Odyssee.16: Ausdruck von Heimat und Flucht

Nominiert für den Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ 2017

11.04.2017 Von: Patricia Prechtel

Masken im Theaterprojekt „Odyssee 16“ - Geflüchtete waren vor allem für Bühnenbild und Kostüme verantwortlich | Foto: Tufa Trier

Wie passen Kriegsflüchtlinge, westliches Theater und ein Zirkuszelt zusammen? In Trier gab es genau diese Kombination im Herbst 2016. Geflüchtete aus Syrien, Afghanistan und vielen anderen Ländern kreierten gemeinsam mit professionellen SchauspielerInnen und SängerInnen ein Theaterstück: Odyssee.16.

Das Stück handelt von dem Versuch zweier syrischer Regisseure, eine eigene Version von Homers Klassiker „Die Odyssee“ umzusetzen. Als das Projekt ins Stocken gerät, setzen sie sich mit der Frage auseinander, was die Geschichte des geflüchteten Odysseus und seiner Heimkehr mit der heutigen Realität zu tun hat. „Odyssee.16“ verbindet die Themen Heimat und Flucht und wirft die Frage auf, was passiert, wenn man nach der langen Zeit des Krieges wieder nach Hause zurückkehrt.

Die Idee entstand durch Beobachtungen, die Regisseur und Ideengeber Stefan Bastians in Trier und der Region machte. „Es wurde hier schon viel für Flüchtlinge getan. Wir aber wollten einen anderen Akzent setzen, Talenten eine Plattform bieten und eine Verbindung zwischen Kunst und Handwerk schaffen.“ Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter in Trier. „Das Ziel war es, den Geflüchteten die deutsche Kultur in Verbindung mit der Sprache und dem Handwerk näher zu bringen“, erklärt Bastians. Die Geflüchteten waren vor allem für das Bühnenbild, die Kostüme und das Schiff verantwortlich.

Einige traten aber auch als SchauspielerInnen, SängerInnen, TänzerInnen und MusikerInnen auf. Durch die Zusammenarbeit mit ortsansässigen Unternehmen und Betrieben wurden dabei Kontakte geknüpft, was die Intention der Initiatoren war. Das Projekt hat nachhaltige Auswirkungen: Alle Geflüchtete fanden mittlerweile Praktika oder eine Arbeit.

Mobilität und Heimatlosigkeit

Die Entscheidung, „Odyssee.16" in einem Zirkuszelt aufzuführen, hatte praktische und ästhetische Gründe. „Der Platz in der TUFA (Tuchfabrik Trier) reichte nicht aus. Wir hatten nicht die Räumlichkeiten, um so ein großes Projekt zu beherbergen“, sagt Teneka Beckers, Geschäftsführerin der TUFA. Also wurde ein Zelt gemietet und im Trierer Palastgarten aufgestellt. „Es war sehr interessant, in einem Zirkuszelt zu spielen. Es entstand eine ganz besondere Atmosphäre und gleichzeitig war es sehr intim“, erinnert sich Bastians. Das Zelt repräsentiert Mobilität, aber auch Heimatlosigkeit. Die ZuschauerInnen saßen in einem 240-Grad-Winkel und blickten in die Mitte. Der Chor, das Orchester und die Garderobe waren ebenfalls im Zelt untergebracht. Das Problem: es musste nachts bewacht werden, was einiges an Kosten mit sich brachte.

„Zum ersten Vortreffen im Mai letzten Jahres kamen nur zwei Interessierte“, sagt Bastians und lacht, als er daran zurückdenkt. Nachdem sich das Projekt aber herumgesprochen hatte, wurden es immer mehr. Am Ende waren 15 Geflüchtete Teil des Ensembles. „Viele konnten mit der Idee nicht direkt etwas anfangen. Manche kannten kein Theater und erst recht kein westliches“, sagt er. Man dürfe nicht vergessen, dass viele Geflüchtete ganz andere Sorgen hätten und sich mit den Themen Flucht und Heimat nach so kurzer Zeit in der Fremde nicht befassen wollten, fügt Beckers hinzu.

Teilweise stellte Bastians einen „Konversationsstau“ bei den TeilnehmerInnen fest, vor allem, wenn es um das Thema Flucht ging. Das Stück weckte in vielen Erinnerungen an das eigene Schicksal. „Einige hätten gerne über das Erlebte geredet, aber konnten wegen der Sprachbarriere nicht. Manche wollten nicht darüber sprechen und haben sich über die Kunst ausgedrückt.“ Jeder, der wollte, entdeckte einen Weg, Erlebtes zu verarbeiten und sich in gewisser Weise zu befreien. „Viele fanden durch das freie Schaffen einen Ausdruck für ihre Geschichte“, sagt Bastians.

Emotionale Momente

Wichtig war es, immer im Gespräch zu bleiben. „Es gab viele Momente während der Vorbereitung des Stücks, in denen diskutiert wurde. Das war auch richtig so.“ Vor allem bei sehr emotionalen Szenen, die einigen ProtagonistInnen Tränen in die Augen trieben. Aber auch kulturelle Aspekte waren Thema, so zum Beispiel das Berühren und Hochheben einer Frau. Im gemeinsamen Gespräch konnte alles geklärt werden, so Bastians.

Es kam immer wieder die Frage auf, ob es gut sei, wenn Geflüchtete ihre Erlebnisse auf die Bühne bringen. „Das Stück ist eine gute Mischung, da es von der eigenen, aber auch von einer übergeordneten Geschichte handelt“, sagt Beckers. „Auch wenn einige erst vor kurzem aus Syrien geflüchtet waren und das Erlebte nur ein paar Monate her war, wollten sie mitmachen. Und es hat ihnen geholfen“, betont sie.

Die Musik des Theaterstücks bezeichnen die MacherInnen selbst als einen „Ritt durch die Epochen“. Die Auswahl reicht von arabischer Klassik bis zu zeitgenössischer Musik. „Die verschiedenen Epochen wurden miteinander verbunden – wir haben damit Brücken gebaut; die Wurzeln liegen vor allem im Osten, die musikalische Untermalung nähert sich aber dem Westen“, führt Saif Al-Kayyat aus. Der Iraker ist selbst geflüchtet, lebt seit 1999 in Deutschland. Er schrieb die Musik zu dem Stück.

Voneinander lernen

Das Projekt „Odyssee.16“ war in vielerlei Hinsicht ein Erfolg: Es entstand nicht nur ein Theaterstück, sondern auch Bekanntschaften und Freundschaften wurden geknüpft. „Wir haben alle voneinander gelernt“, so Teneka Beckers. Über die Zusammenarbeit und das aktive Tun verbesserten die Geflüchteten ihr Deutsch. „Man lernt eine Sprache am besten im Kontakt mit anderen, dann geht das fast von alleine. In die Schule zu gehen und im Unterricht eine Sprache zu lernen, reicht nicht aus“, so Saif Al-Kayyat.

Die Inszenierung wurde im Oktober und November 2016 insgesamt sieben Mal aufgeführt. Meist war das Zirkuszelt, das 260 Menschen Platz bietet, voll. „Das Stück wurde unglaublich gut aufgenommen. Es gab viel Austausch danach, Standing Ovations, und es beschäftigte die Leute. Teilweise nahm es die ZuschauerInnen sehr mit, ich sah viele Tränen, aber auch viel Lachen“, erinnert sich Beckers. Das Feedback sei sehr gut gewesen, auch unter den TeilnehmerInnen. „Alle hätten gerne weitergemacht. Am liebsten sofort“, sagt Beckers und lacht.

Das nächste Projekt ist bereits in Planung. In erneuter Kooperation mit dem Jobcenter entsteht ein Filmprojekt, in dem es um das Aufeinandertreffen zweier Kulturen im Hinblick auf Arbeits- und Kulturwelten der Region Trier geht.

 

Das Projekt „Odyssee.16“ ist für den diesjährigen Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ nominiert.

Aus der Begründung der Jury:
„Das Musiktheaterprojekt Odyssee.16 wurde in enger Zusammenarbeit verschiedener Akteur/innen der Kultur, so auch dem Projektträger Tuchfabrik Trier e.V., mit dem Jobcenter Trier durchgeführt. Dieser Ansatz, kulturelle Projekte mit Maßnahmen zur Eingliederung in den Arbeitsmarkt zu verbinden, ist neuartig und hebt das Projekt somit aus der Reihe von Musiktheaterprojekten mit integrativem Anspruch heraus. (...) Diese können auch von anderen Jobcentern und Kultureinrichtungen übernommen werden, wodurch das Projekt bundesweiten Modellcharakter besitzt.“

Patricia Prechtel machte ihren Bachelor in Anglistik und Politikwissenschaft an der Universität Koblenz-Landau. Zurzeit absolviert sie ihren Master „Demokratische Politik und Kommunikation“ an der Universität Trier. Seit 2014 arbeitet sie als freie Journalistin für Hörfunk- und Zeitungsredaktionen.