Die Botschaft muss lauten: Anderssein schafft Mehrwert!

Nominiert für den Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ 2017

27.03.2017 Von: Konstantin Alexiou

Foto: Neue deutsche Stadtgesellschaft – Neusser Diversitätskonzept

Ein Gespräch mit Deniz Elbir, Beauftragter für „Interkultur“ im Kulturamt Neuss, über das Neusser Diversitätskonzept „Neue deutsche Stadtgesellschaft“.

Eine „Neue deutsche Stadtgesellschaft“ soll entstehen – so heißt das Modellprojekt in Neuss, für das sich alle ansässigen Kultureinrichtungen einem umfangreichen Diversitätskonzept mit entsprechend definierten Handlungsmaximen angeschlossen haben – und das verpflichtend mit ihrer Unterschrift. Ihr Ziel ist es, ein diverses Miteinander quer durch alle kulturellen Institutionen und Vereine der Stadt zu fördern.

Unterschiede in der Neusser Bevölkerung, die zu rund 25 Prozent Migrationsgeschichte besitzt, sollen durch alle Beteiligten gestärkt und abgebildet werden. Initiator dieses Diversitätskonzepts ist das Kulturamt Neuss unter der Leitung von Harald Müller. Sein Beauftragter für „Interkultur“ und kulturelle Bildung Deniz Elbir, Jahrgang 1986, ist studierter Germanist und Kommunikationswissenschaftler und vermittelt in seiner Funktion zwischen den einzelnen AkteurInnen.

Herr Elbir, Ihr Konzept, bei dem Diversität durch Selbstverpflichtung gefördert werden soll, wurde im Januar 2016 von allen Neusser Kultureinrichtungen unterzeichnet. Wie ist der Stand der Dinge? Ist die Neusser Kultur diverser geworden?

Deniz Elbir: Absolut. Das beginnt schon damit, dass Sie hier mit jemandem sprechen, der kurdische Wurzeln hat. Diese Stellenbesetzung war ein wichtiges Signal durch die Kommunalverwaltung. Neben der gesamtstädtischen Querschnittaufgabe „Interkultur“, die wir von hier aus koordinieren, entwickelt jede Kultureinrichtung selbstständig ihre eigenen Formate, um Diversität zu fördern. Wir sind auf einem guten Weg. Sowohl Politik als auch Verwaltung stärken uns weiter den Rücken.

Diese positive Entwicklung bei den Stellenbesetzungen gibt es, keine Frage – insbesondere Führungspositionen nehmen in deutschen Kultureinrichtungen aber nach wie vor wenige Personen mit Migrationsgeschichte ein. Greift Ihr Neusser Diversitätskonzept auch in diese Richtung?

Wie alle anderen Einrichtungen werden auch unsere einen Generationenwechsel erleben. Auf Grundlage unseres Diversitätskonzepts soll in den kommenden Jahren natürlich auch bei der Besetzung von Führungspositionen entsprechend gehandelt werden.

Das Besondere bei Ihrem Modellprojekt „Neue deutsche Stadtgesellschaft“ ist, dass sich nicht nur die städtischen Einrichtungen in Neuss der Diversität verpflichtet haben...

... sondern auch alle freien Einrichtungen, exakt. Mit dem Raum der Kulturen e.V. haben wir zudem einen Neusser Dachverband von verschiedenen MigrantInnenselbstorganisationen und interkulturell handelnden Personen als wichtigen Projektpartner mit im Boot, der vor Ort in unserem Kulturamt angesiedelt ist. In dieser Weise verzahnen wir progressiv unsere Verwaltung mit den Kultureinrichtungen und vor allem mit der Zivilgesellschaft.

Ein „nicht defizitorientiertes Verständnis von Anderssein“ liegt Ihrem Konzept zugrunde. Das ist naheliegend, wenn man über Diversität spricht. Wird dieses vielleicht jedoch nicht oft genug betont und vermittelt?

Das stimmt, die Botschaft muss immer wieder lauten: Unterschiede in Geschlecht, Herkunft, Religionszugehörigkeit und sexueller Orientierung sind keine Makel, sondern Ressourcen und schaffen für unsere Gesellschaft Mehrwerte. Jemand, der eventuell kein perfektes Deutsch spricht, ist Experte in einer anderen Sprache. Gerade im öffentlichen Dienst benötigen wir Personen, die die Lebensrealitäten aller StadtbewohnerInnen kennen und abbilden. In Neuss haben wir diesen Paradigmenwechsel ganz klar verinnerlicht und handeln danach.

Wie sehen Ihre weiteren Handlungsstrategien aus?

Der Schwerpunkt liegt auf unserer „Goldenen Drei-P-Regel“: Publikum, Personal und Programm sollen unter dem Diversitätsanspruch im Fokus stehen. Wir möchten Kulturangebote mit allen und für alle NeusserInnen schaffen. Bundesweit bekommen die Kultureinrichtungen die Folgen des demographischen Wandels zu spüren. Wenn wir hier in Neuss die rund 25 Prozent der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte nicht partizipativ einbinden, die in den letzten Jahrzehnten ohne Frage vernachlässigt wurden, dann dürfen wir uns auch nicht über sinkende Besucherzahlen wundern. Unsere Kultureinrichtungen sollen frei von ethnischen und sozialen Barrieren sein und von Menschen mit Migrationsgeschichte erobert werden – es sind schließlich ebenso ihre.

Der Zugang zu Kulturangeboten behindert nicht per se die Migrationsgeschichte, sondern die soziale Herkunft. Wie werden in Neuss etwa Kinder und Jugendliche aus ‚bildungsfernen‘ Familien angesprochen?

Das geschieht durch Programme der kulturellen Bildung in den Schulen wie „Kultur und Schule“ und „Jekisti – Jedem Kind seine Stimme“. Hierbei werden alle schulpflichtigen Kinder und Jugendlichen angesprochen, unabhängig von ihrer Herkunft. Kinder und Jugendliche aus Einwandererfamilien werden zudem durch MultiplikatorInnen aus den eigenen Communitys erreicht. Sie arbeiten eng mit uns als PartnerInnen zusammen. Auch wir als Kulturamt gehen raus, besuchen die migrantischen Vereine und stoßen Kooperationen an. Daneben bieten wir beispielsweise Museumsführungen von geflüchteten und für geflüchtete Personen an. Hier mischen sich Gruppen von unterschiedlicher Herkunft und Religionszugehörigkeit. Unsere ProjektpartnerInnen haben ja oft einen einfacheren Zugang zu den Kids, weil sich ihre Lebensrealitäten ähneln.

Bei der Kulturförderung heißt es in Ihrem Konzept erfreulicherweise, dass die künstlerische Qualität von Musik- und Kunstprojekten an erster Stelle stehen sollte und nicht die Migrationserfahrung der Geförderten.

Genau, das ist uns sehr wichtig, schließt sich aber ja nicht aus. Gerade hier in Neuss haben wir viele Talente mit unterschiedlicher Herkunft. Der Musiker Cewad Merwani Akin zum Beispiel ist mit keinem geringeren Anspruch durch Kurdistan gereist, als das gesamte traditionelle kurdische Liedgut zu sammeln, in ein Notationssystem zu übertragen und so für die Nachwelt zu erhalten. Lilit Tonoyan, eine ausgezeichnete Violinistin mit armenischen Wurzeln, wurde 2015 mit unserem Kunstförderpreis geehrt. Wir unterstützen diese KünstlerInnen und suchen aktiv nach Stars, die in der herkunftsdeutschen Gesellschaft noch nicht wahrgenommen wurden.

Das klingt alles wunderbar. In einer Zeit, in der Rassismus und Abschottung zunehmen, muss die Forderung nach Diversität jedoch verteidigt werden. Wie kann das gelingen?

Indem wir dranbleiben, indem wir sagen: Jetzt erst recht! Forderungen dürfen keine Forderungen bleiben, es muss gehandelt werden. Allzu oft verlieren wir uns in Diskussionen, die zweifelsohne wichtig sind, denen aber Taten folgen müssen. Und wenn nicht durch unsere Kulturangebote, wodurch dann? Kultur verbindet und wirkt gegen Hass und Intoleranz. Dafür bedarf es aber nach wie vor des Willens der Politik, der Verwaltung und einer kooperierenden Zivilgesellschaft. In Neuss sind diese Voraussetzungen mehr als gegeben.

 

Das Projekt „Neue deutsche Stadtgesellschaft – Neusser Diversitätskonzept“ des Kulturamt Neuss besteht seit Januar 2016. Es ist für den diesjährigen Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ nominiert.

Aus der Begründung der Jury:

Die Stadt Neuss verfolgt mit ihrem vorbildhaften Diversitätskonzept einen institutsübergreifenden, kooperativen und subsidiären Ansatz für ihre interkulturelle Arbeit und schafft dauerhafte Strukturen für vernetzte Zusammenarbeit. Dabei ist es gelungen, verschiedene AkteurInnen auf Grundlage von fest vereinbarten Handlungsmaximen an einen Tisch zu bringen: einerseits kommunale Einrichtungen wie städtische Kulturinstitute und unterschiedliche Teilbereiche der Stadtverwaltung (Kultur-, Sport- und Sozialbereich) und andererseits zivilgesellschaftliche AkteurInnen wie freie Kultureinrichtungen, MigrantInnenselbstorganisationen, Religionsgemeinschaften, Künstlerinnen und Künstler sowie AkteurInnen aus dem Sport und der örtlichen Wirtschaft. (...).

Deniz Elbir machte nach seinem Studium Stationen im Grimme-Institut in Marl und in der digitalen Kommunikation bei der Stiftung Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf. Der gebürtige Neusser ist Beiratsmitglied des Projekts Inter-KULTUR-Labor in Osterode und Mitglied im Netzwerk „Kulturelle Bildung und Integration“.

Konstantin Alexiou arbeitet als Autor, Journalist und Kunstmarkt-Reporter. Nach dem Studium der Kunstgeschichte war er zunächst Projektassistent beim Kunstfestival „Videonale“ im Kunstmuseum Bonn, anschließend im internationalen Kunsthandel tätig. Er ist Mitglied im Videonale e.V., Kunstverein Hannover und bei den Neuen deutschen Medienmachern.