Heimat erschreiben

20.06.2018 Von: Alice Lanzke

Teilnehmerin Yuliia Levytska bei der Abschlussveranstaltung von "Der andere Blick" | Foto: Robert Lanzke

In der Workshop-Reihe „Der andere Blick“ bekommen Neu-Zugewanderte die Gelegenheit, eigene Perspektiven auf ihr Leben in Deutschland, ihren Alltag und ihre Wünsche in journalistische Form zu gießen.

Seit einigen Monaten wird in Deutschland wieder über einen Begriff gestritten, der schon länger nicht mehr Gegenstand des gesellschaftlichen und politischen Diskurses war: Heimat. Was ist Heimat eigentlich? Ein Gefühl? Ein definierter Ort? Oder ein sich änderndes Konzept? Angestoßen wurde die Debatte nicht zuletzt durch die große Zahl jener, die in den vergangenen Monaten und Jahren in Deutschland eine neue Heimat fanden – oder sich immer noch im Prozess befinden, sich diese neue Heimat aufzubauen.

Für jenen Prozess gibt es keine Gebrauchsanweisung. Je nach Definition des Heimatbegriffs bedeutet er für manche eine feste Wohnung zu haben, für andere, sich ein stabiles soziales Netzwerk aufzubauen und wieder andere unken, Heimat sei da, wo sich das Handy automatisch ins Wifi-Netzwerk einwähle.

Unabhängig von der jeweiligen Definition können Sprache und Kultur wirkmächtige Vehikel sein, um sich eine neue Heimat zu erschließen. Genau hier setzt das Projekt „Der andere Blick“ an: ein Schreibworkshop für alle, die ins Wendland und Umgebung neu zugewandert sind. In Kooperation mit der Elbe-Jeetzel-Zeitung, der örtlichen Lokalzeitung, und den Neuen deutschen Medienmacher*innen wurde er von der Diversity-Trainerin Pari Niemann ins Leben gerufen.

Er richtet sich an Zugewanderte, die Lust haben, auf Deutsch zu schreiben, wissen wollen, wie man einen Zeitungsartikel erstellt und ihre Sicht auf die neue Heimat zum Ausdruck bringen wollen. „Jeder Mensch trägt einen Rucksack mit sich, der mit seinen Erfahrungen, Erlebnissen und Prägungen gefüllt ist“, sagt Niemann. „Im Laufe unseres Lebens füllt sich dieser Rucksack immer weiter und bestimmt, wie wir Dinge sehen.“ Die Aufgabe sei es, sich jenes Gepäck bewusst zu machen – sei es als Teilnehmer*in des Workshops, als Journalist*in oder als Medien-Konsument*in.

Durch das Projekt sollen die Teilnehmer*innen die Gelegenheit haben, Medien als Teil der Kultur intensiv kennenzulernen und sich selbst im (journalistischen) Umgang mit der deutschen Sprache zu üben. Durch die Zusammenarbeit mit der Elbe-Jeetzel-Zeitung besteht für sie zusätzlich die Gelegenheit, ihren „anderen Blick“ auch zu veröffentlichen – und ihn so mit den Leser*innen des Blattes zu teilen.

Schreiben als Teilhabe

Obwohl die Teilnehmenden über ganz unterschiedliche Deutschkenntnisse verfügen, stellten sich schon bei den ersten Terminen Erfolgserlebnisse ein. „Die Teilnehmer*innen haben sich wirklich Mühe gegeben, auf Deutsch zu sprechen. Und sie haben schnell den Mut gefasst, ihre ersten kleinen Texte auch auf Deutsch zu schreiben“, sagt Thomas Lieske, einer der Workshop-Leiter von der Elbe-Jeetzel-Zeitung dazu.

Zudem sei innerhalb kurzer Zeit klar geworden, dass plötzlich ganz andere und viel mehr Möglichkeiten entstünden, am Leben in Deutschland teilzunehmen, „je mehr sie sich, vor allem schreibend, mit der deutschen Sprache auseinandersetzen“. Schreiben könne in dem Sinne als eine Art Teilhabe gesehen werden, was natürlich ein langer Prozess sei, so Lieske.

Im Workshop wurde den Teilnehmer*innen zunächst journalistisches Grundwissen vermittelt. Was sind die so genannten „W-Fragen“? Wie formuliert man eine Überschrift? Welche Stolperfallen drohen bei Satzstellung und Wortwahl? Wie findet man ein Thema und wie recherchiert man?

Narges Rezai und Thomas Lieske | Foto: Robert Lanzke

Für viele der Teilnehmer*innen lagen die Themen buchstäblich nahe. Sie setzten sich etwa mit der Frage auseinander, wie der Kulturbahnhof Hitzacker gereinigt wird, wie die hiesige Nähwerkstatt für Geflüchtete funktioniert oder welche Bedeutung Mode für die älteren Bewohnerinnen der Stadt hat. Andere Motive ergaben sich aus persönlicher Betroffenheit – so wie etwa bei Narges Rezai, die vor zwei Jahren aus dem Iran nach Deutschland kam. Die 22-Jährige nimmt jeden Tag den Bus, um das Gymnasium im Nachbarort Lüchow zu besuchen.

Die Schwierigkeiten, die ihr das bereitet, hat sie in ihrem Artikel „In der Buswarteschleife“ verarbeitet. Im ländlich geprägten Wendland ist es durchaus ein Problem, auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen zu sein: „Wo wenige Menschen leben, fahren wenige Busse“, schreibt sie. Und kritisiert, dass man als Schülerin mehr Angst davor haben müsse, den Bus zu verlassen, als vor der nächsten Klausur: „Wer den Bus verpasst, verpasst die Klausur.“

Belebung für den Lokaljournalismus

Für Narges Rezai ist der Workshop eine Motivation, mehr Texte auf Deutsch zu schreiben. Für Workshop-Leiter Thomas Lieske zeigt der kurze Text, dass auch er als Lokalredakteur von dem Seminar profitiere: „Die Perspektiven, die Neu- und Nicht-Deutsche auf lokales Geschehen werfen, sind unglaublich bereichernd für die Themenwelt lokaler Medien. Themen, die für Medienmacher*innen absoluter Alltag und dadurch zwangsläufig teils ermüdend geworden sind, sind für die Kursteilnehmer*innen Aufregerthemen gewesen.“

So seien Narges’ Erfahrungen natürlich nichts Neues für das Lokalmedium, das Thema sei immer wieder aufgegriffen worden. „Aber eben nicht aus Sicht einer ÖPNV-Nutzerin. Das war eine ganz neue Perspektive auf ein Thema, das auf den ersten Blick ziemlich öde wirkte und dann aber eine ganz neue Dynamik bekam.“ Für Lieske ist diese Beobachtung ein zentraler Moment des Projekts: „Neue Perspektiven bringen neue Dynamik in eingefahrene Sichtweisen. Das hält Lokaljournalismus am Leben und ist eine echte Chance für die Gesellschaft.“

Die Arbeiten der Teilnehmer*innen erlaubten aber auch ganz unerwartete Einblicke in die Schwierigkeiten bei dem Versuch, in einer neuen Heimat anzukommen. Das zeigt das Beispiel der humorigen Glosse von Obaida Al-Ramadhani. Der 22-Jährige ist Gymnasialschüler und stammt ursprünglich aus dem Irak. Er beschreibt unter der Überschrift „Schei...e“ das überraschende erste deutsche Wort, das er lernte. Nach seiner Ankunft in Deutschland im August 2015 arbeitete er zunächst als Dolmetscher in einer Polizeischule.

Obaida Al-Ramadhani | Foto: Robert Lanzke

Aufmerksam lauschte er den Gesprächen der Polizist*innen in der Kantine, um so viel Deutsch wie möglich zu hören – und bekam dabei ein Wort ganz besonders oft zu hören: „Schei...e“. Ohne Erklärung, was das Wort bedeuten könnte, versuchte Al-Ramadhani, sich selbst dessen Bedeutung zu erschließen. Er wusste, dass die Polizist*innen oft über Flüchtlingspolitik diskutierten: „Ich hatte immer Angst vor ‚Scheiße’, weil ich dachte, dass sich dahinter der Name eines Politikers verbergen würde, der gegen Flüchtlinge sei“, so Al-Ramadhanis Annahme. Erst das Gespräch mit einer Freundin klärte den Irrtum auf.

Geschichten wie diese sorgen bei der Abschlussfeier für die erste Workshop-Reihe im Kulturbahnhof Hitzacker für Erheiterung im Publikum. Andere Beiträge regten zum Nachdenken an – so wie die Reflektion von Yuliia Levytska zur politischen Situation in ihrer ukrainischen Heimat. Die 21-Jährige nimmt derzeit am „European Volunteer Service“-Programm teil und setzt sich mit dem Prozess der „dekomunisatsiia“ auseinander, in dessen Verlauf die Spuren des Kommunismus gewaltsam getilgt werden.

Neue Stimmen und Perspektiven

Das Konzept des Workshops „Der andere Blick“ ging so in mehrfacher Hinsicht auf: Zum einen wurden die Teilnehmer*innen erfolgreich ermutigt, sich selbst im journalistischen Arbeiten zu erproben und dabei motivierende Erfolgserlebnisse zu sammeln. Zudem gewannen sie einen Einblick in die Funktionsweisen des deutschen Mediensystems und das speziell für die Lokalpresse. Die Abschlussfeier machte allerdings auch deutlich, wie groß das Interesse in der Region an den dargestellten Perspektiven ist. In der Diskussion nach der öffentlichen Lesung der Texte brachten die zahlreichen Nachfragen aus dem Publikum zum Ausdruck, dass hier großer Informationsbedarf und vor allem Interesse an neuen Stimmen und Perspektiven besteht.

Die Workshop-Reihe „Der andere Blick“ wird im Oktober fortgesetzt, neue Teilnehmer*innen sind willkommen. Informationen dazu in Kürze unter www.neuemedienmacher.de/aktuelles

Die kompletten Texte der Teilnehmenden sind hier zu finden.

Alice Lanzke machte ihr Diplom in Politologie in Berlin und absolvierte danach den Aufbaustudiengang Journalismus in Mainz. Seit dem Master 2006 arbeitet sie als freie Journalistin vor allem für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit den Schwerpunkten Politik, Wissen und Kultur. Daneben engagiert sie sich bei den Neuen deutschen Medienmacher*innen für mehr Diversität in deutschen Redaktionen und eine vielfältigere Berichterstattung. Sie ist eine der Workshop-Leiterinnen im Projekt „Der andere Blick“.