Mit dem „Kulturschlüssel Saar“ zu mehr Lebensqualität

23.03.2018 Von: Nicole Baronsky-Ottmann

Gemeinsamer Ausflug zum Baumwipfelpfad Saarschleife im Mai 2017 | Foto: Kulturschlüssel Saar

Der „Kulturschlüssel Saar“ bringt Kulturinteressierte mit und ohne körperliche Einschränkungen zusammen, um kulturelle Veranstaltungen für alle Menschen zugänglich zu machen – ein Erfolgsprojekt.

Für Heiner Korff gab es ein Leben vor und nach dem Jahr 2009. Und ein Leben vor und nach dem Kennenlernen des „Kulturschlüssels Saar“. Seit er diesen nutzt, kann der ehemalige Hobbymusiker nicht nur viele Konzerte besuchen, er ist in seinem Leben ein stückweit unabhängiger und selbständiger.

Heiner Korff lebt seit fast acht Jahren im Senioren- und Pflegeheim der AWO Elversberg im Saarland. Er sitzt seit einem schweren Schlaganfall mit Herz-Kreislaufstillstand und Reanimation im Rollstuhl, ist körperlich beeinträchtigt, kann nicht alleine leben. Der 62-Jährige erinnert sich aber gut daran, wie es früher war. „Ich war Musiker, habe in verschiedenen Bands gespielt“, sagt er langsam und bedächtig.

Seine Schwester Ute Stumpf besucht ihn regelmäßig. „Die Gitarre hat er noch“, sagt sie und angelt sie gleich aus der Zimmerecke. Sie berichtet, dass die Musik früher nicht nur das Hobby ihres älteren Bruders war, sondern seine ganze Leidenschaft. „Er hat schon als kleines Kind Mandoline und Vibraphon gespielt, später kam die Gitarre hinzu.“ Heute betreut Ute Stumpf ihren Bruder, aber die enge und liebevolle Beziehung hatten sie auch schon früher.

Der Schlaganfall veränderte alles

Heiner Korff, gelernter Einzelhandelskaufmann, arbeitete als Sachbearbeiter im gleichen Betrieb wie seine Schwester, die dort als Sekretärin tätig ist. Im Jahr 2009 änderte sich sein Leben von einem auf den anderen Tag. „Im Betrieb erlitt er während der Arbeit einen Schlaganfall.“, erzählt Ute Stumpf mit leiser Stimme. Nach langem Krankenhausaufenthalt kämpft sich Heiner Korff ganz langsam mittels verschiedener Therapien zurück in sein Leben. Dazu gehört auch, dass er seit dem Jahr 2011 tagsüber bei der reha GmbH in Neunkirchen in einer Holzwerkstatt arbeitet.

„Gemeinsam besuchten sie Konzerte, darunter besondere Auftritte wie der von Roger Cicero in der Saarbrücker Saarlandhalle. „Aber das war vielleicht so zwei- bis dreimal im Jahr. Häufiger ging nicht. Auch finanziell“, schränkt Ute Stumpf ein. Daher freuten sich die Geschwister sehr, als sie in der Werkstatt der reha GmbH vom „Kulturschlüssel Saar“ erfuhren. „Anfangs war uns noch gar nicht klar, wie sich Heiners Leben dadurch verändern würde“, gesteht Ute Stumpf.

Der „Kulturschlüssel Saar“ begleitet junge und alte Menschen

„Das Saarland ist voller Kultur. Doch nicht alle können diese Angebote nutzen“, sagt Susanne Burger, Mitarbeiterin der reha GmbH und Projektleiterin des „Kulturschlüssels Saar“. Dieses Projekt von „passgenau e.V.“ existiert schon seit 2014 und begleitet Menschen zu kulturellen Veranstaltungen, die dies allein nicht (mehr) können. „Die Idee stammt aus Hamburg, wir haben sie übernommen und angepasst“, erzählt Susanne Burger. Mittlerweile ist der „Kulturschlüssel Saar“ ein Erfolgsprojekt. Über 300 KulturgenießerInnen und fast 80 KulturbegleiterInnen haben sich registrieren lassen.

Die KulturgenießerInnen sind Menschen mit verschiedenen körperlichen Einschränkungen, viele von ihnen sind MitarbeiterInnen der reha GmbH, die in deren verschiedenen Häusern im Saarland leben und arbeiten. Daneben sind es aber auch zunehmend SeniorInnen, die ihr Zuhause nicht mehr problemlos verlassen können. Dagegen sind die KulturbegleiterInnen mobil, verfügen meist über einen eigenen PKW, mit dem sie die GenießerInnen daheim abholen, zur Veranstaltung begleiten und wieder zurückbringen.

„Unter den Begleitern sind rüstige Rentner, aber auch viele jüngere Menschen. Sie sollten an den kulturellen Veranstaltungen genauso interessiert sein, wie die Genießer“, erklärt Susanne Burger. Sie berichtet, dass für die GenießerInnen die Fahrten kostenlos seien, sie aber den (oft ermäßigten) Eintritt zahlen müssten, während für die BegleiterInnen keine Kosten entstünden. Die Veranstalter geben für den „Kulturschlüssel Saar“ oft Freikarten aus.

„Wir erstellen jeden Monat vorab eine Übersicht mit allen Angeboten. Darunter sind Konzerte des Saarländischen Rundfunks, Aufführungen des Staatstheaters Saarbrücken, aber auch Filmvorführungen, wie die des Filmfestivals Max-Ophüls-Preis, viele Konzerte und Museumsführungen. Ganz oft sind es hochkarätige Veranstaltungen“, schwärmt Susanne Burger. Die monatliche Übersicht wird den KulturgenießerInnen und den KulturbegleiterInnen zugeschickt, damit sie sich anmelden können. „Anschließend werden die einzelnen Paare zugeteilt. Das machen wir wohnortabhängig, damit für den Begleiter kein weiter Weg entsteht“, erzählt sie.

Das Projekt erhielt zahlreiche Auszeichnungen

Die GenießerInnen sollen bei ihrer Auswahl großzügig sein. „Wir können nicht versichern, dass wir zu jeder Veranstaltung einen passenden Begleiter finden. Wenn man sich aber fünf Veranstaltungen im Monat aussucht, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, dass zwei oder drei klappen“, erläutert Susanne Burger. „Es ist ein großer Erfolg. Nicht nur, dass Menschen mit körperlichen Einschränkungen Kultur genießen können - es entstehen richtige Freundschaften. Mittlerweile gibt es Paare, die sich schon gemeinsam anmelden“.

Daher wundert es nicht, dass dieses Projekt im Jahr 2016 als ein Ort in „Deutschland – Land der Ideen“ und 2017 mit dem Deutschen Nachbarschaftspreis ausgezeichnet wurde und Susanne Burger den „Kulturschlüssel Saar“ immer häufiger auch in anderen Städten vorstellen kann.

Heiner Korff und seine Schwester erhalten jeden Monat die Übersicht. Darauf freuen sich beide schon Tage vorher. Sie setzen sich zusammen und suchen aus, welche Veranstaltungen Heiner Korff besuchen möchte. „Beim ersten Treffen mit einem Kulturbegleiter bin ich oft noch dabei, erkläre den Rollstuhl. Aber ich fahre nicht mit“, erzählt Ute Stumpf. „Im letzten Jahr war er bei 24 Veranstaltungen, vom Besuch des Weihnachtsmarkts im französischen Saargemünd über die Inka-Ausstellung im Weltkulturerbe Völklinger Hütte bis zum Konzert von Moya Brennan“, schwärmt sie.

Zu den BegleiterInnen habe ihr Bruder ein herzliches Verhältnis, insbesondere zu einem Herrn aus Heusweiler. Von den Konzerten zehrt Heiner Korff noch tagelang. Der sonst so stille Mann erzählt seinen MitbewohnerInnen, PflegerInnen, aber auch KollegInnen in der Werkstatt immer ausführlich, was er erlebt hat. Ganz besonders gut in Erinnerung geblieben ist der „Homburger Musiksommer“, wo Heiner Korff im letzten Jahr gleich mehrere Wochenenden war.

Die Konzerte bedeuten ihm sehr viel. Dort trifft er andere MusikerInnen, die er noch von früher kennt. „Das ist immer ein großes Hallo“, erzählt Ute Stumpf und lacht. Eine davon ist die bekannte Sängerin Sue Lehmann. „Das war schön. Wir haben uns ewig nicht gesehen“, sagt auch Heiner Korff bedächtig. Und schon die Erinnerung reicht aus, um seine blauen Augen strahlen zu lassen.

Nicole Baronsky-Ottmann studierte Kunstgeschichte und Deutsche Volkskunde in Mainz und arbeitet freiberuflich als Kunsthistorikerin und Journalistin in Saarbrücken. Seither schreibt sie Texte für Künstler, Ausstellungsrezensionen und Kulturbeiträge für die Tageszeitung Saarbrücker Zeitung und war Stadtteilautorin und Verfasserin der Dokumentation „Leben im Stadtteil Rotenbühl“.