Was heißt „Abseits“ auf Deutsch? Alltag als Kontaktzone

06.06.2017

Wolfgang Kaschuba | Foto: Ralf Rebmann

Zahlreiche Kulturprojekte widmen sich Transformationsprozessen in ländlichen Regionen. Welche unterschiedlichen Voraussetzungen für kulturelle Arbeit bieten „Stadt“ und „Land“? Was können sie voneinander lernen? Ein Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba, Ethnologe und Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.

Womit erklären Sie sich, dass das Hochglanzmagazin „Landlust“ eine der meist gekauften Publikumszeitschriften in Deutschland ist?

Dahinter verbirgt sich der Rest eines romantischen Traumes vom Land und der Naturnähe, den die Stadt so nicht erfüllen kann. Offenbar halten wir das Land noch für die „richtige Natur“ – im Unterschied zur Stadtnatur. Die Mobilität über Stadtgrenzen hinaus ist ein weiterer Grund für die Beliebtheit solcher Magazine. Dabei hat der Stadtmensch ein eher ambivalentes Verhältnis zu Bildern von ländlichem Leben, die wir zum Teil als rückwärtsgewandte Utopie behandeln, zum Teil als Projektionsfläche für das Exotische und Andere. In den letzten Jahren erleben wir jedoch auch einen Gegentrend: eine neue Stadtromantik. In Berlin gibt es viele BewohnerInnen in den Außenbezirken, die sehnsüchtig in die Mitte der Stadt schauen.

Was verstehen Sie unter den Begriffen „Stadt“ und „Land“?

Wenn ich „Stadt“ und „Land“ sage, dann mit einem geschichtlichen Hintergrund. Historisch betrachtet ist das Land, das Dorf, ein ganz eigener Sozialraum. Denn der ging mit Raum primär im Sinne von nutzbarem Ackerland und Weideland um. Im Unterschied zur Stadtökonomie ist diese Ressource nicht erweiterbar. Die soziale Kontrolle des Landes ist demnach das Resultat einer Geschichte des begrenzten Raumes. Nicht die Liebe zählte, sondern die Äcker mussten bei der Heirat passen. Diese historischen Gründe wirken zum Teil bis heute kulturell nach. Ländliche Räume verhalten sich meist sehr hermetisch gegen alles, was fremd ist – keineswegs nur gegen Geflüchtete. Die Stadt ist hingegen geprägt durch Migration, Bevölkerungswachstum, durch die Zuwanderung von Menschen, Ideen und Waren. Damit trainiert sie permanent Tausch und Austausch. Die Stadt ist daher unser „Labor“ der wirtschaftlichen und kulturellen wie der politischen Entwicklung. Das Land hingegen bleibt meist Nachhut.

Welche Wechselwirkungen lassen sich zwischen diesen Räumen, „Stadt“ und „Land“, ausmachen?

In der Stadt erleben wir eine „Verdorfung“ urbaner Räume und Kulturen, eine Suche nach Vertrautheit, nach Wiederbegegnung – gegen die Anonymität. Diese emotionale Suche äußert sich in mancher Urban Gardening-Kolonie oder etwa selbstironisch in Gestalt des „Heimathafens Neukölln“ in Berlin. Es gibt jedoch einen Unterschied: Die Stadt entwickelt Wahl-Dörfer, jede und jeder kann hinein- und jederzeit hinausgehen. Stadt bedeutet „gewählte“ Identität, während das Dorf „angeborene“ Identität bereithält. Andererseits wirkt heute das Dorf in neuer Weise in die Stadt hinein. Ländliche Regionen und Wählerschaften bestimmen immer häufiger den politischen Kurs – oft gegen die Stadtgesellschaften. Etwa weil rechtspopulistische Bewegungen das Wahlverhalten auf dem Land mobilisieren und organisieren. Einige große politische Entscheidungen der vergangenen Jahre sind auf dem flachen Land entschieden worden, gegen die großen Städte. Das sahen und sehen wir etwa in Österreich, in Ungarn und in Polen. Auch die Brexit-Bewegung wie die Trump-Kampagne haben sämtliche ländlichen Regionen für sich gewonnen.

Wie erklären Sie sich diese Entwicklung?

Hier stimmten Sozialmilieus ab, die offenbar mehr Sicherungen und Sicherheiten benötigen, weil sie die übrige Gesellschaft in eher bedrohlichen und bedrängenden Bildern wahrnehmen. Gerade in den Städten existiert eine Gesellschaft der Lebensstile, die sich in hohem Maße über Individualität definiert, über die Freiheit der Zuordnungen - nicht mehr über das Hineingeborensein. Auf dem Land verspricht dieses Hineingeborensein eine Garantie, dass das Leben weiter funktioniert: Feuerwehrverein, Gesangsverein, Schützenverein, Fußballverein, die Nachbarschaft, das „Äckerle“. Dort liegen sterbende Dörfer und Regionen direkt neben prosperierenden Gemeinden. Und schuld an der Misere sind notfalls die Anderen, die Fremden – wenn die Politik nicht dagegenhält und sich nicht um Gewerbeansiedlung, um alternative Ökonomien, um Tourismus und auch um die Flüchtlingssituation kümmert. Klar ist: Wo sich die Ortspolitik kümmert und engagiert, funktioniert Integration.

Wie schätzen Sie die Rolle von KulturakteurInnen ein, die in ländlichen Regionen über kulturelle Angebote Impulse setzen und lokale Initiativen unterstützen – wie beispielsweise das vom Bund geförderte Programm TRAFO?

Theoretisch und konzeptionell sind diese Angebote wichtig und gut, weil sie Querformate und alternative Räume entwickeln. Solche Kulturinitiativen können neue soziale und kulturelle Konstellationen herstellen. Sicherlich funktioniert nicht jede urbane Idee auf dem Land, weil es dort andere Körperkonzeptionen gibt, andere Vorstellungen von Moral und Arbeitsethos. Der öffentliche Raum als Freizeitzone, der nicht nur aus Arbeit besteht, sondern auch aus Gefühlen, aus Party, aus Konsum, Esskulturen und Lebensstilen: Dies kommt erst jetzt langsam auf dem Land an. Bei solchen Projekten und Prozessen spielen gerade traditionelle Vereine oder Kirchengemeinden eine wesentliche Rolle. Der Deutsche Fußballbund weiß, dass in vielen Dörfern ohne Migration längst keine Jugendmannschaft mehr möglich wäre.

Sie beschreiben Städte als Orte der Migration. Seit Sommer 2015 sind auch deutlich mehr Dörfer und Kleinstädte in Deutschland mit dem Thema konfrontiert. Kann in einer Dorfgemeinschaft das Ankommen von Geflüchteten nicht schneller realisiert werden – gerade weil es dort nicht so anonym zugeht wie in der Stadt?

Es gibt Dorfgemeinden, wo sich Ablehnung und Akzeptanz die Waage halten. Es gibt aber wohl mehr, die die Aufnahme von Geflüchteten entweder völlig ablehnen oder gemeinsam annehmen. Viele Dörfer reagieren in der Tat kollektiv. In manchen Gemeinden rufen BürgermeisterInnen aktiv zur Aufnahme und Integration von Flüchtlingen auf. Sie wissen, dass solche Erfahrungen Dorfgesellschaften stärken. Allerdings muss die Politik dafür ein Konzept anbieten, das auch die Aufnahmebereitschaft und Gefühle der BürgerInnen berücksichtigt. Wichtig ist der Zeitfaktor: eine Arbeit und eine Wohnung zu finden, das kann dauern. Aber gemeinsame Aktivitäten samt Festen, Chorsingen, Kochen oder Fußballspielen, lassen sich schnell organisieren. Das ist vielen Gemeinden gelungen, sie haben Alltag geschaffen. Fußballvereine in Deutschland machen vermutlich mehr inoffizielle Deutschkursangebote als manche Kommunen, weil es schließlich wichtig ist zu wissen, was „Abseits“ auf Deutsch heißt. Den Alltag als Kontaktzone und als Integrationsraum zu schaffen und von dort aus bis zum Spracherwerb und der Jobvermittlung alles zu organisieren – das scheint mir die richtige und vernünftige Strategie zu sein.

Sie sind seit 2014 im Vorstand der Deutschen UNESCO-Kommission. Was bedeutet für Sie „Kulturelles Erbe“ im Kontext von Stadt und Land?

Vieles in unserer Gesellschaft verändert sich. Kulturelles Erbe meint zunächst das, was über Generationen Bestand hat. Es hilft bei der Verortung in der heutigen Gesellschaft, weil es mit Erfahrung, Sicherheiten und Wissen zu tun hat. Dieses Erbe meint nicht nur „Alter“, sondern auch „Lebendigkeit“. Die bayerische Jugend-Trachtengruppe ist möglicherweise ganz ähnlich drauf wie der „Heimathafen Neukölln“. Sie spielt mit ihren Instrumenten nicht nur Volksmusik, sondern abends auch Rock oder Rap. So wird das „Erbe Musik“ plötzlich vieldeutig, weil es sich einerseits auf das traditionelle Repertoire beziehen kann, andererseits auf seine Modifikation oder Aktualität. Im städtischen Raum hat das kulturelle Erbe ohnehin schnellere Verfallszeiten. Würde man in Berlin nicht fragen „Was ist kulturelles Erbe?“, sondern „Was ist in deinem Sozialraum für dich wichtig?“, erhielte man Antworten wie Clubs, vegetarische Lokale, Plätze zum Chillen oder Spazierengehen und ähnliches – je nach Situation und Generation. Kulturelles Erbe ist heute keine starre Tradition mehr, sondern vielmehr eine gemeinsame kulturelle Praxis mit einer gewissen Zeitlichkeit.

Die Fragen stellten Eva Stein und Ralf Rebmann (Redaktion Kultur öffnet Welten)

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba (*1950) studierte Empirische Kulturwissenschaft, Politologie und Philosophie in Tübingen. Es folgten Promotion und Habilitation. Von 1992 bis 2015 war er Professor für Europäische Ethnologie an der Humboldt- Universität zu Berlin und ab 1994 dortiger geschäftsführender Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie. Im Georg- Simmel-Zentrum für Metropolenforschung war Kaschuba Vorstandsmitglied in den Jahren 2005 bis 2016 sowie geschäftsführender Direktor von 2012 bis 2014. Er ist Mitglied und seit 2014 im Vorstand der Deutschen UNESCO-Kommission sowie seit 2013 Mitglied der UNESCO-Expertengruppe Immaterielles Kulturerbe. Seit 2015 ist Wolfgang Kaschuba geschäftsführender Direktor des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung.