„Verlernen“ auf der Weltkunstschau

30.08.2017 Von: Konstantin Alexiou

Rund 200 Werke des griechischen Nationalmuseums für zeitgenössische Kunst sind auf der documenta 14 ausgestellt.| Foto: Heinz Bunse (CC BY-SA 2.0)

Das Vermittlungsprogramm der Documenta 14 in Kassel hat für seine „Spaziergänge“ LeiterInnen mit unterschiedlichen Zugängen zur Kunst beauftragt. Eine Führung durch die Ausstellungsorte Fridericianum und „Neue Neue Galerie“.

Aus ganz Deutschland finden sich an diesem frühen Nachmittag 14 Personen vor dem Kasseler Fridericianum zusammen. Gekommen ist die Gruppe, um an einer Führung in einem der zentralen Ausstellungsorte der Documenta 14 teilzunehmen. Wobei „Führung“ hier die falsche Bezeichnung ist: Die Weltkunstschau, die bis Juli auch zum ersten Mal in Athen stattfand, will diesmal auch bei ihrem Vermittlungsprogramm alles anders machen.

Von einem „Spaziergang“ ist die Rede, angelehnt an die Spaziergangswissenschaft, der Promenadologie, des Kasseler Soziologen Lucius Burckhardt. Flanierend sollen die TeilnehmerInnen Ausstellungsorte und Kunstwerke auf sich wirken lassen, ihre Wahrnehmung schärfen und den eigenen Wissensstand einbringen – gelenkt durch eine Vermittlerin oder einen Vermittler.

Eine Frau erzählt, dass sie aus Bamberg angereist sei, ein älterer Herr betont, dass es sich um seine x-te Documenta handle; später wird er sich an die fünfte Ausgabe der Weltkunstausstellung erinnern. Auf die TeilnehmerInnen hat die junge Kunsthistorikerin Kerrin Hille gewartet, sie begrüßt sie und stellt sich als „Choristin“ vor. Die Vermittlungsabteilung der Documenta 14 hat nämlich für beide Austragungsstädte einen sogenannten Chor aus rund 200 Mitgliedern aufgestellt – generationsübergreifend, mit unterschiedlicher Vorbildung und mit verschiedenen Zugängen zur Kunst.

Eine vielstimmige Einheit – wie der antike Chor – will die Documenta-Vermittlung sein, aus dem die ChoristInnen ihre jeweils eigene Perspektive auf die Kunst aufzeigen, um heterogene Diskussionen bei den TeilnehmerInnen zu evozieren. Das Bekannte „verlernen“, anstatt neu zu lernen, so das Mantra der Documenta-MacherInnen.

Ein Tempel aus Büchern

Kunsthistorikerin Kerrin Hille führt ihre Gruppe als erstes auf den Friedrichsplatz vor dem Fridericianum, wo das Aushänge-Werk der Kasseler Documenta, „The Parthenon of Books“ der argentinischen Künstlerin Marta Minujín, steht – eine Nachbildung des Tempels auf der Akropolis aus Büchern, die weltweit zensiert wurden oder heute noch untersagt sind. Hille fragt, welche Bücher die TeilnehmerInnen entdecken können. Die Bibel sei dabei, antwortet eine Frau, auch „Stefan Zweig“ wurde gefunden. Dann wird in der Gruppe diskutiert, warum auch die „Harry Potter“-Bände zu sehen sind. In einer US-amerikanischen Schule sollen die Bücher wegen „der Gefahr der Anstiftung zu okkulten Praktiken“ nicht gelesen werden dürfen, erklärt Hille. Im Anschluss erzählt sie von der Bücherverbrennung auf dem Friedrichsplatz durch die Nationalsozialisten 1933.

Hilles TeilnehmerInnen treten nun in das Fridericianum ein, in dem rund 200 Werke des griechischen Nationalmuseums für zeitgenössische Kunst ausgestellt sind, das seine Sammlung aus finanziellen Gründen in Athen nicht präsentieren kann. Hier werden ausgesuchte Arbeiten angesteuert. Bei George Lappas’ raumfüllender Installation wirft die Choristin die Frage auf, ob die kuratorische Entscheidung, das Werk anders als in den vorangegangenen Ausstellungen in Griechenland zu zeigen, dieses verändert habe. Jetzt könne man es ja nicht mehr betreten, heißt es aus der Gruppe. Ob das denn auch der verstorbene Künstler so gewollt hätte und ob es vielleicht doch eher konservatorische Gründe gewesen seien, wird diskutiert.

Viele Assoziationen ihrer TeilnehmerInnen greift Kerrin Hille im Fridericianum auf, reichert sie mit Informationen zum Werk und zur Biografie der jeweiligen KünstlerInnen an, ebenso lässt sie Themen diskutieren. Bei einer skulpturalen Arbeit untersucht die Choristin mit den TeilnehmerInnen das Material, das nach Pappe aussieht, sich aber als Marmor entpuppt. Im „Parlament der Körper“, dem Versammlungsraum, in dem Vorträge und Diskussionen abgehalten werden, berichtet Hille – mit Bezug auf griechische Begriffe – über das Rahmenprogramm der Großausstellung.

Von den kunstbezogenen Erläuterungen der Choristin sind die TeilnehmerInnen am Ende angetan, das wichtigste Bedürfnis scheint ihnen die Vermittlung der künstlerischen Werke gewesen zu sein. Je nachdem, welches Chormitglied die jeweils zweistündigen Spaziergänge der Documenta leitet, entwickeln sich ganz unterschiedliche Fragestellungen und Gespräche in der Gruppe.

Am späten Nachmittag führt der Produktdesigner und Chorist Pascal Heußner seine TeilnehmerInnen durch den Ausstellungsort „Neue Neue Galerie“ in der Neuen Hauptpost in der Kasseler Nordstadt – ein von vielen Deutschen mit Migrationsgeschichte bewohnter Stadtteil. Angeregt durch eine serielle Fotoarbeit zu postmigrantischen Themen, entwickelt sich unter Heußners TeilnehmerInnen eine kontroverse Diskussion. „Mangelnde Integrationsbereitschaft“ wirft jemand aus der Gruppe den abgebildeten Personen mit ausländischen Wurzeln vor.

Die anderen TeilnehmerInnen lehnen diese Interpretation ab. Davon ausgehend, wird in der Gruppe in emotionaler Weise darüber diskutiert, ob „geglückte“ und „weniger geglückte Integration“ überhaupt genau definiert werden könnten, wobei auch aktuelle politische Diskurse durchscheinen. Heußner geht auf die Sichtweisen und Empfindungen der Gruppe ein und hält das Gespräch über längere Zeit aufrecht, sodass die TeilnehmerInnen Raum für ihre Argumentationen finden.

Vor dem Werk der norwegischen Künstlerin Máret Ánne Sara, das aus Rentierschädelköpfen besteht und vom Kampf des Volks der Samen um die Bewahrung seiner Identität handelt, teilt der Chorist seine TeilnehmerInnen in zwei Gruppen auf und lässt sie über „koloniale Strukturen“ diskutieren. Im Anschluss wirft Heußner anhand der Idee des „Verlernens“ der Documenta-Macher die Frage auf, was Kunst überhaupt sei und ob dies heute genau beantwortet werden könnte. Erneut beteiligen sich seine TeilnehmerInnen rege.

Ein Mann betont, dass er Kunst selbstständig erfahren und nicht zwangsläufig einem kuratorischen Konzept folgen wolle. Auch die Kategorie der Qualität von Kunstwerken wird von Heußner bei der Besprechung einer weiteren Arbeit hinterfragt. Außerdem wird in seiner Gruppe über die Rolle der künstlerischen Leitung und die Berichterstattung zur Documenta gesprochen. Schließlich schlägt Heußner den Bogen zu Lucius Burckhardts Theorie der Spaziergangswissenschaft – seine TeilnehmerInnen schildern ihren Eindruck vom Rundgang.

Zu fernen Assoziationen spazieren

Im Fridericianum hat sich der Spaziergang von der klassischen Kunstvermittlung nur gering unterschieden, es gab den kunstwissenschaftlichen Zugang der Choristin, bei dem die Auseinandersetzung mit den Werken und KünstlerInnen im Mittelpunkt steht – inklusive der Beteiligung durch die TeilnehmerInnen. Bei den Spaziergängen der Documenta zeigten sich die Kunstwerke aber auch als Ausgangspunkte für einen assoziativen Gedankenaustausch über fernliegende Inhalte. Um einen umfassenden Eindruck und Nutzen von der sehr heterogenen Vermittlungspraxis der 14. Ausgabe der Weltkunstschau zu erhalten, sei InteressentInnen empfohlen, mehrere der angebotenen Spaziergänge zu buchen.

Die Documenta 14 in Kassel läuft noch bis zum 17. September 2017. Mehr Informationen zum Vermittlungsprogramm der Spaziergänge gibt es unter http://www.documenta14.de/de/walks.

Konstantin Alexiou arbeitet als Autor, Journalist und Kunstmarkt-Reporter. Nach dem Studium der Kunstgeschichte war er zunächst Projektassistent beim Kunstfestival „Videonale“ im Kunstmuseum Bonn, anschließend im internationalen Kunsthandel tätig. Er ist Mitglied im Videonale e.V., Kunstverein Hannover und bei den Neuen deutschen Medienmachern.