Demokratiebahnhof Anklam: Zusammen die Zukunft gestalten

Ausgezeichnet mit dem Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ 2017

12.04.2017 Von: Sami David Rauscher

Ein Ort für alle Menschen - der Demokratiebahnhof Anklam | Foto: Sami Rauscher

Seit der Wende war der Bahnhof in Anklam vor allem eines: Ein Ort, wo junge Menschen ihre Stadt verließen. Seit drei Jahren bietet ihnen das Gemeinschaftsprojekt „Demokratiebahnhof“ die Gelegenheit, aus dem alten Bahnhofsgebäude ein neues Zuhause zu schaffen: Jede und jeder darf hier ankommen und den Ort mitgestalten.

Anklam ist bereits über 750 Jahre alt. Mit Stolz wird auf die eigene Vergangenheit geblickt: Luftfahrtpionier Otto Lilienthal ist – neben Schauspieler Matthias Schweighöfer – der wohl berühmteste Sohn der Stadt. Gegenwärtig hat die Kleinstadt in Mecklenburg-Vorpommern damit zu kämpfen, dass junge Menschen in die Großstadt flüchten. Die Zukunft zieht weg. Zurück bleibt ein rechtsextremistisches Problem. Gerne wird Anklam deshalb als „Nazistadt“ porträtiert. Während die außergewöhnlich hohen Wahlergebnisse von NPD und AfD diskussionswürdig sind, bleibt die Frage, wem die Deutungshoheit darüber überlassen wird, was den Ort ausmacht. Deshalb gibt es Gegenbewegungen, die für ein anderes Anklam stehen.

Eine davon ist zentral gelegen: Seit drei Jahren wird man, wenn man aus dem Zug steigt, vom Demokratiebahnhof begrüßt. Er schafft Räume der Begegnung mit Hilfe derer, die hier vor Ort schon lange engagiert sind. Das Jugend- und Kulturzentrum wurde 2014 vom Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern eröffnet. Heute verantworten und organisieren zehn junge und ehrenamtlich engagierte Menschen, darunter eine Jugendliche im Bundesfreiwilligendienst, das Projekt. In Selbstverwaltung sollen im Demokratiebahnhof Räume entstehen, in denen sich jede und jeder willkommen fühlt.

Sommerfest 2016 des Demokratiebahnhofs Anklam | Foto: Clara Engel

Nicht nur übereinander, sondern miteinander ins Gespräch kommen. Das ist unabhängig von politischen Einstellungen gar nicht so leicht. Traditionell hielten sich am Bahnhof schon immer zwei Gruppen von Jugendlichen auf: Die einen, denen sowieso klar war, dass sie hier bald wegwollen und nur noch ihr Abitur hinter sich bringen müssen. Und die anderen, die sich ihre Zukunft nicht so richtig vorstellen können, auch weil sie beruflich wenig Hoffnung sahen. Die beiden Lebenswelten möchte man im Demokratiebahnhof zusammenbringen.

Puk absolviert ihr Freiwilliges Ökologisches Jahr beim Naturschutzbund in Greifswald und kommt einmal die Woche vorbei. Sie erzählt, dass es noch immer herausfordernd ist, den jungen BesucherInnen klarzumachen, dass sie machen dürfen, worauf sie Lust haben. Es sei oft einfacher, wenn die ehrenamtlichen MitarbeiterInnen etwas vorschlagen. Ein Angebot sind die verschiedenen Workshops, die teilweise in Zusammenarbeit mit dem Vermittlungsprogramm „Kunstwelten“ der Akademie der Künste in Berlin entstehen.

Landschaftsarchitekt Felix ist Dank des „Neulandgewinner“-Programms der Robert-Bosch-Stiftung extra aus München angereist, um in Anklam das zweite Mal einen Gartenworkshop zu realisieren. Beim ersten Workshop im letzten Jahr wurde nur angepflanzt, dieses Mal wird richtig umgegraben und ausgemistet. Im Juni gibt Felix den nächsten Gartenworkshop, dieses Mal mit zwei Schulklassen aus dem Ort. Mit den für die Workshops wichtigen PartnerInnen hält die Anklamer Künstlerin Ute Kontakt – wie zum Beispiel zu den BildungsträgerInnen der Stadt. Der Demokratiebahnhof soll als Ort verstanden werden, den auch ganze Schulklassen nutzen und gestalten können.

Wir/Heute/Morgen/Alle/Zusammen... | Foto: Sami Rauscher

Eine kleine Führung macht deutlich, wie viel Potenzial hier genutzt werden kann. Auf der rechten Seite im Erdgeschoss gibt es einen Kaffeeraum. Er wurde saniert, der Kachelofen kam raus, eine Heizung sorgt nun für die nötige Wärme. Sofas laden zum gemütlichen Verweilen ein. Daneben gibt es eine Küche.

Im Erdgeschoss befindet sich ein Raum mit Sofas, eine Kleidertauschecke und eine Büronische. Der Bahnhofseingang, an den der Raum anschließt, wurde im Rahmen eines Workshops schick gemacht – wie so vieles im Demokratiebahnhof. Hier gibt es eine kleine Wand, die besprüht werden darf. Außerdem ebenerdig: eine Fahrradwerkstatt, die immer dienstags geöffnet hat.

Eine Etage höher warten ungenutzte Räume und viel Platz für Kreativität auf die Jugendlichen. Pullover und Shirts können in einer Siebdruckwerkstatt mit dem Logo des Demokratiebahnhofs versehen werden - das kommt gut an. Im ersten Stock befindet sich neben Materialräumen auch ein Zimmer, das bald als Proberaum für Bands dienen soll. Hierfür wurden mehr als 5.000 Euro über eine Crowdfunding-Aktion gesammelt. Mit dem Geld will der Demokratiebahnhof Technik und Instrumente kaufen, den Raum sanieren und Workshops finanzieren.

Allein auf dieser Etage gibt es noch viele Stellen, die intensiver genutzt werden könnten: eine alte Bastelkammer sowie ein beheizbares, wohnliches Zimmer, eine neue Bastelbude und ein weiterer Raum, in dem eine neue Küche entstehen soll. Für die Umgestaltung dieser Etage sind weitere Bauworkshops geplant, in denen Ehrenamtliche und Jugendliche zusammenarbeiten. Finanzielle Möglichkeiten, eine Baufirma zu engagieren, gibt es nicht. Alles muss aus eigener Kraft entstehen.

Plan des Gästezimmer | Foto: Sami Rauscher

Auf dem Dachboden könnten die Räumlichkeiten verschiedener nicht sein. Auf der einen Seite ein paar verlassene Zimmer. Am anderen Ende des Flurs wurde ein Raum als Kunstinstallation umgestaltet. Das Modell eines Gästezimmers. Schlicht und gemütlich. Jugendliche können zudem Räume erfragen, als Rückzugsort nutzbar machen und nach eigenem Gusto gestalten.

Wie lange der Demokratiebahnhof noch existieren kann, liegt in den Händen der UnterstützerInnen. Der Mietvertrag läuft nur noch zwei Jahre. Die finanzielle Belastung ist eine regelmäßige Herausforderung, denn der Bahnhof muss die hohen Miet- und Heizkosten aus Spendengeldern berappen.

Obwohl schon viel über das Projekt geschrieben wurde, ist es noch nicht allen BewohnerInnen der Stadt bekannt. Am Ende des Besichtigungstages steht eine Frau vor dem Bahnhofseingang, der gerade wieder versperrt werden soll: „Ist etwa nicht offen?“ - „Ähm, nein.“ - „Auch der Kiosk nicht?“ - „Welcher Kiosk?“ Sie tritt einen Schritt in den Bahnhof, um sich verblüfft umzusehen: „Sieht ja alles ganz anders aus hier. War wohl schon länger nicht mehr da.“

 

Das Projekt „Demokratiebahnhof Anklam“ wurde mir dem diesjährigen Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ ausgezeichnet. Das Projekt besteht seit 2014.

Aus der Begründung der Jury:
"Der Demokratiebahnhof Anklam überzeugte die Jury in hohem Maße, weil das Projekt in Zeiten der Verunglimpfung von Demokratie und erstarkenden rechtspopulistischen Parteien insbesondere den Jugendlichen mit vielfältigen Aktionen und Veranstaltungen spannende Möglichkeiten zur Beteiligung und Mitsprache eröffnet. Mehrgleisig in den Künsten, signalgebend für die Region und mit der Kraft einer Lokomotive wird hier wahre Pionierarbeit geleistet (...). Politische Teilhabe von Jugendlichen war in Anklam nicht nennenswert vorhanden, bis der Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern ein leerstehendes Bahnhofsgebäude nutzte und den Demokratiebahnhof gründete, dessen Name seitdem Programm ist. Die Ideen der Jugendlichen wurden hier nicht abgetan, sondern diskutiert und mit viel ehrenamtlichen Engagement umgesetzt. (...) Der Demokratiebahnhof hat sich in unmittelbarer Nachbarschaft nachhaltige Strukturen in beispielhafter Qualität geschaffen. Beteiligt sind ganz unterschiedliche AkteurInnen, sie reichen von den PfadfinderInnen und der Stadtverwaltung Anklam bis hin zur Berliner Akademie der Künste. PartnerInnen aus den Bereichen Wirtschaft, Kultur, Bildung, Soziales, Politik, Verwaltung, Kirche, Umwelt und anderen zivilgesellschaftlich organisierten Netzwerken machen hier regelmäßig Station."

Sami David Rauscher ist freier Journalist und arbeitet in der Unternehmenskommunikation. Nach seinem Volontariat bei einem Printmagazin und verschiedenen Stationen im Radio und Lokalfernsehen setzte er sich 2016 bei den Neuen deutschen Medienmachern als New Media Spezialist für das No Hate Speech Movement Deutschland gegen Hass im Netz ein. Aktuell beschäftigen ihn Videoinhalte im unternehmerischen Kontext.