Under the Mango Tree

Alternative Formen des Lehrens und Lernens in der Kunst

21.07.2017

Sepake Angiama, Leiterin der Vermittlung der documenta 14, und Elke aus dem Moore, Leiterin des Bereichs Bildende Kunst am Institut für Auslandsbeziehungen (ifa), sprechen über neue Bildungsansätze, andere Lehrpläne und ihre Konferenz „Under the Mango Tree“ zu alternativen Formen des Lehrens und Lernens in der Kunst.

Worum geht es für Sie eigentlich bei dem Motto „Lernen von Athen“?

Sepake Angiama (SA): „Lernen von Athen“ war nie wörtlich zu verstehen. Als geografische Metapher meinte es zunächst die „bereitwillige Entfremdung“ vom Zentrum hin zu einem Ort, der als Randlage Europas gilt, tatsächlich aber nicht nur eine zentrale Durchgangsstelle zwischen Europa und anderen Teilen der Welt, sondern auch ein Knotenpunkt von Europas gemeinsamer Geschichte mit dem Nahen Osten und Afrika ist. South as a State of Mind, die Zeitschrift der documenta 14, bekennt sich mit diesem Titel ebenfalls zu einer Denkweise oder Haltung, die dem Norden nicht dialektisch entgegentritt, sondern aus einer anderen Position das Wort ergreift.

Elke aus dem Moore (EadM): Für mich enthält „Lernen von Athen“ Anklänge an die Gedanken der Solidarität und des Lernens aus Krisen. Weiterentwicklung wäre ohne Krisen gar nicht vorstellbar. Krisen ermöglichen und erzeugen andere Arten des Denkens, Handelns und eben auch Lernens. Unser westliches Universalismusmodell steckt in einer Krise. Anerkannte Formen der Wissensproduktion und Bildung stoßen erkennbar an ihre Grenzen und können vieles nicht mehr abdecken. Viele Künstlerinnen und Künstler hinterfragen infolgedessen Wertehierarchien, problematisieren die Standardisierung des Bildungssystems und erfinden neue Formen kollektiven Lernens.

Diese Diskussion begleitet uns schon seit einiger Zeit. In den Debatten rund um die Dekolonialisierung des Lernens ist inzwischen aber auch vom Ent-Lernen die Rede, und manche meinen gar, das Wort „Lernen“ sei überhaupt nicht mehr angebracht. Wie sehen Sie das? Und was bedeutet „Dekolonialisierung“ der Bildung für Sie?

SA: Stimmt, es wird zurzeit viel über das Lernen und natürlich auch Entlernen diskutiert. Dementsprechend haben wir uns entschieden, den Vermittlungsbereich der documenta 14 „aneducation“ zu nennen. Die Vorsilbe „an-“ meint dieses Auseinandernehmen von etwas. Lernen hat für mich mit Haltungsveränderung zu tun, mit der Fähigkeit, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Lernen heißt herausfinden, wie man dem Wissen eine Form gibt und es anschlussfähig macht, wie man andere Erzählungen aufnimmt als die, die einem schon bekannt sind.

Warum habe ich beispielsweise in der Schule von der Kultur der griechischen Antike erfahren, aber nichts über das Königreich Benin? Unsere Systeme und Institutionen der Bildung beglaubigen nur Wissen, das als „anerkannt“ gilt, und das ergibt ein System gesellschaftlicher Unterdrückung. Fragen wie diese stellen sich im Zuge des Ent-Lernens. Es geht darum, Anerkanntes zu hinterfragen und komplexer zu denken, um Veränderungsperspektiven zu entwickeln. Ent-Lernen heißt, sich mit Formen von Wissen auseinanderzusetzen, die vom „Kanon“ unterdrückt und für ungültig erklärt worden sind.

Um Bildung zu dekolonialisieren, muss man zunächst einsehen, dass Bildung kolonisiert wurde, dass Systeme des Wissens darüber entscheiden, was als wertvolles Wissen gilt und was nicht. Es geht dabei um viel mehr als nur das Hinzufügen einer Perspektive oder ergänzende Forschung zu Inhalten, die bisher noch nicht zum anerkannten Wissen gehören. Die Kolonisierung der Bildung war und ist eine brutale Auslöschung indigener Kulturen, Traditionen und Sprachen. Ihre Dekolonisierung wird ein schmerzhafter Prozess der Akzeptanz, Wiedereingliederung und Versöhnung sein und erst am Ende Früchte tragen. Vor all dem steht das Eingeständnis der begangenen Verbrechen.

EadM: Bildung zu dekolonisieren heißt einerseits, über Bildungsstrukturen, Machtsysteme und Hierarchien nachzudenken und zu reden. Wer darf lehren, und welches Wissen wird gelehrt? Andererseits sagt der Begriff, wie dringend wir neue Lehrpläne brauchen. Im aktuellen Programm der ifa Galerie geht es um Probleme der Kolonialität. Wir wollen damit unter anderem ein Bewusstsein dafür schaffen, dass die Geschichte des deutschen Kolonialismus in deutschen Lehrbüchern kaum vorkommt. Das ifa wird gemeinsam mit Schulen einen alternativen Lehrplan zum Thema erarbeiten und in einem Seminar Schulbücher und Lehrmaterialien auf zeittypische gesellschaftliche und politische Wahrnehmungen der Welt untersuchen, die sich verfestigt haben.

Die wichtigsten Fragen dabei lauten: Welche Politik der Bilder und Sprache behauptet sich unter welchen Voraussetzungen? Wie kommen wir kolonialen, rassifizierenden oder segregierenden Aspekten der Weltbeschreibung auf die Spur? Indigene Sichtweisen müssen auch in offiziellen Bildungseinrichtungen einen Platz bekommen. Zu diesem Zweck müssen Lehrpläne entstehen, die dieses Wissen wertschätzen und vielfältige, vielschichtige Erzählungen anbieten. Außerdem brauchen wir andere Arten des kooperativen Lehrens und Lernens, die mit den alten Methoden endgültig Schluss machen.

Sie beide haben als Vertreterinnen von ifa und documenta 14 auch die Konferenz „Under the Mango Tree“ ins Leben gerufen. Welche Ziele verfolgen Sie mit dieser Tagung?

SA: Uns beiden war klar, dass es weithin an Verständnis für andere Formen von Bildung und Erziehung mangelt. Daher haben wir den Schwerpunkt auf den globalen Süden gesetzt, aber auch auf indigene Praktiken, die eigene Diskurse in Gang gebracht und eigene Institutionen außerhalb der offiziellen Akademien oder Kunsthochschulen aufgebaut haben. Etliche dieser Schulen werden von Künstlerinnen oder Künstlern geleitet. Wir wollten verstehen, warum sie gegründet wurden, wie sie sich am Leben erhalten und was wir gemeinsam daraus lernen könnten.

EadM: Die etablierte Kunsterziehung im westlichen Kontext stößt an ihre Grenzen. In dieser Situation können historische Beispiele und mehr noch aktuelle alternative Ansätze oder Methoden zu einem grundsätzlichen Überdenken anregen. Mit dieser Konferenz bieten wir einen Raum des Dialogs und des Lernens voneinander. Wir wollen damit auch eine Sphäre gemeinsamer Fantasien und Tagträumereien schaffen.

Woher stammt der Titel der Konferenz?

EadM: Das Motto unserer Konferenz ist ein Zitat aus Paulo Freires Buch Pedagogy of the Heart: „Indem ich mich absichtlich in den Schatten dieses Mangobaums zurückziehe und darin die Erfüllung der Abgeschiedenheit finde, merke ich umso deutlicher mein Bedürfnis nach Gemeinsamkeit. Im körperlichen Alleinsein erfahre ich, wie unverzichtbar mir das Zusammensein ist.“ Wir beziehen uns damit auch auf den verführerischen Duft des Mangobaums. Der Mangobaum belebt all unsere Sinne, damit wir mit- und voneinander lernen.

SA: Außerdem hat Adam Szymzcyk eine Erkundungsreise nach Santiniketan in Indien unternommen und von dort Fotos einiger Versammlungsstätten mitgebracht. Darauf sieht man niedrige Baumhocker im Kreis um einen etwas größeren für den Lehrer aufgestellt. Das regte mich dazu an, über Formen von Bildung außerhalb der offiziellen Strukturen eines Klassenzimmers nachzudenken. Seither will uns, sobald wir den Titel auch nur erwähnen, immer jemand ein Foto schicken. Elke hat sogar einen Versammlungsort in Bahia aufgenommen, den Lina Bo Bardi ebenfalls unter einem Mangobaum geschaffen hat.

Können Sie uns ein oder zwei Beispiele von „Bildungs“-Systemen, Kollektiven oder anderen Strukturen nennen, die neue Arten der Wissensproduktion entdeckt haben?

SA: Die meisten Menschen denken bei alternativen Kunstschulen unweigerlich an das Black Mountain College als Beispiel eines Modells, das die Tradition des aufgelösten Bauhauses fortsetzte. Auch die Auseinandersetzungen am Rollins College, das einige Lehrkräfte geschlossen verließen, um eine neue Kunstschule zu gründen, werden häufig erwähnt. Es gibt aber auch eine ganze Reihe zeitgenössischer Modelle, die nach meiner Ansicht diskutiert werden müssten.

EadM: Eine Initiative, mit der wir zusammengearbeitet haben, ist das 1999 in Yogakarta gegründete Kollektiv KUNCI. Es widmet sich kritischer Wissensproduktion und -verbreitung in verschiedenen Medien, Begegnungen und künstlerischen Interventionen, außerdem einheimischer Bildung in gemeinschaftlichen Lernräumen. KUNCI hat vor kurzem die School of Improper Education als „Garten der Ideen, Labor der Affekte, Raum der aufeinanderprallenden und verschmelzenden Gedanken“ gegründet.

Wie können Kunsteinrichtungen und -veranstaltungen Ihrer Meinung nach anhaltend zu einem neuen System der Wissensproduktion beitragen?

SA: Das ist eine schwierige Frage. Großformatige Ausstellungsprojekte wie die Documenta bieten natürlich ein Forum, auf dem Lehr- und Lernansätze sich verbinden oder aufeinanderprallen können. Mir ist klar, dass sie die Möglichkeit haben, Ideen in die Welt zu tragen, dass ihr gedanklicher Rückstoß weit über den jeweiligen Lernraum hinaus wirken kann.

EadM: Die Frage ist schwierig, aber umso dringender ist es auch, sie zu beantworten. Ich denke, dass die künstlerische Forschung und die Diskurse der Kunstwelt enormes Potenzial in dieser Hinsicht aufweisen. Und obwohl wir in Deutschland schon sehr vielversprechende Ansätze in diese Richtung haben, fehlen uns noch die Mittel und Wege, dieses Wissen auf den offiziellen Bildungssektor zu übertragen. Es mangelt auch an kulturübergreifender Bildung, die unterschiedliche Wahrnehmungen als potenzielle Fortschrittstreiber geltend machen kann. Mit unserer Konferenz wollen wir Menschen zusammenbringen, themenbezogen neue Netzwerke gründen und hoffen, damit als Inspiration zu fungieren.

Die Fragen stellte die ContemporaryAnd-Redaktion.

Die Konferenz Under the Mango Tree – Ulterior Sites of Learning fand am 18. und 19. Juli 2017 an der Kunsthochschule und anderen Orten in Kassel statt.

Das Interview erschien zuerst auf Contemporaryand.com und ist in der C& Print Issue #7 enthalten.

Übersetzung ins Deutsche: Herwig Engelmann