Abschied von der Interkultur: Warum die Kulturszenen sich stärker transkulturell ausrichten sollten

07.11.2017 Von: Gernot Wolfram

Die Werkstatt der Kulturen in Berlin setzt mit ihren Veranstaltungen bewusst auf Transkulturalität. Hier die Band Leleka beim 6. Creole Musikwettbewerb im September 2017 | Foto: Daniela Incoronato

Wie dynamisch ist unser Kulturverständnis? Wie stark sind wir dabei von starren binären Denkmustern wie „einheimisch“ und „fremd“ geprägt? Gernot Wolfram, Kulturwissenschaftler und Publizist, plädiert in seinem Beitrag für ein mehrschichtiges Kulturverständnis jenseits vereinfachter Zuschreibungen.

„Das Hin und Her des Treppenhauses, die Bewegung und der Übergang in der Zeit, die es gestattet, verhindern, daß sich Identitäten an seinem oberen und unteren Ende zu ursprünglichen Polaritäten festsetzen.“

Mit diesem Bild beschreibt der Kulturwissenschaftler Homi Bhabha Machtstrukturen, die sich in interkulturellen Begegnungen abzeichnen. Hier stellt sich häufig die Frage: Wer kommt woher? Wer hat die bessere Position im Raum, löst bequemere Assoziationen aus und zieht die Aufmerksamkeit auf sich? Das Bild des Treppenhauses hingegen symbolisiert Bewegung, einen Wechsel von oben und unten.

Es ist eine hilfreiche Analogie für die Beweglichkeit von Kulturen jenseits der Zuschreibungen von „nah und fern“, „fremd und einheimisch“. In der Bewegung ist vieles zugleich präsent. Eine metaphorische Therapie gegen Begriffserstarrungen. Und ein Hinweis auf Transkultur.

Betonung von Differenz spielt populistischen Kräften in die Hände

Lange Zeit galt die Rede vom „interkulturellen Dialog“ als ein Mittel, um den Herausforderungen von globalen Migrationsbewegungen und internationalem Austausch gerecht zu werden. Ein Problem der Interkultur war dabei immer, dass die Gleichzeitigkeit von kulturellen Erfahrungen kaum angemessen berücksichtigt wurde und damit binäre Denkmuster befördert wurden: Wir und die Anderen, Deutsche und Türken, Christen und Muslime, Abendland und Orient.

Klammheimlich kaperten populistische Strömungen diesen Differenzbegriff und kreierten daraus ein äußerst erfolgreiches politisches Narrativ: „Wir müssen uns vor den Fremden schützen.“So merkwürdig das zunächst klingen mag, so sinnfällig ist es doch, dass die intensive Betonung der Differenz, wie sie in vielen Kulturinstitutionen und Interkultur-Projekten betrieben wird, populistischen Kräften in die Hände spielt. Im Grunde gehen beide Seiten von einer unüberwindbaren Andersartigkeit von Menschen aus, die sich in einer globalen Welt jedoch häufig als exotisierender Trug herausstellt.

In Deutschland hatte im Jahr 2015 beispielsweise jedes neunte geborene Kind einen binationalen Hintergrund. Häufig werden in den Elternhäusern zwei oder mehrere Sprachen gesprochen. Bei Besuchen im Land, in dem die Sprache des einen Elternteils gesprochen wird, nehmen die Kinder habituelle, sprachliche und verhaltensbezogene Rituale auf, verwandeln sie, spielen mit ihnen und, setzen sich dieser Mehrschichtigkeit kultureller Prägung spielerisch aus. Würde man diese Kinder fragen, zu welcher Kultur sie gehören, würde man sie in Verlegenheit bringen. Möglicherweise wären sie sogar bereit, sich für eine Seite zu entscheiden. Aber mit welchem Ziel?

Viele Berufstätige, besonders Kulturschaffende und KünstlerInnen, arbeiten in verschiedenen Projektzusammenhängen, gehen längere und kurzfristige Bindungen ein. Sie integrieren verschiedene Stile und Ästhetiken in ihre Arbeiten, tauchen in medialen Fragmenten weltweit in unterschiedlichen Kanälen auf. Ändert diese kulturelle Vielschichtigkeit nicht auch etwas in ihrem Selbstverständnis?Der Wechsel von interkulturellen zu transkulturellen Perspektiven rückt genau diese Frage in den Vordergrund. Wie dynamisch ist unser Kulturverständnis? Wie stark sind wir dabei von starren binären Denkmustern wie „einheimisch“ und „fremd“ geprägt?

Transkulturelle Praxis sucht nach Gemeinsamkeiten

Transkultur ist kein Konzept, sondern, wie es der Kulturmanager Patrick Föhl auf der Tagung „Transkultur!“ der FernUniversität Hagen Anfang Oktober in Berlin betonte, „eine Perspektive, die nicht Rezepte liefert, sondern neue Denkhorizonte in der Kultur.“ In der Tat zeigt sich, dass in fast allen neueren innovativen Projektformaten – von den „Neuen Auftraggebern“ bis zu lokalen Community Arts-Projekten – die Suche nach gemeinsamen Themen und Handlungskompetenzen relevanter ist als das Aushandeln der Bedeutung von Differenz. Das leugnet nicht die Realität der Konflikte zwischen verschiedenen Kulturen. Die veränderte Sichtweise bietet aber ein anderes Set von Lösungsvorschlägen an, nämlich das Aufspüren von gemeinsamen „Assoziationen“ zwischen Menschen, wie es Bruno Latour in seiner neuen Soziologie beschreibt.

Obgleich der Begriff „Transkultur“ in vielen künstlerischen Kontexten verwendet wird, scheint es bislang nicht immer ausreichend Klarheit zu geben, was er eigentlich meint. Bezieht er sich auf verschiedene, gleichzeitig wirkende kulturelle Einflüsse? Ist er ein politischer Begriff, referiert er auf interdigitale Formen der Kooperation? Taugt er gar als Entgegnung für die grassierende Rückkehr nationalistischer und monokultureller Rezepte in den öffentlichen Debatten?

Der Kulturwissenschaftler Arata Takeda schlägt in seinem Essay „Wir sind wie Baumstämme im Schnee“ vor, auf die im Englischen ähnlich klingenden Worte „roots/routes“ (Wurzeln/Wege) zu blicken. Statt zuerst nach den Wurzeln zu fragen, erscheint es ihm sinnvoller, sensibel zu sein für die Wege, die Menschen in ihrem Leben gegangen sind und gehen. Und was diese Wege mit ihnen machen. Für die Leiterin der Werkstatt der Kulturen in Berlin, Philippa Ebéné, ist Transkultur vor allem ein Begriff, der von verschiedenen Stimmen ausgehandelt werden muss. „Es bringt nichts, wenn die Diskussion über Transkultur nicht in einem diversen Raum stattfindet, einfach deswegen, weil sie ansonsten sehr schnell wieder von mehrheitlich weißen, männlichen, westlichen Perspektiven dominiert wird.“

Transkultur ist in der digitalen Sphäre bereits Realität

Ayad Al-Ani vom Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft betont hingegen, dass in digitalen Kollaborationen der Begriff bereits global Anwendung findet: „Die verschiedenen Hintergründe eines digitalen Akteurs, kulturelle wie kompetenzbasierte, finden zusammen in seinem Handeln, in der Art und Weise des Agierens im digitalen Raum. Die klassischen ‚credentials‘ wie Herkunft, Bildung, Habitus verlieren ihre zentrale Macht, treten zurück und eröffnen Perspektiven auf etwas Neues. Transkultur ist bereits eine Realität in den Kommunikationsräumen der digitalen Sphäre. Oder mit den Worten eines Softwareherstellers: Das sind keine arabischen Programmierer. Das sind Programmierer.“

Daran schließen auch Überlegungen an, wie sie der Kanzler der Berliner Barenboim-Said-Akademie, Carsten Siebert, äußert: „Wenn Gemeinschaften, wie etwa Orchester, durch Interesse und Kompetenzen zusammengehalten werden, statt durch Diskurse der Herkunft, entstehen neue Dialogformen. Auf diese Weise können auch die Stücke, die gespielt werden, neue Qualitäten der Reflexion erfahren. Communities, die auf diesen Prinzipien aufbauen, werden vielleicht in Zukunft viel stärker das Musik- und Kulturleben prägen.“

Möglicherweise ist dies eines der spannendsten Felder der Transkultur, dass sie neue Gemeinschaften und neue Kategorien bildet, welche nicht auf Unterschieden, aber auch nicht auf gleichermacherischem Universalismus gründen. Vielmehr bringen Menschen sich hier in dem Bewusstsein ein, dass sie nicht nur in der Lage sind, etwas Eindeutiges zu repräsentieren, sondern ganz problemlos unterschiedliche Facetten ihres Denkens, Fühlens und Lebens gleichzeitig kommunizieren können.

Betonung der Mehrschichtigkeit kulturellen Lebens

Statt weitere Thesen zur „Kulturellen Integration“ zu verfassen, wie es mit fraglos guten Absichten der Deutsche Kulturrat tut, und zu versuchen, Begriffe zu retten, die längst von Forschung wie Wirklichkeit überholt sind, wäre es sinnvoll, in der Bildungs- und Kulturarbeit die Mehrschichtigkeit kulturellen Lebens zu betonen. Sich nicht entscheiden zu müssen für eine Seite, eine Kultur, eine Sprache, wohl aber für eine bestimmte Verantwortung, für eine die menschliche Vielfalt respektierende Würde – das wäre etwas, das Transkultur in Zeiten von „Hate Speeches“ und „Wir-und-die-Anderen-Diskursen“ leisten könnte.

Definition: Was beschreibt der Begriff Transkultur?
Transkultur beschreibt ein dynamisches Verständnis von Kultur, bei dem sich unterschiedliche kulturelle Einflüsse begegnen und miteinander verschmelzen. Es wird also nicht mehr von klar abgezirkelten Unterschieden gesprochen, sondern von einem Set diverser kultureller Einflüsse, die nicht nur in einem Land, sondern auch in den Individuen selbst gleichzeitig wirksam sind. Diese Diversität ist häufig zunächst unterbewusst präsent, da das soziale Zusammenleben von Menschen von bestimmten Normen und Werten geprägt ist. Kulturelle Diversität zu erkennen und zu differenzieren ist immer von einem Reflexionsprozess abhängig.

(Arbeitsdefinition für die Tagung „Transkultur!“ der FernUniversität Hagen im Regionalzentrum Berlin, 12. -13. Oktober 2017 unter Leitung von Gernot Wolfram und Thomas Heinze.)

Literaturhinweise:

Al-Ani, Ayad (2017): Widerstand in Organisationen, Organisationen im Widerstand. Virtuelle Plattformen, Edupunks und der nachfolgende Staat. 2., aktualisierte Auflg. Springer

Bhabha, Homi (2000): Die Verortung der Kultur. Stauffenburg

Crenshaw, Kimberlé (Ed.) (2016): Reaffirming Racism: How Both Sides Are Getting Affirmative Action Wrong. The New Press

Henze, Raphaela (2017): Einführung in das Internationale Kulturmanagement. Springer Latour, Bruno (2007): Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft.

Suhrkamp Takeda, Arata (2012): Wir sind wie Baumstämme im Schnee. Waxmann

Welsch, Wolfgang (1995): Transkulturalität. Zur veränderten Verfasstheit heutiger Kulturen. In: Zeitschrift für Kulturaustausch 45/1 (1995), S.39 -44

Weisberg, Kelly D (1993): Feminist Legal Theory. Foundations. Temple University Press

Wolfram, Gernot (2012): Kulturmanagement und Europäische Kulturarbeit. Transcript

Wolfram, Gernot (2013): Der leuchtende Augenblick. Über Menschen und Orte des Lesens. Hentrich&Hentrich

Weblink: http://www.verband-binationaler.de/

Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Er arbeitet seit über zehn Jahren als externer Referent an der Bundeszentrale für politische Bildung im Bereich Kulturelle Bildung und Interkultur. Zusammen mit Prof. Thomas Heinze von der FernUniversität Hagen organisierte er die Tagung „Transkultur! Wer spricht? Wer hört zu? Wer verbindet?“ in Kooperation mit dem Goethe-Institut, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Moving Network und dem Netzwerk Brokering Intercultural Exchange.