„Achtung – Schiris!“: Fußball als kleinster gemeinsamer Nenner

Nominiert für den Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ 2017

21.04.2017 Von: Runak Sabbar-Letaief

Eröffnung der Ausstellung | Foto: Museum Springe

Wie begeistert man drei unterschiedliche Gruppen Jugendlicher für ein Bildungsprojekt? Zum Beispiel mit Fußball, wie eine Ausstellung aus Hannover zeigt.

Dirk Schröder, Vorsitzender des Fußballmuseums Springe und Dozent an der Leibniz Universität Hannover, und Carsten Schierholz, Berufsschullehrer in Hannover, arbeiteten bereits in diversen Projekten zusammen. Als es um die Frage ging, wie man drei unterschiedliche Gruppen Jugendlicher in einem Bildungsprojekt zusammenbringt, hatten sie eine so einfache, wie überzeugende Idee: „Wir fragten uns nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner und stießen sofort auf das Thema Fußball.“

Gemeinsam konnten sie 20 deutsche GymnasiastInnen, 14 jugendliche Kriegsflüchtlinge und SchülerInnen der Berufsbildenden Schule ME in Hannover (BBS ME), sowie zwölf Lehramtsstudierende für ihr Bildungsprojekt gewinnen. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden am 30. Mai 2016 im Rahmen der Ausstellung „Achtung Schiris!“ im Fußballmuseum Springe präsentiert: Unter dem Motto „Miteinander - Gemeinsam für Integration“ entwickelten die Jugendlichen zusammen Texte, Schautafeln und Ausstellungsideen zu dem Thema „Schiedsrichterwesen“. „Diese drei Gruppen, die sonst keinerlei Berührungspunkte hatten, fanden durch den Fußball zueinander und erarbeiteten gemeinsam ein tolles Konzept“, blickt Dirk Schröder zurück.

Von- und miteinander lernen

Im Fußballmuseum Springe, inmitten von Sammlerstücken und Exponaten rund um den Fußball, können es fünf TeilnehmerInnen des Projektes kaum abwarten, zu Wort zu kommen. Dieses Engagement hat das Ausstellungsprojekt von Anfang an begleitet. „Der Grund, weshalb ich mich für diese Initiative so stark gemacht habe, waren meine SchülerInnen“, erzählt Carsten Schierholz. Sie seien mit dem Wunsch an ihn herangetreten, die deutsche Sprache gemeinsam mit Deutschen zu erlernen, um somit Kontakte aufzubauen. Denn häufig blieben die SchülerInnen aus den Sprachförderklassen im Alltag unter sich.

V.l.n.r. Hannah Keßler, Jeremy Busche, Esmatullah Ahmadzei, Carsten Schierholz und Dirk Schröder im Fussballmuseum Springe

Ähnliche Beobachtungen machte Dirk Schröder in seinem Arbeitsumfeld: Die angehenden LehramtsstudentInnen hätten keinerlei praktische Erfahrung im Umgang mit geflüchteten Menschen. Das Projekt sei deshalb der ideale Rahmen gewesen, um einen Austausch zu ermöglichen.

Esmatullah Ahmadzei ist vor etwa zwei Jahren aus Afghanistan geflüchtet und besucht zurzeit die BBS ME in Hannover. Er spricht voller Begeisterung davon, wie leicht es ihm fiel, im Rahmen des Projektes Deutsch zu lernen. Auch die beiden SchülerInnen des Hannah-Arendt-Gymnasiums in Barsinghausen, Jeremy Busche und Hannah Keßler, sind sichtlich beeindruckt. Sie berichten, dass sie bereits vor dem Projekt gern mit geflüchteten Menschen in Kontakt getreten wären. Es habe jedoch eine unsichtbare Schwelle gegeben, die sie nicht überwinden konnten. Mit der Teilnahme an „Achtung Schiris“ sei diese Hürde genommen worden. Die SchülerInnen loben außerdem den Austausch mit den Studierenden: „Wir bekamen dadurch einen Einblick in das Universitätsleben und das Thema ‚Studieren’.“

Schritt für Schritt Richtung Ausstellung

Der Start war ein gemeinsamer Aufenthalt im Harz. „Wir veranstalteten einen Schneemann-Wettbewerb, damit sich die Jugendlichen besser kennenlernen konnten“, erinnert sich Dirk Schröder. Doch auch ohne diese Aktion hätte die Gruppe schnell zueinandergefunden, fügt Jeremy Busche hinzu:. „Wir lächelten uns einfach an und kamen gleich ins Gespräch!“ Für ihn sind Humor und Spaß die besten Eisbrecher. Eine ganz besondere Erfahrung machte Esmatullah Ahmadzei: „Ich stand im Harz das erste Mal auf Schlittschuhen. Zwei deutsche Schüler haben mich dabei festgehalten, damit ich nicht umfalle“. Heute liebt er das Eislaufen und besucht regelmäßig Eisstadien.

Es folgten viele weitere Ausflüge, Aktionen und gemeinsame Treffen. Dabei fand ein kultureller und sprachlicher Austausch statt. „Wir lernten zum Beispiel, wie man Schiedsrichter auf Persisch, Arabisch und in vielen anderen Sprachen schreibt“, erzählt Hannah Keßler. Weitere Themen wie ein Schiedsrichter-Quiz oder die Geschichte des Schiedsrichterwesens wurden gemeinsam erarbeitet. So nahm die Ausstellung Schritt für Schritt Gestalt an.

Am Tag der Eröffnung seien alle aufgeregt gewesen. „Die Jugendlichen hatten uns explizit darum gebeten, keine langen Reden zu halten“, so Dirk Schröder. Deshalb startete der Tag mit einem Tischfußballturnier. „Die Räume im Fußballmuseum Springe waren brechend voll und heiß“, erinnert sich Jeremy Busche. Etwa 150 Gäste erschienen, unter ihnen auch der ehemalige FIFA-Schiedsrichter Florian Meyer. „Wir waren total aufgeregt, als wir die Gäste durch unsere Ausstellung führten und ihnen die Exponate erläuterten“, erinnert sich Hannah Keßler. Alle seien letztlich stolz gewesen, gemeinsam Ergebnisse präsentieren zu können.

Vertrauen in die Jugendlichen zahlt sich aus

„Auch SchülerInnen, die das Projekt zu Beginn nicht so gut fanden, hat diese Erfahrung positiv verändert“, sagt Jeremy Busche. Überhaupt hätte sich sein Blickwinkel gegenüber geflüchteten Menschen stark gewandelt. Er kenne nun Fluchtgeschichten, die ihn sehr berührt hätten. Nach dem Projekt habe er Mut gefasst und andere geflüchtete Menschen angesprochen und zu sich nach Hause eingeladen. Auch Hannah Keßler fühlt sich durch die Erfahrungen im Projekt ermutigt und schmiedet neue Pläne: „Ich werde nach dem Abitur wahrscheinlich ein Freiwilliges Soziales Jahr machen und würde gern in diesem Rahmen eigene Bildungsprojekte zum Thema Integration umsetzen.“

Esmatullah Ahmadzei glaubt, dass solche Projekte Vorurteile auf beiden Seiten abbauen: „Ich hatte vorher Angst vor Deutschen - ich hörte, sie seien unfreundlich.“ Aber das alles gehöre jetzt der Vergangenheit an. Er freue sich über die neuen Begegnungen, aus denen für ihn tolle Freundschaften entstanden sind und wünscht sich weitere solche Projekte. Carsten Schierholz ist sichtlich gerührt über diese Aussage. „Als Lehrer wollte ich, dass meine SchülerInnen nicht nur ihre Deutschkenntnisse verbessern, sondern auch die kulturellen Zusammenhänge verstehen.“

Alle TeilnehmerInnen beteiligten sich an dem Ausstellungsprojekt auf freiwilliger Basis, umso mehr freuen sich die Verantwortlichen über das große Engagement. „Ich habe gelernt: Wenn man Jugendlichen einen Raum gibt, dann machen sie das schon alles untereinander aus“, sagt Dirk Schröder. „Das Vertrauen in die jungen Menschen hat sich ausgezahlt und wir sind sehr stolz auf die gemeinsame Ausstellung.“

 

Das Projekt „Achtung – Schiris!“ ist für den diesjährigen Sonderpreis „Kultur öffnet Welten“ nominiert. Projektzeitraum: Oktober 2015 - Juni 2016, (Ausstellungseröffnung 30. Mai 2016)

Aus der Begründung der Jury:
„Mit dem Projekt „Achtung Schiris!“ zeigte das Fußballmuseum Springe in beispielhafter Form, wie auch kleinere Kulturinstitutionen grundlegende Beiträge zur Integration und Partizipation geflüchteter Kinder und Jugendlicher leisten können. In gemeinsamer, pädagogisch begleiteter Arbeit konnten die jugendlichen Kriegsflüchtlinge mit Jugendlichen aus Deutschland eine Sonderausstellung im Museum zu Schiedsrichtern im Fußball nach ihren Vorstellungen gestalten. Die unterschiedlichen Kulturen und Sprachen der Jugendlichen flossen aktiv in die Gestaltung des Projekts mit ein. Neben der exemplarischen Verbindung von Kultur und Sport wie auch dem vorbildhaften ehrenamtlichen Engagement überzeugte das Projekt auch durch die Breite an gesellschaftlich relevanten Themen, die ausgehend von der Rolle des Schiedsrichters im Fußball aufgegriffen wurden“

Runak Sabbar-Letaief hat Politikwissenschaften, Anglistik und Französisch studiert. Die freie Journalistin arbeitete zunächst unter anderem für NDR1 Niedersachsen, bevor sie 2011 die Zeitung Basar (www.basar-zeitung.de) gründete, um „Vielfalt in der Arbeitswelt“ zu thematisieren. Mittlerweile wird die Zeitung mit einer Auflage von 44.000 Exemplaren in Niedersachsen und Hamburg herausgegeben.