: „Wir sind streng, denn wir wollen gute Leute haben. Wir bilden die Schauspieler kontinuierlich aus. Weil wir es nicht bei diesem oberflächlichen ‚Ach, wir lassen die, wie sie sind, die sind doch so originell’ belassen. Wir arbeiten mit ihnen an Körperhaltung, Vorgängen, Text. Warum sollen denn behinderte Menschen nicht etwas lernen?“

Harte Arbeit, Tag für Tag

Bei den Proben kann man hautnah miterleben, wie dieser Anspruch Gisela Höhne und das Ensemble vorantreibt. Die Regisseurin beobachtet sehr genau. Wenn sie die Darstellung überzeugt, lobt und ermutigt sie die SchauspielerInnen. Aber sie scheut auch nicht vor offener Kritik zurück, wenn eine Geste ungenau ist oder die Anweisung anders war. Sie geht dazwischen, demonstriert, was sie meint.

Einer, der ihre Arbeitsweise schätzen gelernt hat, ist Sebastian Urbanski. Er ist seit 17 Jahren festes Mitglied im Ensemble und seit 2010 in Höhnes Gruppe. In seiner Autobiographie „Am liebsten bin ich Hamlet. Mit dem Downsyndrom mitten im Leben“ beschreibt er, wie Gisela Höhne mit ihm Schritt für Schritt Rollen erarbeitet – durch Fragen, Ausprobieren, Kritik, neue Fragen, wieder Ausprobieren.

Sebastian Urbanski als Hamlet | Foto: Ralf Henning

Sebastian Urbanski formuliert das so: „Sie schont uns nicht und führt uns an unsere Grenzen. Aber dann fängt sie uns auch wieder auf. Erst wenn das gegeben ist, kann man auch über sich hinauswachsen.“

Traumberuf: Schauspieler – Traumrolle: Hamlet

Sebastian Urbanski konnte Gisela Höhne überzeugen, dass er „verrückt genug“ für seine Traumrolle war: Hamlet. „Hamlet ist für mich das Meisterwerk der Meisterwerke.“ Sebastian Urbanski gerät ins Schwärmen, wenn er an den Stoff denkt. „Weil er alle Lebensbereiche beinhaltet. Tod, Liebe, Verrat, Mord. Deswegen habe ich gesagt, ich muss das auch irgendwann mal spielen. Viele Schauspieler haben sich um den Hamlet gerissen. Wenn Maximilian Schell und Klaus Kinski das können, warum kann ich das nicht auch?“

Er will immer wieder über sich hinauswachsen und setzt sich neue Ziele. Das hat er mit Pablo Pineda gemeinsam, einem spanischen Schauspieler mit Downsydrom. Urbanski spricht dessen Synchronstimme in „Me too“, einem Film über Pinedas Leben. Für Urbanski ist der spanische Schauspieler ein großes Vorbild „Er hat seinen eigenen Kopf – den habe ich auch. Er steckt sich hohe Ziele – ich auch.“

„Wir sind, verdammt nochmal, alle Menschen!“

Als 2012 ein Test zur pränatalen Diagnostik des Downsyndroms eingeführt werden soll, sprach Urbanski auf Einladung des Bundesbehindertenbeauftragten vor der Bundespressekonferenz. Er wandte sich gegen den Test, der Menschen mit Behinderung schon im Mutterleib aussortiere. Sein Statement an diesem Tag endete mit einem Zitat von Pablo Pineda: „Wir sind, verdammt nochmal, alle Menschen!“ In seiner Autobiographie schreibt er: „Danach war es vollkommen still im Saal.“

Vor kurzem sprach der Schauspieler als erster Mensch mit geistiger Behinderung vor dem Deutschen Bundestag. Der Holocaust-Gedenktag 2017 erinnerte speziell an die „Euthanasie“-Opfer. Sebastian Urbanski las einen Brief von Ernst Putzki vor, der seiner Mutter schilderte, wie er und andere in der Anstalt Weilmünster umgebracht wurden, indem man sie verhungern ließ.

Künstlerische Forschungsarbeit

In der Theaterarbeit ging es aber selten allein um die Diskriminierung von Menschen mit Behinderung. „In ‚Mongopolis’ oder ‚Am liebsten zu dritt’ haben wir Themen wie Ausgrenzung, Perfektionswahn und die Auslese der frühen Embryos mit Downsyndrom aufgenommen“, erklärt Gisela Höhne. „Aber in künstlerischer Form: entweder witzig oder frech oder als Science Fiction, weder belehrend noch moralisch. Wir moralisieren nicht. Aber wir spielen unser Betroffen-Sein, unsere Geschichten dazu. Das kommt immer sehr gut an. Die Leute sagen: Mensch, so ein schweres Thema so leicht erzählt.“

Das Repertoire ist breit gefächert. Die Inszenierungen sind eigene Stücke oder inspiriert von klassischen Theaterstoffen oder Literatur. Aktuelle gesellschaftliche Bezüge gibt es immer. Viele Stücke hat Gisela Höhne mit dem Ensemble entwickelt: „Es ist wirklich wie Forschungsarbeit“, erzählt sie. „Wir nehmen nicht ein Thema und sagen: das müsst Ihr spielen. Sondern wir nehmen ein Thema und wir leben und arbeiten es durch. Immer auf der Stärke der Schauspieler basierend.“

Ein eigenes Haus

Höhnes Ansatz und die kontinuierliche Lobby-Arbeit haben sich ausgezahlt: nach zehn Jahren bekam das Theater RambaZamba eine institutionelle Förderung durch das Land Berlin. 2008 kam dann noch die Kooperation mit den VIA-Werkstätten hinzu: Die SchauspielerInnen mussten nicht mehr erst in einer Werkstatt arbeiten und später, in ihrer Freizeit, zum Theater kommen. Sie haben nun reguläre Arbeitsplätze im Ensemble. Aktuell umfasst es 35 SchauspielerInnen sowie Profis aus dem Theater- und Musikbereich.

Das Theater hat seinen Sitz in der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg. „Es ist ihr Haus“, kommentiert Gisela Höhne die Atmosphäre. „Sie arbeiten kollegial mit allen und verstehen es, professionell mit der Maske, den Kostümen und den Technikern umzugehen.“

„Das kann ja allenfalls gut gemeint sein“

Die Resonanz in der Theaterszene glich einer Wellenbewegung, meint Gisela Höhne. Am Anfang gab es große Begeisterung, der bald eine Kooperation mit dem Deutschen Theater zum Thema „Euthanasie“ folgte. Dann aber kamen eine Zeit lang keine KollegInnen mehr. „Das kann ja allenfalls gut gemeint sein, und wir wollen ja nicht lügen. Also kommen wir lieber nicht“, so interpretiert Gisela Höhne deren Haltung.

Gleichzeitig wollten bekannte SchauspielerInnen mit dem Ensemble zusammenarbeiten. „Dann hat Bernd Stempel mitgespielt, ein Schauspieler vom Deutschen Theater. Und Käthe Reichel kam rein und sagte: ‚Bernd, das ist die beste Rolle, die Du je gespielt hast!’ Das hat nochmal das Eis gebrochen. Es muss jemand da sein, der rumgeht und sagt: Kinder, das ist toll!“

Eine solche Brückenbauerin war auch die Schauspielerin Angela Winkler, deren Tochter Nele zum ersten Mal im Stück ‚Medea’ auftrat. „Mit ‚Medea’ sind wir in der ernsthaften Theaterlandschaft vollkommen angekommen“, erinnert sich Gisela Höhne. Das war 1997.

Inklusion heißt, gemeinsam zu arbeiten

Der Idee, ihre Ensemblemitglieder an großen Theatern unterzubringen, kann Gisela Höhne nichts abgewinnen. Es gebe weder die Rollen noch die Struktur dafür, dort würden sie „Exoten“ bleiben. „Und dazu käme eine seelische Vereinsamung“, betont sie. „Wir haben es erlebt: sie bleiben dann alle alleine in der Kantine sitzen. Es ist nicht, dass die anderen SchauspielerInnen böse sind. Die Welten sind andere.“ Sie bevorzugt ein anderes Modell: nicht-behinderte SchauspielerInnen kommen ins Theater RambaZamba. Das habe es von Anfang an gegeben. Hinzu kamen im Laufe der Zeit Vorstellungen und Liederabende mit bekannten KünstlerInnen wie Eva Mattes, Otto Sander oder Meret Becker.

Für Sebastian Urbanski heißt Inklusion im Theaterbereich vor allem eines: gemeinsam zu arbeiten: „Dass die Leute sehen, dass Behinderte auch in Theatern arbeiten können. Auf Augenhöhe mit den anderen Schauspielern. Dafür setze ich mich auf jeden Fall ein.“

Elisabeth Gregull studierte Germanistik, neugriechische Literatur und Geschichte in Berlin und Thessaloniki. Anschließend arbeitete sie zehn Jahre für Stiftungen und Organisationen im Bereich demokratischer und interkultureller Bildung. Nach einem Zweitstudium an der Deutschen Fachjournalistenschule ist sie seit 2011 als freie Journalistin mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit tätig.