Das kreative Potenzial von Inklusion

27.10.2017 Von: Elisabeth Gregull

Australische Gebärdensprache beim „Meeting Place 2017" | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Beim „Meeting Place 2017“ tauschten sich Kulturschaffende mit und ohne Behinderungen aus Australien und Berlin zu Inklusion in Kunst und Kultur aus. Ein Fazit: Menschen mit Behinderungen müssen als ExpertInnen in eigener Sache mitwirken. So entstehen nicht nur bessere Zugänge, sondern auch neue kreative Potenziale.

Dirk Sorge ist Künstler und Kulturvermittler, derzeit arbeitet er im Chemnitzer Industriemuseum. Sorge ist sehbehindert und auch als Berater für Museen tätig, die Barrieren in ihren Ausstellungen abbauen wollen. Wenn es um Inklusion im Berliner Kulturbetrieb geht, sind für ihn zwei Dinge zentral: „Es muss eine bessere Vernetzung geben. Und: Inklusion soll auch Spaß machen!“ Gemeinsam mit anderen hat Sorge deswegen 2016 „Berlinklusion - Berlins Netzwerk für Zugänglichkeit in Kunst und Kultur“ gegründet: „Berlinklusion will zeigen, dass Inklusion für Kunst ein Motor sein kann - dass da ein kreatives Potenzial drinsteckt. Weil Inklusion dazu zwingt, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen.“

Zugänglichkeit auf allen Ebenen

Berlinklusion ist Mitveranstalter des „Meeting Place 2017 – Forum zur Teilhabe von Menschen mit Behinderung“, das am 16. Oktober 2017 in Berlin stattfand. Das Programm wurde gemeinsam mit Arts Access Australia (AAA) entwickelt, dem dort führenden Interessenverband für Kulturschaffende mit Behinderung. AAA wurde bereits 1992 gegründet. Sorge freut sich über den Besuch, betont er zu Beginn der Tagung: „Die KollegInnen aus Australien sind in vielen Bereichen viel weiter als wir.

In Deutschland müssen wir den Fokus erweitern. Nicht nur das Publikum soll einen barrierefreien Zugang haben, sondern auch die KünstlerInnen mit Behinderungen brauchen Zugang zu den Strukturen und Ressourcen.“ AAA ist für das mehrtägige Austauschprogramm „Australia & Berlin Arts Exchange“ mit einem Team von Kulturschaffenden mit verschiedenen Behinderungen angereist, die in den Bereichen Theater, Tanz, Performance, Musik und Malerei arbeiten.

Dirk Sorge (Mitte) und weitere Teilnehmerinnen des Meeting Place 2017 | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Damit die Tagung selbst inklusiver ist, waren am Tagungsort und in der Organisation Veränderungen nötig. Gastgeber ist das Berliner Projektbüro für Diversitätsentwicklung „Diversity.Arts.Culture“. Es hat seinen Sitz im Podewil, das Gebäude ist aber nur bedingt barrierefrei. Für den Meeting Place wurde extra eine Rampe zum Hof installiert. Eigentlich braucht man für den Fahrstuhl einen Schlüssel, auch das ist heute anders. Bahareh Sharifi von Diversity.Arts.Culture hat bei der Vorbereitung viel gelernt: „Das eine ist das Wissen darum, was es eigentlich braucht. Das kann man sich eigentlich relativ schnell aneignen. Aber die tatsächliche Umsetzung ist noch mal etwas Anderes. Da war es gut, eng mit Berlinklusion zusammenzuarbeiten. Sie haben uns auf Stellen verwiesen, mit denen wir das gemeinsam gestalten konnten.“

Zugänge zu schaffen heißt, auf Details zu achten

Der Meeting Place findet erstmals außerhalb von Australien statt und ist selbst ein Experiment. Denn die Tagung wird nicht nur in deutsche und englische Lautsprache gedolmetscht. Ein Großteil wird parallel in deutsche und australische Gebärdensprache übersetzt. Das Programm gibt es auf Deutsch, Englisch, in Großschrift, Leichter Sprache und Braille-Schrift. Zugänge zu schaffen heißt, auf Details zu achten.

Unterschiedliche Zugänge machen Teilhabe erst möglich. Die Australierin Sarah Houbolt ist Zirkus- und Bewegungskünstlerin: „Aus einer rechtlichen Perspektive betrachtet, bin ich blind. Ein Objekt zu berühren, ist eine sehr zugängliche Kunstform für jemanden, der wenig sehen kann. Im Zirkus berührt man immer etwas und deswegen weiß man, was man tut.“ Sarah Houbolt hat auch an Kunstprojekten mitgewirkt, in denen die Erfahrung mit ihrer Sehbehinderung ein Vorteil war. Zum Beispiel beim Tragen von Masken oder Helmen, durch die man nichts oder wenig sehen kann. „Das ist für mich ein normaler Zustand.“

Wie die anderen KünstlerInnen aus Australien erzählt Houbolt ihre ganz persönliche Geschichte. Ein Grundgedanke kehrt immer wieder: Nicht der Gesundheitszustand an sich ist eine Behinderung, sondern das Umfeld, das keine Zugänge schafft. Durch die Ausschlüsse gehe der Gesellschaft viel kreatives Potenzial verloren, so Houbolt: „Kommt an den Tisch der Ausgeschlossenen. Denn wir schaffen wirklich etwas Interessantes.“ Davon zeugen auch Festivals wie das australische Undercover Artist Festival.

Sarah Houbolt | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Wie findet man KünstlerInnen mit Behinderung und wie arbeitet man verantwortungsvoll mit ihnen zusammen? Auf diese Frage gibt Sarah Houbolt in einem Workshop Antworten. „Kulturschaffende mit Behinderung zu finden heißt, Beziehungen aufzubauen. Und zu beweisen, dass man sich um die individuellen Zugangsvoraussetzungen kümmert.“ Bei Ausschreibungen müsse man darauf achten, dass bei jeder Station der Zugang gewährleistet sei: „Sind die Dokumente im Internet für einen Screenreader lesbar? Sind die Gebäude barrierefrei?“ Zugänglichkeit gehe aber noch weiter: „Gibt es Projektmitarbeiter mit Behinderungen? Können sie in Führungspositionen gelangen?“ Hier liegt für AAA der Schlüssel für Veränderung: Kulturschaffende mit Behinderung müssen selbst mitwirken, auch in Führungspositionen. Denn sie kennen die Erfordernisse ganz genau und können in Institutionen und bei Prozessen Veränderungen anstoßen.

Nicht nur Gebäude, auch Informationen und Prozesse müssen zugänglich sein

Die Fortschritte in Australien ermöglicht auch der gesetzliche und politische Rahmen. Der „Disability Discrimination Act“ bezieht sich auch ausdrücklich auf die Bereiche Kunst und Kultur. „Bundes- und Landesregierungen verlangen von allen öffentlichen Institutionen einen ‚Disability Access and Inclusion Plan’. Auch die Kulturförderinstitutionen fragen nach diesem Plan“, erzählt Houbolt. „Es ist weit verbreitet.“ Diese „Normalisierung der Zugänglichkeit“ wirke. Megan Shand, Geschäftsführerin von AAA, sieht zwei wesentliche Unterschiede zu Deutschland: „Zum einen ist die australische Politik anders. Und zum anderen werden Menschen mit Behinderungen als ExpertInnen in eigener Sache einbezogen.“

Performance der Band Rudely Interrupted | Foto: Andi Weiland, Gesellschaftsbilder.de

Wie das bei der Nutzung von Kultureinrichtungen funktionieren kann, zeigt der Vortrag von Patrick Marx. Er arbeitet nach einer zweijährigen Ausbildung als Evaluator bei Nueva. Dort evaluieren Menschen mit Behinderung Einrichtungen, die sie selbst nutzen. Marx ist taub und hält seinen Vortrag in deutscher Gebärdensprache: „Wenn ich als tauber Mensch ins Museum gehe, dann sage ich an der Kasse: Ich möchte mir gern die Ausstellung anschauen. Ich sage das in Gebärdensprache, aber die Frau an der Kasse versteht mich nicht. Dann schreibe ich vielleicht auf, was ich möchte."

Dann stelle sich das nächste Problem. „Ich stehe vor den Ausstellungsstücken mit komplizierten Beschreibungen, möglicherweise in einer winzigen Schrift. Diese Texte müsste man eigentlich in leichter Sprache formulieren. In Videos fehlen oft die Untertitel.“ Der Vortrag reißt nur an, dass an wie vielen Stellen Veränderungen nötig wären. Auch dazu gibt es in Australien zahlreiche gute Beispiele: etwa Audiodeskriptionen für Blinde und Sehbehinderte oder Kunstwerke, die man in nachgebauten Miniaturen erfühlen kann. Das eröffnet neue Erfahrungen für alle Menschen – auch für die, die sehen können.

Veränderungen mitgestalten

Diversity.Arts.Culture hat seit diesem Jahr erstmals das offizielle Mandat des Senats, die Diversitätsentwicklung im Berliner Kultursektor voranzutreiben – für alle Diversity-Aspekte und alle Sparten. Bahareh Sharifi sieht sich von der Tagung darin bestärkt, dass man Betroffene bei den nötigen strukturellen Veränderungen einbinden muss. Dafür müsse man auch Qualifikationsmöglichkeiten schaffen: „Der Kulturbereich ist, begonnen beim Bildungssystem sowie bei den Ausbildungsstätten und Kunsthochschulen, sehr exklusiv. Es dringen wenige durch, die mit dem Wissen Veränderungen anschieben. Zum einen als KünstlerInnen in Institutionen, zum anderen als AkteurInnen, um die kulturpolitische Veränderung mitzugestalten.“

Inklusion im Berliner Kultursektor bleibt eine Mammutaufgabe. Vor allem, wenn man mehrere Diversity-Aspekte berücksichtigt. Unter den vortragenden KünstlerInnen aus Australien waren zwar Menschen mit verschiedenen Behinderungen, aber zum Beispiel keine People of Colour. Auch im Publikum des Meeting Place gab es – verglichen mit der ethnisch-kulturellen Vielfalt Berlins - wenig People of Colour. Dennoch lässt die erste große Veranstaltung von Diversity.Arts.Culture hoffen, dass Vernetzung und das Voneinander-Lernen ein breiter gedachtes Verständnis von Inklusion voranbringen.

Elisabeth Gregull studierte Germanistik, neugriechische Literatur und Geschichte in Berlin und Thessaloniki. Anschließend arbeitete sie zehn Jahre für Stiftungen und Organisationen im Bereich demokratischer und interkultureller Bildung. Nach einem Zweitstudium an der Deutschen Fachjournalistenschule ist sie seit 2011 als freie Journalistin mit den Schwerpunktthemen Migration, Diversity und Folgen der NS-Zeit tätig.