Anders arbeiten: Diversität als Mehrwert bei der strukturellen Öffnung von Kunst- und Kultureinrichtungen

Die KIWit-Denkwerkstatt Kultur+Wirtschaft

Dokumente und Arbeitsmaterialien auf einem Tisch
Foto: David Young

Ob für Unternehmen oder Stadttheater: Vielfalt und Diversifizierung spielen in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine Rolle. Dabei wird in Kultur und Wirtschaft mit unterschiedlichen Ansprüchen und Methoden gearbeitet. Vor diesem Hintergrund fokussiert das KIWit-Teilprojekt „Denkwerkstatt Kultur+Wirtschaft“ auf einen praxisorientierten Wissenstransfer zwischen beiden Welten.

Seit Herbst 2017 ist die Stiftung Genshagen Teil von KIWit, dem Kompetenzverbund Kulturelle Integration und Wissenstransfer: Fünf Partner mit verschiedenen Aufgaben und Kompetenzen machen sich gemeinsam für gesellschaftliche Vielfalt in Kultureinrichtungen stark. Ein Baustein des Kompetenzverbundes ist der an die Stiftung Genshagen angebundene Arbeitsbereich Kultur+Wirtschaft [1]. Je diverser, desto erfolgreicher – das bestätigt das Ergebnis der im Frühjahr 2018 veröffentlichten McKinsey-Studie „Delivering Through Diversity“. McKinsey führt in seiner Analyse aus, dass nach Diversitätskriterien aufgestellte Firmen nicht nur die attraktiveren Arbeitgeber sind, sondern vor allem auch in ihren Entscheidungen oftmals besser, kreativer, schneller und damit schließlich erfolgreicher agieren [2]. Angeregt durch diese Erkenntnis geht es dem KIWit-Arbeitsbereich Kultur+Wirtschaft um die Förderung strukturierter Öffnungsprozesse der Kunst- und Kulturinstitutionen, die Diversität als Mehrwert erfahrbar machen.

Auch die Arbeitgeberinitiative „Charta der Vielfalt“ setzt sich bereits seit 2006 zur Förderung von Vielfalt in Unter-nehmen und Institutionen ein. Dabei geht es darum, „die Anerkennung, Wertschätzung und Integration von Vielfalt in der Arbeitswelt voranzubringen. Organisationen sollen ein Arbeitsumfeld schaffen, das frei von Vorurteilen ist. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen Wertschätzung erfahren – unabhängig von Geschlecht, geschlechtlicher Identität, Nationalität, ethnischer Herkunft, Religion oder Weltanschauung, Behinderung, Alter, sexueller Orientierung und Identität“ [3]. Schließlich ist man sich auch im Kontext der Charta längst einig, dass sich jegliche Form von Ausschlüssen letztlich nachteilig auf die Entwicklung eines Unternehmens auswirkt.

Vor diesem Hintergrund ist insbesondere das Arbeiten in Teams Chance und Herausforderung zugleich. Dies hat auch Michael Detmer beobachtet, der bei der BASF im Bereich Diversity and Inclusion tätig ist und sich darüber hinaus im Rahmen der Initiative „Chefsache“ für die Entwicklung eines Unconscious Bias Trainings [4] im Kontext von Personalentscheidungen engagiert. Er weiß, dass es letztlich in vielen Teams vorkommen kann, dass sich jemand nicht so einbringt, wie es die anderen von ihr oder ihm erwarten. In der Reaktion darauf gibt es zwei Perspektiven: Man wird aufmerksam, fragt nach und versucht die Person wieder stärker in den Arbeitsprozess zu integrieren. Oder die Abweichung wird als Störung erlebt, die Zusammenarbeit verschlechtert sich und die als „hinderlich“ empfundene Person wird früher oder später Ausschluss- oder gar Diskriminierungserfahrungen machen. Die Herausforderung besteht darin, die eigenen Erwartungen, Zuschreibungen und Vorurteile kritisch zu beobachten und somit jeden Menschen in seiner besonderen Art und mit seinem Potenzial besser wahrnehmen und wertschätzen zu können.

Jenseits der zwischenmenschlichen Ebene zeichnet sich der Arbeitsalltag in der Wirtschaft durch zwei strukturelle Arbeitsweisen aus, die sich auch in den Kunst- und Kulturinstitutionen als sinnvoll erweisen könnten. Zum einen ist der Weg zur Entwicklung eines neuen Produkts in der Wirtschaft ein komplexer Prozess, an dem schon früh unterschiedlichste Arbeitsbereiche beteiligt werden. Man scheint überzeugt: Je mehr Erfahrungen und Bedarfe einbezogen werden und je präziser Details abgestimmt sind, desto besser ist am Ende das Ergebnis. Zum anderen wird in der Wirtschaft meist sehr genau überlegt, wem was angeboten werden soll. Dazu setzen sich Unternehmen mit den Wünschen ihrer erhofften Kundschaft auseinander und versuchen zugleich auch die Bedürfnisse anzuregen: Man beschäftigt sich mit den Menschen, die man erreichen möchte, und spricht mit ihnen über das, was sie brauchen und was nicht.

Sowohl im Hinblick auf die Arbeit in interdisziplinären Teams als auch im Dialog mit Zielgruppen fällt auf, dass es letztlich um Kommunikation und Dialogfähigkeit bei Aushandlungsprozessen geht: Wie können wir so miteinander sprechen, dass wir die Vielfalt der einfließenden Perspektiven als Qualitätssteigerung erleben? Und darüber hinaus: Wie können die Angebote von Kultureinrichtungen so gestaltet werden, dass sie für ein diverses Publikum attraktiv sind und die Institutionen stärker als Schnittstellen gesellschaftlicher Begegnung und Auseinandersetzung wahrgenommen werden?

Seit Frühjahr 2018 kooperiert die KIWit-Denkwerkstatt Kultur+Wirtschaft mit dem Jungen Schauspiel Düsseldorf. In einer Reihe von Werkstatt-Tagungen arbeitet eine heterogene Gruppe von Akteurinnen und Akteuren aus Kultur, Verwaltung, Wirtschaft und Sozialarbeit mit einer vom Design Thinking [5] inspirierten Methode an konkreten Antworten auf die oben formulierten Fragen. Zugleich wird damit im Selbstversuch eine Arbeitsweise entwickelt, die ohne kostenintensive Moderation oder Beratung auskommt und für denkbar viele Beteiligte – und so auch für einen strukturellen Öffnungsprozess einer Kunst- oder Kultureinrichtung – geeignet scheint.

Ziel ist eine von Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Respekt und Kreativität geprägte Methode, die jederzeit und überall auf lokale Aufgaben und Bedürfnisse angewandt werden kann. Dazu wird eine Reihe von Prozessleitfäden entworfen, die in kleinen Gruppen bearbeitet werden können. Jeder Leitfaden ist so angelegt, dass die Mitwirkenden konkret, kreativ und kontrovers mit ihren Herausforderungen umgehen und selbstständig eine Lösung entwickeln können. Die Leitfäden werden über www.kiwit.org und andere Websites zugänglich gemacht. Sie bieten sich nicht nur zur Nachahmung an, sondern sollen durch Anwendung und Kritik stetig verbessert werden.

Die in Düsseldorf entwickelte Methode möchte als eine Antwortskizze auf ein komplexes Problem verstanden werden: Dass es immer schwieriger wird, in heterogenen Arbeitsgruppen zu Ergebnissen zu kommen, die weitestgehend akzeptiert werden. Deshalb lädt die KIWit-Denkwerkstatt Kultur+Wirtschaft ein, konkrete Ideen zu entwickeln, wie sich in heterogenen Gruppenkonstellationen kreativer und konstruktiver arbeiten lässt, so dass in Zukunft unterschiedlichste Probleme von diversen Menschen auf vielfältige Weise angegangen und gelöst werden können.

Autor: Moritz von Rappard
Moritz von Rappard hat an der Universität Köln Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Germanistik und Pädagogik studiert und ist seit 1997 als Projektentwickler und Vermittler an der Schnittstelle von gesellschaftlich relevanter und künstlerisch kreativer Arbeit tätig. Nachdem er von 2014 bis 2016 bei Kulturprojekte Berlin im Bereich Kulturelle Bildung zahlreiche Diskussions-, Workshop- und Tagungsformate entwickelte, verantwortet er seit 2017als Projektleiter bei der Stiftung Genshagen im Kompetenzverbund KIWit den Arbeitsbereich Kultur+Wirtschaft.

Fußnoten:

[1] Weitere Informationen zu den Aktivitäten der Stiftung Genshagen im KIWit-Verbund unter http://www.stiftung-genshagen.de/kiwit.

[2] McKinsey & Company, Delivering Through Diversity, 2018, https://www.mckinsey.com/business-functions/organization/our-insights/delivering-through-diversity, letzter Abruf am 15.10.2018.

[3] Charta der Vielfalt, https://www.charta-der-vielfalt.de/die-charta/ueber-die-charta/, letzter Abruf am 17.10.2018.

[4] Unconscious Bias Trainings dienen dazu, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in Personalentscheidungen involviert sind, für Benachteiligungsfaktoren in der Personalauswahl zu sensibilisieren. Dadurch sollen möglichst faire Beurteilungen aller Bewerberinnen und Bewerber sichergestellt werden. Weitere Informationen hierzu unter https://initiative-chefsache.de/fuehrungsvorbilder/unconscious-bias-training/, letzter Abruf am 15.10.2018.

[5] Design Thinking ist eine Arbeitstechnik, die auf der Grundannahme basiert, dass Menschen unterschiedlicher Disziplinen in einem kreativitätsfördernden Arbeitsrahmen gemeinsam zu besseren Lösungsergebnissen finden. Weitere Informationen zum Design Thinking unter https://kreativitätstechniken.info/kreativitaetsframeworks/design-thinking/, letzter Abruf am 17.10.2018.

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