Beyond Welcome

20.07.2017

Die Chöre der Angekommenen. Indiskrete Platzbefragung am 24.6.2017 in Berlin | Foto: Majka Czapski (CC BY-ND 2.0)

Das Hamburger Kollektiv „Schwabinggrad Ballett/Arrivati“ macht mit spektakulären Aktionen Exklusion im öffentlichen Raum sichtbar. Die jüngste Veranstaltung „Die Chöre der Angekommenen. Indiskrete Platzbefragung“ fand im Juni auf dem Berliner Oranienplatz statt, wo Geflüchtete 2012 ein Camp errichteten.

Was wäre wenn? Eine beliebte Frage, um die Phantasie anzukurbeln und sich dann andere, bessere Zustände auszumalen. So ließe sich auch fragen: Was wäre, wenn man Geflüchtete, MigrantInnen, „Gastarbeiter“ als „Angekommene“ betrachtete und anfinge, „Beyond Welcome“ zu denken? Jenseits einer Willkommenskultur eine Normalität zu praktizieren, in dem Unterschiede und Widersprüche Platz haben, ebenso wie abweichende Meinungen, das würde die Situation verkehren und Integration von „uns“ fordern. Warum im Konjunktiv denken und nicht im Präsens?

Ein Sprung nach Berlin-Kreuzberg, Nähe Oranienplatz, Juni 2017. Bei den buntgefleckten Gestalten, die an diesem Juninachmittag zwischen Publikum und Passanten mit Megaphonen und anderem mobilen Demonstrationsgerät lautstark agieren, handelt es sich um ein subversives Ensemble, in dessen Arbeit sich künstlerische Forschung und politischer Aktivismus verbinden.

Als „mobiles Einsatzkommando“ kümmert sich „Schwabinggrad Ballett/Arrivati“ um die Untersuchung und Sichtbarmachung gesellschaftlicher Exklusionsmechanismen. Getreu des Wortsinns bringen sie diese demonstrativ auf die Straße und zur Sprache. „Wir machen keine Kunst, um sie zu zeigen. Wir versuchen sie als Mittel des Widerstands zu nutzen“, erläutert die Performerin und Politaktivistin La Toya Manly-Spain das Prinzip.

Ausgangspunkt des Kollektivs ist Hamburg, das „Arrivati“ im Namen ist ein Verweis auf die AktivistInnen von „Lampedusa in Hamburg“. Dazu kommen in wechselnder Zusammensetzung als Schwabinggrad Ballett der Musiker Ted Gaier von den Goldenen Zitronen, Theatermacher Knut Klaßen von Gintersdorfer/Klaßen, Autor und Journalist Christoph Twickel, die Performerinnen von Skills, Margarita Tsoumou auch bekannt vom Missy Magazine und andere.

Bekannt wurde das „Schwabinggrad Ballet“ 2005, damals noch ohne „Arrivati“, mit karnevalesk-subversiven Auftritten im öffentlichen Raum. Sie schlugen als „Brüder und Schwestern der sanften Überzeugung“ zwölf Thesen gegen die Gentrifizierung an die Tore der Hamburger Finanzbehörde und ersannen ein Modell gegen die allgemeine Politik- und Wahlverdrossenheit zur alternativen Stimmzettelverwertung durch Nichtwahlberechtigte.

Technisch arbeitet die Gruppe in der Tradition aktivistischer und performativer Forschungsansätze. Feste Elemente der Aufführungspraxis sind der öffentliche Raum, leistungsstarke Soundanlagen und Megaphone sowie partizipative Formate und die Stimmen der Betroffenen.

Spätestens seit dem Zusammenschluss mit „Arrivati“ richtet sich der Blick auch auf die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union und die Willkommenskultur in Deutschland. „Beyond welcome“, so das Motto, das in etwa heißt: Willkommenskultur war gestern, heute möchten wir miteinander leben.

Diese Kritik zielt auch auf den Kulturbereich, in dem seit dem „Sommer der Migration“ eine kleine Industrie an Projekten mit Geflüchteten entstanden ist. „Refugee ist kein Beruf, Refugee ist ein Stigma“, verdeutlicht La Toya Manly-Spain von „Arrivati“ das Problem. „Man wird als Mensch auf eine Kategorie reduziert.

Mit der Intervention „Die Chöre der Angekommenen. Indiskrete Platzbefragung“ untersucht das Kollektiv die Vorgänge um das Camp, das Geflüchtete nach ihrem Marsch auf Berlin 2012 auf dem Oranienplatz errichteten und das zum Symbol für die Emanzipation der Bewegung wurde. „Dem ‚Wow! Jetzt verändert sich was!‘ folgte nichts“, sagt Manly-Spain. „Die Politik ist eher schlechter geworden. Also müssen wir reflektieren, um weiter machen zu können.“

Entstanden ist die „Die Chöre der Angekommenen. Indiskrete Platzbefragung“ in Kooperation mit dem Berliner Hebbel Theater am Ufer. Die Interviewcollage reflektiert die Ansichten von ProtagonistInnen, UnterstützerInnen, AktivistInnen, PolitikerInnen und AnwohnerInnen des Oranienplatzes. Zu hören sind neben den faktischen Daten und Abläufen nie eingehaltene politische Versprechungen, bittere gegenseitige Anklagen, stark abweichende Auslegungen und Ziele. Persönliche Verletzungen werden benannt, ebenso wie die Anzahl der Babys, die aus dem Camp hervorgingen. 65 übrigens. Die Baumbesetzung einer Aktivistin nach dem Abriss des Camps wird kommentiert, sie als #attentionseekingafricanwoman beschrieben. Die Aktivistin ist Teil des Kollektivs – Konflikte reflektieren und verarbeiten ist Programm.

Aufgrund des aktuellen Platzverbots auf dem Oranienplatz (der Rasen müsse geschont werden) geht es in Kreuzberg als Demonstrationszug durch die Straßen um den Platz herum, den eigenen Rollrasen sicherheitshalber in der Schubkarre. Das Publikum wird aufgefordert, beim Demo-Equipment mit anzupacken und schiebt Rednerpodest, Schubkarren und Megaphone, transportiert vorgemalte Protestschilder oder verstärkt die Ansagen als „Human Mic“. All das liegt irgendwo zwischen Konsum und Engagement.

Zwischen den DemoteilnehmerInnen bewegen sich die Mitglieder der Performancegruppe in flattrigen, rosafarbenen Hosenröcken, großflächig mit schwarz-weißen Muster versetzt. Narrengewänder sehen ähnlich aus. „Ne Kulturdemo“, wie sich zwei Passanten die Aktion erklären. In der Intervention spiegelt sich die gesellschaftliche Teilhabe aller wie eine Fata Morgana. Es scheint ein reeller Weltentwurf zu sein, von dem bislang wenig in der Mehrheitsgesellschaft angekommen ist.

(Text: KöW-Redaktion)