Die Sinne anspielen

19.05.2017 Von: Elisabeth Gregull

Führung im Hambuger Bahnhof | © Staatliche Museen zu Berlin, Foto: Anika Büssemeier

Vor zehn Jahren entwickelte das Duisburger Lehmbruck-Museum die erste Führung für Menschen mit Demenz. Inzwischen gibt es bundesweit mehrere Museen mit solchen Angeboten. Zu Besuch bei einer Führung im Hamburger Bahnhof.

„Der Anlass war ein persönliches Schicksal. Die Mutter meiner Kollegin war an Alzheimer erkrankt. Sie hatte als Angehörige mit allem zu kämpfen, was typisch für die Erkrankung ist.“ Sybille Kastner, Kunstvermittlerin am Duisburger Lehmbruck-Museum, blickt auf das Jahr 2007 zurück: „Wir haben überlegt, könnten Führungen für Menschen mit Demenz ein Thema sein? Schnell kamen wir darauf, dass es ein großes gesellschaftliches Thema ist.“

Kastner und ihre Kollegin waren die ersten in Deutschland, die eine solche Führung entwickelt haben. Gemeinsam mit dem Hamburger ISER-Institut, das an der Schnittstelle von Kunst und Gesundheit forscht, führte das Lehmbruck-Musuem dann ein Forschungsprojekt über Kunstvermittlung für Menschen mit Demenz durch. Elf Kunstmuseen konnten von den Ergebnissen in praxisnahen Fortbildungen profitieren, um eigene Angebote zu erarbeiten. Zu ihnen gehört der „Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart“ in Berlin.

Bienenwachs in den Händen

Ein kalter, grauer Samstag im Februar 2017, das Museum für zeitgenössische Kunst ist gut besucht. In einem Ausstellungsraum mit einer großen Fett-Skulptur von Joseph Beuys sitzt eine Gruppe älterer Männer und Frauen in einem Stuhlkreis zusammen. Kunstvermittlerin Julia Devies schaut in die Runde: „Joseph Beuys hat mit besonderem Material gearbeitet. Haben Sie eine Idee, woraus diese Stücke gemacht sind?“

Es kommen einige Vorschläge: Holz? Granit? Plastik? Julia Devies greift die Ideen auf und räumt ein: „Ganz eindeutig ist es nicht zu sehen. Manchmal kann man es riechen. Aber ich habe etwas dabei, was Ihnen vielleicht hilft. Da dürfen Sie aber nur fühlen und nicht gucken.“ Sie holt aus einem Korb weiße Leinenbeutel und verteilt sie. Die Teilnehmenden lassen ihre Hände in die Beutel gleiten. Was könnte das sein? Irene Zeiser* wirft ein: „Man kann es kneten, aber was ist das für ein Gefühl?“

Wärme und Kälte

Es entstehen Gespräche, es wird gelacht und spekuliert „Sie dürfen es rausnehmen“, sagt Julia Devies. „Vielleicht riechen sie mal daran.“ Und dann bemerkt jemand: „Es riecht nach Honig.“ Nach und nach kommt die Gruppe darauf, dass sie Bienenwachs in den Händen hält. Die Kunstvermittlerin schlägt den Bogen zur Skulptur: „Die großen Stücke, das ist alles Fett.“ Sie geht zu einem der Blöcke und zeigt auf einen Streifen, der sich farblich etwas abhebt: „Hier ist es ein bisschen dunkler. Das ist Bienenwachs.“

Wieder greift Julia Devies in ihren Korb, diesmal holt sie kleine Steine raus. „Den Bienenwachs konnten sie kneten, diese Steine kann man nicht mehr verändern. Spüren Sie den Unterschied?“ Dann erzählt sie, dass Beuys die Idee zu diesem Kunstwerk hatte, als er eine kalte Unterführung aus Beton gesehen hat: „Er hat den Tunnel nachgebaut – alle Fettstücke zusammen würden in diese Unterführung passen. Dem unveränderlichen kalten Stein wollte er etwas Warmes, Weiches entgegensetzen, das sich im Laufe der Jahre ändern kann.“

Das eigene Handwerkszeug weiterentwickeln

Julia Devies, die seit einem Jahr die Führungen anbietet, erlebt die Menschen in den Gruppen sehr unterschiedlich. Manche können noch gut Treppen steigen, andere gehen langsam oder nutzen einen Rollstuhl. Einige reden leise und fast mühsam, andere fließend. Die Gruppe heute kommt aus Wohngemeinschaften für Menschen mit Demenz, die der Pflegedienst Schönholzer Heide betreut. Symptome der Krankheit sind, dass die Betroffenen vergesslich werden, sich schlechter orientieren können und Probleme beim Sprechen haben. Abstrakte Sachverhalte zu verstehen, wird mit der Zeit immer schwieriger.

Im Gegensatz zu klassischen Museumsführungen, die oft auf Wissensvermittlung setzten, gehen die Fortbildungen des ISER-Instituts auf die konkreten Bedingungen vor Ort ein. „Eine methodische Fragestellung ist: Wie aktiviert man die Sinne?“ erklärt Michael Ganß vom ISER-Institut. Es gehe darum, synästhetische Formen des Zugangs zu ermöglichen und das sinnlich Wahrnehmbare zum Gegenstand zu machen. Die üblichen Erfolgsmaßstäbe der Kunstvermittlung - viel verbale Auseinandersetzung, tolle Inhalte und Schnelligkeit – könne man nicht ansetzen, meint Sybille Kastner. Der Ablauf von Führungen für Demenzkranke folge einer anderen Logik.

Anlehnungspunkte zum Gespräch

Jede Führung beginnt mit einem Kaffeetrinken. Im Atelier ist ein Tisch mit Kaffee und Kuchen gedeckt. Julia Devies hat eine Tischdecke ihrer Oma mitgebracht, die dem funktionalen Raum etwas mehr Gemütlichkeit verleiht. Sie fragt die Gruppe, wie sie hergekommen ist, aus welchem Stadtteil die TeilnehmerInnen kommen. Das Gespräch stellt erst die Gäste in den Mittelpunkt. Mit der Zeit spricht sie über die Geschichte des Hamburger Bahnhofs und kündigt an: „Wir werden einen speziellen Blick auf das Material haben. Woraus wurde das Werk gemacht? Wie erkennen wir das Material?“

Der Zugang über Material war eine bewusste Entscheidung, erzählt Julia Devies im Rückblick: „Als wir über ein möglichst inklusives Angebot nachgedacht haben, war die Frage: wie können wir am besten die Sinne anspielen? Das Fühlen von Stoffen löst etwas aus. Das passt gut zum Hamburger Bahnhof. Denn bei vielen Werken ist das Material ein Schwerpunkt.“

Die Bereitschaft, sich auf diesen Ansatz einzulassen, sei bei diesen Gruppen sehr hoch: „Das finden wir bei anderen Erwachsenen-Gruppen oft nicht. Da ist die Auseinandersetzung über faktisches Wissen gefragt.“ Bei den Führungen für Menschen mit Demenz gehe es aber um das gemeinsame Erlebnis: „Es ist schön, wenn wir untereinander Sachen teilen können – Erinnerungen, Gespräche, Dialoge. Die Wissensvermittlung steht eigentlich im Hintergrund. Die Kunstwerke sind Anlehnungspunkte zum Gespräch.“

Ein „viel zu großer“ Filzanzug

Dieser Zugang kann Menschen aus der Reserve locken. Helene Jäger sagt zu Beginn der Führung kaum etwas. Als die Gruppe bei der zweiten Station, einem Filzanzug von Joseph Beuys, Platz nimmt, fragt Julia Devies: „Würden Sie den Anzug anziehen?“ Eine Diskussion entsteht, dass der Anzug viel zu groß sei, die Ärmel zu kurz und die Beine zu lang. Als das Gespräch auf das Material Filz kommt und woher man es kenne, gibt es spontane Reaktionen: Pantoffeln, Kaffeeuntersetzer, Eierwärmer, Hüte. Und auch Helene Jäger schaltet sich jetzt ein; bei der dritten und letzten Station, einer Lichtinstallation von Dan Flavin, stellt sie eigene Fragen und bringt Ideen ein.

Als Julia Devies sich von der Gruppe verabschiedet, sind sich alle einig: die Zeit ist zu schnell vergangen. Der nächste Museumsbesuch ist bereits geplant: die Gruppe ist einen Monat später in der Berliner Gemäldegalerie angemeldet.

Museen als Teilhabeorte

Wilhelm Bauer hat die Führung gut gefallen: „Das ist für uns, die wir doch beschädigt sind, eine feine Sache. Es kam uns einiges entgegen: das Hinsetzen zum Beispiel, die kleine Kaffeerunde und die Ruhe.“ Herbert Müller dagegen ist unzufrieden: „Es war zu wenig. Ich habe nur drei Sachen gesehen.“ Irene Zeiser ist neugierig geworden: „Mir hat es sehr gut gefallen. Ich werde versuchen, meinen Sohn zu überreden, dass er mal mit mir herkommt.“

Anne Fäser, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hamburger Bahnhof, hat gemeinsam mit Julia Devies die Führungen entwickelt. Die monatlichen Termine hat sie bewusst auf das Wochenende gelegt: „Wir wollten ein Angebot konzipieren, das auch für Einzelpersonen attraktiv ist. Es gibt viele kunstinteressierte Menschen, die ihre Familienangehörigen pflegen und privat oder in Selbsthilfe-Gruppen ein kulturelles Angebot suchen, das für beide passt. Wir erhalten positives Feedback auf die Führungen.“

Am Lehmbruck-Museum gibt es auch offene Ateliers für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, in denen sie unter Anleitung gemeinsam arbeiten können. Sybille Kastner wünscht sich für die Verankerung solcher Angebote mehr Unterstützung: „Diese Programme leben von dem Engagement der Leute, die das im Museum vorantreiben. Die Häuser tun sich noch immer schwer mit dem demografischen Wandel.“

*Die Namen der TeilnehmerInnen wurden geändert

Elisabeth Gregull studierte Germanistik, neugriechische Literatur und Geschichte in Berlin und Thessaloniki. Anschließend arbeitete sie zehn Jahre für Stiftungen und Organisationen im Bereich demokratischer und interkultureller Bildung. Nach einem Zweitstudium an der Deutschen Fachjournalistenschule ist sie seit 2011 als freie Journalistin mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit tätig.