„CROSSOVER Saarbrücken“: Ein Film von Jugendlichen über sich und ihre Stadt

Nominiert für den Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ 2017

06.04.2017 Von: Nicole Baronsky-Ottmann

Dreharbeiten zu „Heimaten – eine aktionistische Recherche“ | Foto: label m

Ein Film ohne Drehbuch und ohne Regisseur. Dafür von und mit Jugendlichen, die sich und ihr Leben in ihrer Stadt vorstellen. Das gelang dem Team von label m, das den Jugendlichen die Organisation, Vernetzung und Koordination abnahm und sie künstlerisch und kommunikativ begleitete.

Der Andrang bei der Premiere war enorm. Im März 2016 strömten Hunderte Jugendliche in das kommunale Saarbrücker Filmhaus, um „CROSSOVER Saarbrücken“ zu sehen. „Es ist wunderbar, dass so viele junge Menschen gekommen sind“, schwärmt Thomas Langhammer, Mitglied des Teams von label m – Werkstatt für Jugendkultur e.V. Seine Partnerin Gisela Zimmermann erzählt, dass zusätzliche Stühle in den Raum gestellt wurden, um ausreichend Sitzmöglichkeiten zu bieten.

„Es waren so viele Menschen da, dass am gleichen Abend, unmittelbar nach der Premiere, der Film ein weiteres Mal gezeigt wurde. Wir haben das nicht erwartet und waren sehr glücklich“. Seit „CROSSOVER Saarbrücken“ im Internet zu sehen ist, schnellen die Klicks nach oben. Auch die saarländische Presse und das Fernsehen berichteten über den Erfolg des Films.

label m und ihre Arbeit in Malstatt

Die Geschichte des Films beginnt im Jahr 2009. Damals schlossen sich Gisela Zimmermann, Sozialarbeiterin und diplomierte Künstlerin, Thomas Langhammer, Künstler und Kulturschaffender, und Rûken Tosun, Erzieherin und Kulturvermittlerin, in der Initiative label m zusammen. Im Jahr 2010 folgte die Vereinsgründung „label m - Werkstatt für Jugendkultur e.V.“. Das Projekt und der Verein haben zum Ziel, das Potenzial benachteiligter Jugendlicher durch Kunst und Sozialarbeit zu fördern.

Jugendliche sammeln mit künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten Erfahrungen und Erfolgserlebnisse. „Es ist ein soziokulturelles Projekt“, betont Zimmermann. Erste kleinere Projekte von label m entstanden in Malstatt, einem Stadtteil von Saarbrücken, der geprägt ist von Arbeitslosigkeit und Zuwanderung. Dort unterhielt label m drei Jahre ein Ladenlokal, die Basis des Vereins befindet sich bis heute in dem Stadtteil.

Der Vorgänger: „Crossover Malstatt“

Eines der Projekte, die label m mit Jugendlichen vor Ort realisierte, war „Crossover Malstatt“, ein Film aus dem Jahr 2012 über die Jugendlichen in ihrem Stadtteil. Etwa 30 junge Menschen im Alter von 14 bis 16 Jahren machten mit, engagierten sich. „Wir veranstalteten im Ladenlokal ein Casting, das kam prima an“, erzählt Gisela Zimmermann. Über die Projektarbeit an dem Film freundeten sich die Jugendlichen, die KünstlerInnen und SozialarbeiterInnen an. „Wir wurden die Ansprechpartner der Jugendlichen. Sie kamen auch mit privaten und alltäglichen Problemen zu uns“, erinnert sich Thomas Langhammer.

Der Film war, genauso wie die Arbeit vor Ort, multikulturell. Die Jugendlichen erzählten vor der Kamera von sich, stellten sich dar. Die Beschäftigung mit der eigenen Person führte dazu, dass sie sich mit ihrer Identität auseinandersetzten. „Sie überlegten, wo sie hingehörten, und wir gaben ihnen eine Stimme“, fasst Zimmermann zusammen. „Das Ganze funktioniert nur mit Empathie und Respekt. Das sind die Grundlagen unserer Arbeit“, ergänzt Langhammer. Nachdem der Film „Crossover Malstatt“ fertiggestellt war, arbeitete label m an weiteren Projekten vor Ort.

Die Idee zu „CROSSOVER Saarbrücken“

Die Idee zum Film „CROSSOVER Saarbrücken“ aus dem Jahr 2016 entstand bereits im Anschluss an den ersten Film. „Wir wollten den Lebensweg der Jugendlichen aus dem Film ‚Crossover Malstatt’ weiterverfolgen. Und gleichzeitig hat uns gereizt, sie nicht nur in ihrem Viertel zu zeigen, sondern im Kontext der regionalen Jugendkultur in Saarbrücken. Aus dem Crossover verschiedener Gruppen innerhalb des Stadtteils wurde ein Crossover mit anderen kreativen Jugendszenen der Stadt“, so Thomas Langhammer.

Das Bühnenbild des Films „CROSSOVER Saarbrücken“ ist der öffentliche Raum der Stadt. Die Jugendlichen zeigen ihre ganz konkreten Projekte, aber auch, was aus ihnen geworden ist, wie die Berührung mit Kunst und kulturellen Projekten ihr Leben beeinflusst hat. So kann man in dem Film den Rapper Veton und die Tänzer Hasan und Serkan wiedersehen, die bereits im Film von 2012 mitgemacht haben. Daneben wird auch die lebendige Sprayer-Szene am Saarufer und die Hip Hop Szene am Osthafen vorgestellt.

Die jungen Kreativen

Während einige der ProtagonistInnen des Films dem Team von label m bestens bekannt waren, lernte man weitere Jugendliche über die TeilnehmerInnen kennen. „Mitgemacht haben junge Menschen zwischen Schule und Beruf, die meisten waren gerade volljährig“, sagt Gisela Zimmermann. Bei den Dreharbeiten ließ label m den jungen Menschen freie Hand. Die Aufgabe der drei MitarbeiterInnen des Vereins bestand neben der grundlegenden Idee hauptsächlich in der Organisation, Vernetzung, Kommunikation und Begleitung. Die Ausrüstung, eine professionelle Digitalkamera, wurde vom Kameramann Dilnas Bilgic mitgebracht. Dabei ist ein Film in einer hochwertigen Optik entstanden, die sich kaum von professionellen Arbeiten unterscheidet. Und ein Film, der Menschen zeigt, die tanzen, rappen, malen und jung und ehrgeizig sind.

Und sie sind stolz. Stolz darauf, die eigene Mutter glücklich zu machen, stolz darauf, Weltmeister im Krump-Tanz zu sein und stolz darauf, die eigenen Texte zu singen. Man sieht selbstbewusste Jugendliche, die ihre eigene Kultur darstellen. Die Dreharbeiten zu dem Film dauerten sechs Monate, danach kam die Phase der Postproduktion. Während vor der Kamera meistens Jungen zu sehen sind, die rappen, tanzen und sprayen, finalisierten im Hintergrund Mädchen und junge Frauen das Werk. Sie führten die Interviews und waren für den Schnitt des fast zwanzigstündigen Filmmaterials und alle weiteren Abschlussarbeiten verantwortlich. Ein Drehbuch wurde nicht benötigt, die Aufnahmen entwickelten sich im laufenden Prozess, wobei die Sozialen Medien eine wichtige Rolle spielten; der Kreis der TeilnehmerInnen erweiterte sich enorm während der Dreharbeiten.

Der Film als Einstiegshilfe in den Beruf

Wie stolz die jungen Menschen auf ihren Film sind, konnte man bei der Premiere sehen. Ohne weitere Werbung, nur mit Unterstützung in den Sozialen Medien, war der Vorführsaal restlos überfüllt. „Wir haben zu allen sehr enge Kontakte aufgebaut“, erzählt Gisela Zimmermann. Das Team sei hocherfreut darüber, was aus den jungen Menschen geworden ist. Zwei der Teilnehmer des Films „CROSSOVER Saarbrücken“ studieren heute Architektur, zwei andere wurden für die Bewerbung bei der Hochschule der Bildenden Künste Saar beraten. Daneben arbeiten die Musiker des Films in anderen Projekten zusammen. Und Dilnas Bilgic, der mittlerweile als Kameramann und Cutter zahlreiche Musikclips produziert hat, kann heute von seiner Arbeit leben.

 

Das Projekt „CROSSOVER Saarbrücken“ ist für den diesjährigen Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ nominiert. „CROSSOVER Saarbrücken“ ist ein Projekt von label m Werkstatt für Jugendkultur e.V.. Im Jahr 2016 erhielt das Kollektiv für seine Arbeit den Kulturpreis für Kunst 2016 des Regionalverbandes Saarbrücken.

Aus der Begründung der Jury:

Tanzen, rappen, malen – sie sind jung und ehrgeizig: Mit dem Filmprojekt „CROSSOVER Saarbrücken“ machen Jugendliche von Saarbrücken ihre Jugendkultur sichtbar. (...) Das Projekt steht für die erfolgreiche Verschränkung von Kunst und sozialer Arbeit, wie sie die Werkstatt für Jugendkultur label m seit 2009 in Saarbrücken betreibt. „CROSSOVER Saarbrücken“ zeigt die Erfolge ihres kontinuierlichen Engagements: So treten junge KünstlerInnen vor die Kamera, die bereits 2011 an einem Film von label m mitgewirkt hatten. (...) Das Projekt entstand durch das Zusammenwirken von Jugendlichen, ProjektmacheInnen, Filmschaffenden, Sozialeinrichtungen, Förderstellen und Ministerien. Mit dem Film, ihren Graffiti-Aktionen auf dem Spielplatz und ihrem politischen Engagement für eine offene Gesellschaft zeigen die Jugendlichen ihre Bereitschaft, sich in das Gemeinwesen ihrer Stadt einzubringen.

Nicole Baronsky-Ottmann studierte Kunstgeschichte und Deutsche Volkskunde in Mainz und arbeitet freiberuflich als Kunsthistorikerin und Journalistin in Saarbrücken. Seither schreibt sie Texte für Künstler, Ausstellungsrezensionen und Kulturbeiträge für die Tageszeitung Saarbrücker Zeitung und war Stadtteilautorin und Verfasserin der Dokumentation „Leben im Stadtteil Rotenbühl“.