„Wir sind nicht einfach nur dagegen“

22.02.2016 Von: Elisabeth Wellershaus

Aufführung von "#GentrifiHÄÄ??? #GentriDichSelbst!!!" | © Sabine Eva Kuhn

Vorurteile, soziale Verdrängung, Rassismus. Seit sieben Jahren bringt das Jugendtheaterbüro Berlin wichtige Themen auf die Bühne. Längst wird die Botschaft der jungen Theatermacher auch an etablierten Kulturhäusern in Berlin gehört.

Kämpferisch kreuzt er die Arme übereinander, Beine breit, das Basecap sitzt tief über den dunklen Haaren. Einen Moment lang schaut Jamil grimmig drein. Doch dann lächelt er freundlich in die Kamera, die Gangster-Pose ist nur gespielt. Der junge Mann vom Jugendtheaterbüro Berlin (JTB) ist weder Dealer, Gangmitglied noch sonst eine Gefahr für die Allgemeinheit. Er ist Schauspieler und posiert im Foyer seines Theaters – dem Theater X. Sein Vater Ahmed Shah hat das JTB vor mittlerweile sieben Jahren gegründet. Seither beschäftigen sich dort vor allem Jugendliche mit Themen wie Rassismus, Vorurteilen und den Geschichten rund um ihre kulturellen Hintergründe.

Als Shah in den 1980er Jahren nach West-Berlin kam, stand die Stadt noch ganz im Zeichen der Friedensbewegung. Begeistert tauchte er in die Kreuzberger alternative Szene ein. Die Stimmung war offener als in Großbritannien, wo er aufgewachsen war. Doch gesellschaftliche Teilhabe, von der er als Jugendlicher unter Thatcher geträumt hatte, fand auch hier nicht statt. Die deutsche Gesellschaft schien damals noch gar nicht bemerkt zu haben, dass sie immer diverser wurde. Und das motivierte den pakistanischstämmigen Theatermacher zu neuer künstlerischer Arbeit.

Ein Straßenprojekt mit Jugendlichen gab den Anstoß. Die Kinder von palästinensischen Migranten, mit denen er arbeitete, zeigten ihm mehr als deutlich, wie wenig ihre Probleme von der Gesellschaft wahrgenommen, geschweige denn aufgefangen wurden. Nicht die eigene Traumatisierung, nicht die der Eltern, und auch nicht die kulturelle Isolation durch ein Leben in sozialer Armut. Durch das Theater schienen diese Kinder plötzlich eine eigene Stimme zu finden. In Spielsituationen sprachen sie über die Gewalt, die sie oder ihre Eltern erfahren hatten, tauschten sich aus in dem winzigen Raum, in dem Shah mit ihnen arbeitete. „Es war der einzige beheizte Freizeitort in der Gegend, den die Kids im Winter hatten“, erzählt er. So bekam er viel Zulauf, und ein neues Theaterprojekt war geboren.

Das war vor über zehn Jahren. Die gesamte Berliner Theaterlandschaft hat sich seither verändert. Seit Shermin Langhoffs Übernahme des Gorkis bespielt die Stadt erstmals eine große Bühne mit postmigrantischem Ensemble und Produktionen, die auch die Erfahrungen der Schauspieler spiegeln. Andere Institutionen ziehen eher schleppend nach. Da ist es gut, dass es alternative Projekte wie das von Ahmed Shah als Impulsgeber gibt. Mittlerweile ist sein Straßenprojekt zum Jugendtheaterbüro geworden, wo junge Menschen mit und ohne Migrationshintergrund die eigenen Perspektiven verhandeln. Junge Theatermacher, von denen einige erst seit kurzem in Deutschland leben, andere, die hier geboren wurden.

Mit Produktion wie „Rollenscheiß“, „Macho Macho Men“ oder „GentrifiHÄÄ???“ diskutieren sie wichtige Themen aus dem eigenen Alltag. Junge Männer, die sich nicht auf „muslimische“ Stereotype reduzieren lassen wollen, beschweren sich über Penisdebatten und die deutsche Machogesellschaft. Junge Frauen, die sich auf der Bühne ihr Barbie-Dreamhaus bauen, entdecken die Tücken des Feminismus. Und auch die Geschichte der neuen Moabiter Heimat wird thematisiert. In „Salam Günther“ ehrten die Jugendlich den so genannten „roten Pastor“ Günther Dehn, der in der Reformationskirche Widerstand gegen die Nazis leistete, neben der sie heute arbeiten und spielen.

Seit 2014 bespielen sie das Foyer des ehemaligen Gemeindezentrums seiner Kirche. Vor bis zu 200 Menschen haben sie im Theater X bereits gestanden. Doch längst erobern sie auch die großen öffentlichen Einrichtungen. Drei Mal waren sie bereits mit ihrem „Festiwalla“ im Haus der Kulturen der Welt zu Gast. „Viele unserer Schauspieler kannten das Haus nur von Pinkelpausen, weil sie oft im Tiergarten grillten“, erzählt Shah und schmunzelt. „Inmitten des kulturbürgerlichen HKW-Umfeldes fühlten wir uns erst mal etwas fremd. Am Ende konnten wir den Raum aber mit ganz neuem Publikum und für andere Themen und Perspektiven öffnen – zumindest für den Moment.“

Eine Herausforderung, der sich die Truppe mittlerweile ganz routiniert und meist vor begeistertem Publikum stellt. Und wofür es im vergangenen Jahr sogar den Preis für Kulturelle Bildung des BKM gewann. Dieses Jahr wird „Festiwalla“ mit neuen Stücken und Workshops zu den verschiedenen Produktionsthemen im Gorki Theater gastieren. Und wieder wird es um ein hochpolitisches Thema gehen: um Glauben, Religiosität und den Kampf um kulturelle Identität. Nebenbei trifft sich der von Flüchtlingen selbst organisierte „Refugee-Club“ bereits regelmäßig im Theater X und gastiert auch schon mal bei Thomas Ostermeier in der Schaubühne. Und mit dem Projekt „Kultür auf“ findet zusätzlich gemeinsame Arbeit mit marginalisierten Jugendlichen statt.

Überhaupt steht die Eigenständigkeit der jungen Theatermacher beim JTB im Vordergrund. Stücke werden in Regie-Kollektiven entwickelt, Themen kommen über die Jugendlichen selbst, die auch Verantwortung in Sachen Dramaturgie, Produktion und Technik übernehmen sollen. Shah sieht das gemeinsame Theater nicht nur als Spielstätte, sondern auch als Produktionsschule. Viele seiner Protegees arbeiten mittlerweile auch auf Leitungsebene mit. Die BWL-Studentin Jasmin Ibrahim beispielsweise, die dieses Jahr das „Festiwalla“ koordiniert, Çığır Özyurt, der heute als Theaterpädagoge und Regisseur am JTB arbeitet und andere, die mittlerweile renommierte Theaterausbildungsstätten wie die Universität der Künste und die Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch besuchen.

Jamil steht schon wieder breitbeinig im Foyer. Er dreht einen Werbespot für das Theater und deutet auf zwei gekreuzte Arme, die ein großes X auf dem Betonboden darstellen. „Wir sind nicht immer nur gegen Dinge“, sagt er in die Kamera und lacht, weil die Pose es nahe legt. „Es gibt nur einfach noch so viele Wahrnehmungsbarrieren, die wir überwinden müssen. Und genau dafür steht das X. Dafür, dass wir einfach mitreden wollen.“ Das Selbstbewusstsein, die eigene Meinung zu vertreten, haben die jungen Theatermacher alleine aufgebaut. Nun ist es an den anderen zuzuhören.

Elisabeth Wellershaus lebt in Berlin. Sie ist Journalistin und arbeitet unter anderem als Redakteurin für das Kunstmagazin „Comtemporary And“. Zudem ist sie Mitglied der Redaktion von „10 nach 8“ bei Zeit Online.