„Diversität als positive Ressource erfahrbar machen“

25.10.2017

TeilnehmerInnen des DiKuBi-Netzwerks | Foto: Akademie der Kulturellen Bildung

Im Interview berichtet Susanne Keuchel über das neue Netzwerk Diversitätsbewusste Kulturelle Bildung, mit dem die Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW Diversität in der Bildungspraxis verankern will. Dazu bietet das Netzwerk Kurse an, die TeilnehmerInnen sowohl in den Bereichen Kulturelle Bildung als auch Diversität qualifizieren.

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Netzwerk Diversitätsbewusste Kulturelle Bildung (DiKuBi)?

Die Idee, ein solches Netzwerk zu gründen, ist im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderten gleichnamigen Projektes „DiKuBi“ entstanden. Die TeilnehmerInnen wünschten sich im Anschluss an das Projekt eine Plattform für Austausch, kollegiale Beratung und eine professionelle Weiterentwicklung. Dank der Förderung des Landes Nordrhein-Westfalen konnten wir nun das Netzwerk im Sinne einer solchen Plattform gründen. Es ermöglicht ein kontinuierliches Weiterbildungsangebot, um Inhalte des Themenfeldes gemeinsam weiterzuentwickeln und den Diversitätsdiskurs mitzugestalten.

Des Weiteren konnten wir innerhalb der vom BMBF geförderten Fortbildungserprobungen feststellen, dass es grundsätzlich sehr schwierig ist, TrainerInnen und DozentInnen zu finden, die sowohl im Bereich der Kulturellen Bildung als auch im komplexen Themenfeld der Diversität qualifiziert sind. Mit der Netzwerkgründung soll dieser Personenkreis kontinuierlich erweitert werden.

Wieso ist eine TrainerInnenausbildung im Bereich „Diversität und Kulturelle Bildung“ notwendig?

Aus unserer Sicht ist die Schnittstelle beider Disziplinen ein wertvolles Forschungs- und Entwicklungsfeld. Die Ansätze und Methoden der Kulturellen Bildung ermöglichen eine neue ressourcenorientierte Perspektive auf das manchmal „anstrengende“, weil sehr komplexe, Themenfeld der Diversität. Bestehende interkulturelle Trainingskonzepte, Anti-Bias- bzw. Antidiskriminierungsmethoden machen eher defizitorientiert bestehende Vorurteile der TeilnehmerInnen sichtbar. Auch gibt es in der Praxis oftmals die Haltung, sich einem theoretischen Ansatz, wie dem der Interkulturalität oder Transkulturalität zu verpflichten. Die Multiperspektivität der Künste, die nicht differenzieren zwischen „richtig“ oder „falsch“, sondern verschiedene Perspektiven auf Phänomene eröffnen, bieten interessante alternative Ansätze, Diversität als positive Ressource erfahrbar zu machen.

Zusätzlich eröffnet die Kulturelle Bildung die Möglichkeit, dies nicht nur auf der kognitiven Ebene erfahrbar zu machen. Im Sinne einer Persönlichkeitsentwicklung wird direkt an der Haltung des Einzelnen angesetzt – und Raum gelassen für die spielerische Gestaltung einer eigenen Positionierung. Mit der Ausbildung der TrainerInnen für Diversitätsbewusste Kulturelle Bildung erhoffen wir uns einen multiplikatorischen Effekt, der sich von den Fachkräften auch auf die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen überträgt.

An wen richtet sich das Programm?

Im regulären Kursprogramm der Akademie der Kulturellen Bildung werden im Frühjahr 2018 zwei Kurse im Bereich der Diversitätsbewusste Kulturelle Bildung angeboten. Diese sind für alle Fachkräfte der Kulturellen Bildung offen. Die AbsolventInnen dieser Kurse können bei Interesse Teil des Netzwerks werden und sich für die DiKuBi-TrainerInnen-Ausbildung, die wieder im Herbst 2018 stattfinden soll, bewerben. Dies gilt in Ausnahmefällen auch für AkteurInnen, die sich besonders mit den Themen der Diversitätsbewussten Kulturellen Bildung beschäftigen und eine Mitgliedschaft im Netzwerk beantragen.

Was erwartet die TeilnehmerInnen in den Kursen?

In den Kursen arbeiten wir insbesondere an der eigenen Haltung zum Thema Diversität. Dazu gehört es, sich mit gesellschaftlichen Bildern und stereotypen Rollenbildern im Sinne einer Stärkenorientierung zu beschäftigen. Gleichzeitig soll reflektieren werden, auf welchen Annahmen und Prägungen die eigene künstlerische Arbeit und Rezeption fußt. Ganz konkret geben wir Möglichkeiten zum spielerischen Perspektivwechsel, in der eigenen künstlerischen Reflexion, in Körperlichkeiten und Bewegungsmustern. Dabei bringt jede Sparte einen besonderen Erfahrungsraum ein. Wichtig ist auch, die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und einzuordnen. Wir stellen oft fest, dass ästhetisch Erlebtes lange nachhallt oder in Alltagssituationen wieder erinnert wird. Daher wollen wir eine Möglichkeit schaffen, angestoßene Prozesse auf lange Sicht zu begleiten. Das können wir nun mit dem Netzwerk ermöglichen.

Im nächsten Jahr wird die Akademie der Kulturellen Bildung 60 Jahre alt. Welche Rolle wird das Thema Diversität für die zukünftige Arbeit der Akademie spielen?

Im Sinne der aktuellen Gesellschaftstransformation werden wir das Thema als Querschnittsthema für alle Bereiche in der Akademie weiter ausbauen. Dies gilt für die MitarbeiterInnen-, die TeilnehmerInnenstruktur wie auch die Inhalte. Dabei setzen wir auf ein weites Diversitätsverständnis, welches neben Migration beispielsweise auch milieuspezifische Differenzen, Personen mit Behinderungen oder intergenerative Aspekte mitberücksichtigt. Aktuell setzen wir uns beispielsweise in Fortbildungen auch mit Präventionsmöglichkeiten im Bereich Salafismus und religiös begründetem Extremismus unter Jugendlichen oder mit rechtspopulistischen Haltungen Jugendlicher in der Kulturellen Bildung auseinander.

Fragen: Ralf Rebmann / KöW-Redaktion

Susanne Keuchel ist promovierte Musikwissenschaftlerin und ehemalige geschäftsführende Direktorin des Zentrums für Kulturforschung (ZfKf). Seit Dezember 2013 ist sie Direktorin der Akademie der Kulturellen Bildung des Bundes und des Landes NRW, Honorarprofessorin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim sowie Dozentin an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Hamburg.