Kulturelle Diversität: Warum Schlagworte nicht weiterhelfen.

09.08.2018 Von: Gernot Wolfram

Polnische Künstlergruppe Zubrzyce ("Bisonladys") | Foto: Lena Held

Es gehört mittlerweile zum Selbstverständnis jeder Kulturpolitik, Vielfalt einzufordern, offen zu sein für andere Ausdrucksformen und von ihnen zu lernen. Der Kulturwissenschaftler Gernot Wolfram argumentiert, dass kulturelle Diversität jedoch nicht über das Andere und Exotische zu finden ist, sondern über gemeinsame Ideen, Traditionen und Modelle – und richtet dabei den Blick auf die Kulturlandschaft des östlichen und südöstlichen Europas.

Mehr kulturelle Diversität schaffen, mehr Vielfalt ermöglichen, keinen Rassismus zulassen – das große Thema Diversität produziert ständig ähnliche Schlagworte. Sie klingen gut, aber sie sind - wie fast immer bei politischen Schlagworten - relativ unpräzise, wenn man die Frage danach stellt, welche Konsequenzen in der Praxis wirklich aus ihnen zu ziehen sind. Ein wenig diskutierter Aspekt sind dabei die Wissensbestände, die viele Kulturpolitiker*innen und weitere relevante Entscheider*innen bezüglich „anderer“ Kulturen haben. Selbst zu den Ländern, in die seit vierzig Jahren deutsche Tourist*innen regelmäßig fahren oder aus denen eine große Zahl der in Deutschland lebenden Migrant*innen kommen, gibt es häufig wenig lebendige Assoziationen zu zeitgenössischer Kunst und Kulturen dieser Herkünfte.

Wissen statt Moral

Diversität – so meine These – sollte ein präziserer Begriff werden, der auf Wissen basiert, und nicht auf moralischen Forderungen. Wer kulturelle Diversität einfordert, definiert bereits „die Anderen“, zeichnet die Linien der Unterscheidung vor. Wer hingegen nach Hintergründen und Selbstdefinitionen von Akteur*innen fragt, ist an neuem Wissen interessiert. Ohne assoziatives Wissen über „den Anderen“ kann Zusammenarbeit und Gleichberechtigung nur schwierig hergestellt werden. Wer kundige Auskunft gibt, wird zum sichtbaren Partner, nicht zu einem abstrakten Vertreter des „Diversen“.

Es geht bei dieser Perspektive nicht um Einzelprojekte, davon gibt es sehr viele gute und klug konzipierte. Der Blick auf das Problem richtet sich breiter aus – allein, wenn man die Frage danach stellt, wie selten gelungene Medienproduktionen aus Migrationsländern wie beispielsweise Polen, Türkei oder Griechenland im deutschen Fernsehen zu akzeptablen Zeiten präsent sind, erkennt man die Schieflage. Zu was Menschen etwas einfällt, damit gehen sie um. Was sie nicht kennen, werden sie nicht verteidigen.

Westliche Prägung und Wissen

Ein Beispiel: Vor einigen Jahren, während der sehr emotional geführten Finanzdebatte zwischen Deutschland und Griechenland, beschlossen Kulturschaffende aus beiden Ländern dem harten politischen Ton eine ästhetische Differenzierung entgegenzusetzen. Es sollte etwas getan werden gegen das medial vermittelte Stereotyp des angeblich „faulen Südländers“. Mit Unterstützung von Geldgebern aus beiden Ländern wurde das Filmfestival Hellas Filmbox ins Leben gerufen . Auf einer offiziellen Pressekonferenz im Außenministerium in Athen sprachen sich damals der griechische Kulturminister und der deutsche Kulturattaché für das in Berlin stattfindende Festival aus. Plötzlich fragte eine junge Journalistin, was denn der Lieblingsfilm der beiden Männer aus dem jeweils anderen Land sei. Während der griechische Kulturminister sich an einige Filme von deutschen Regisseuren wie Rainer Werner Fassbinder, Volker Schlöndorff oder Werner Herzog erinnern konnte, nannte der deutsche Kulturattaché nach kurzem Zögern den Film My Big Fat Greek Wedding. Eine mit Klischees bestückte Hollywoodkomödie aus dem Jahr 2003. Sicher unterhaltsam, aber keinesfalls eine Produktion aus Griechenland [1]. Das war die einzige verfügbare Assoziation des deutschen Kulturattachés zum Thema Film im Land seines Dienstortes.

Ungleicher Kulturaustausch

Schlaglichtartig erhellt diese Anekdote ein Kernproblem des Diversitätsverständnisses aus deutscher Sicht. Das Wissen über aktuelle Diskurse reicht häufig nur in bestimmte Richtungen. Fundiertes oder auch nur brauchbares assoziatives Wissen zu Ländern außerhalb der westlichen Kanonperspektive bestimmt nur selten die Agenda in den deutschen Kulturpolitik- oder Kulturmanagement-Diskussionen. Obgleich viele Fachkolleg*innen hier durch gute Publikationen zumindest den Blick auf internationale Einflüsse schärfen und klar machen, dass noch sehr viel Potential offen liegt [2]: Die Übersetzungen von ausländischen Büchern hierzulande, die etwa auf neue Praxisformen kultureller Arbeit eingehen, werden jedoch nach wie vor von deutschen, amerikanischen und britischen Autor*innen dominiert. Ein Blick in die Hochschulbibliotheken von Kulturmanagement-Studiengängen, um ein Beispiel aus meinem Feld herauszugreifen, bestätigt zumeist diese Schieflage. Das Problem des Wahrnehmungsrisses betrifft aber sehr viel mehr Kulturtopographien auf anderen Kontinenten. Für den vorliegenden Beitrag soll der Blick zunächst nur auf Europa gerichtet werden. Aus einer topographischen Nähe wird das Phänomen vielleicht rascher greifbar.

Beispiel Osten und Süden Europas

Bei vielen Kulturmanagement-Studierenden, also dem fachlichen Nachwuchs auch für die Kulturpolitik, trifft man meist auf großes Interesse, aber eben auch auf geringes Grundlagenwissen bezüglich aktueller künstlerischer Diskurse in Ländern des östlichen und südöstlichen Europas . Obgleich viele der Projekte dort gut auf Englisch im Netz dokumentiert [3] oder auf Künstlerwebseiten zu finden sind. Das ist keine Ignoranz der Studierenden, sondern Folge einer mächtigen Sozialisation. Sie reicht von der Fachliteratur bis zu medialen Sehgewohnheiten. Patrick Föhl betont daher die Notwendigkeit einer „Diversifikation“ [4] der Kulturmanagementausbildung. Das gilt möglicherweise auch noch für weitere Bereiche der Bildungslandschaft.

Die Lücken in der Kulturmanagement-Ausbildung

Innerhalb einer von mir unternommenen Umfrage unter 435 österreichischen und deutschen Kultur- und Medienmanagement-Studierenden (im Zeitraum von 2011 bis 2015) konnten nur 4% eine adäquate Antwort auf die Frage geben: „Können Sie jeweils drei zeitgenössische Künstler*innen, auch aus der Populärkultur, aus den östlichen Nachbarländern Ihres Landes nennen?“ 93% der gleichen Befragtengruppe konnten jedoch eine adäquate Antwort hinsichtlich Ländern wie der USA und Großbritannien geben. Nicht erhoben wurde bei den 4% inwiefern sie familiäre oder private Bindungen zu den Ländern hatten, nach denen gefragt wurde [5].

Es gibt offensichtlich nur wenige Assoziationen, Bezüge und mediale Referenzen zu den genannten Ländern und vor allem zu ihren zeitgenössischen Kulturproduktionen. Selbst das richtige Aussprechen von Namen oder Städten östlicher und südosteuropäischer Kulturen fällt vielen Rezipient*innen schwer. Obgleich beispielsweise seit langem polnische Migrant*innen die zweitgrößte Migrationsgruppe in Deutschland darstellen [6], sind assoziative kulturelle Kenntnisse aus dem Nachbarland kaum je nachhaltig in die deutsche Alltags- und Medienkultur eingedrungen. Und das ist vielleicht eine symptomatische Spur in die Probleme des Diversitätsbegriffes.

Transkultureller Wissenstransfer

Es gibt freilich intensive Austauschprojekte. Auch die Kulturinstitute der jeweiligen Länder leisten in Deutschland seit Jahren gute Arbeit. Ähnliches gilt für Theater, Kinos und Festivals. Es fehlt jedoch an einer Kultur des transkulturellen Wissenstransfers. Ein Bildungsansatz, der nicht auf Schlagworte vertraut, sondern konkret danach fragt: Welche Vielfalt an Einflüssen gibt es bei uns zu finden? Was sind gemeinsame Themen? Was können wir von denen, die wir als „anders“ (divers) klassifizieren, lernen? Womöglich ließe sich dann auch erkennen, dass „das Andere“ in einer globalen Welt weniger mit Kultur als mit Chancen der Sichtbarkeit zu tun hat.

Eine neue, andere Bildung für Diversität?

Der moderne Bildungshorizont für Kulturpolitiker*innen und Kulturmanager*innen ist vielleicht nicht mehr nur das Reisen. Dies ist ohnehin eine Selbstverständlichkeit geworden. Herausfordernder ist offensichtlich die Erkundung der Bedingungen für jene blinden Bewusstseinsflecken unserer kulturtopographischen Wahrnehmung. Warum sind für viele kulturinteressierte Menschen manche Länder in ihrer unmittelbaren Blickweite zwar ein Reiseziel, aber keine Wissensquelle? Etwas, das einerseits Neugierde auslöst, andererseits sperrig bleibt und vielleicht mit einer gewissen Ignoranz nicht als ganz so relevant für die deutschen Verhältnisse empfunden wird?

Präzise Vielfalt

Hier offenbart sich eine der entscheidenden Krisen der Diversitäts-Debatte. Der Umgang mit präziser Vielfalt. Es gehört mittlerweile zum rhetorischen Selbstverständnis der Kulturpolitik, Vielfalt einzufordern, offen zu sein für andere Ausdrucksformen und von ihnen zu lernen. In der Konkretion dieser Forderung zeigt sich dann aber schnell die Hierarchie alter Kulturtraditionen, nämlich eine direkte oder indirekte Auf- und Abwertung bestimmter Länder. Warum werden hierzulande nur so wenige Best-Practice-Beispiele aus den östlichen und südöstlichen Ländern Europas als Lernmodelle diskutiert? Gerade jetzt, wo sich dort viel kluger Widerstand gegen politische Repression und Unterdrückung formiert? Der türkische Gezi-Park ist (mittlerweile) medial weitaus bekannter als etwa der polnische Białowieża-Nationalpark. Die dort durch die Abholzung der Bäume im Park bedrohten Bisons sind zum Symbol für viele protestierende Künstler*innen in Warschau geworden. Eine bei uns bekannte Ikonographie?

Neue europäische Kulturmanagement-Agenda

Möglicherweise benötigen wir eine Art europäische Kulturpolitik-Agenda, die in den Curricula verankert ist und diese Vielfalt präzise und neu denkt. Konkret: mehr Übersetzungen von kulturorganisationaler Literatur ins Englische und Deutsche, mehr Zitation derselben und mehr transkulturelle Ansätze in Theorie und Praxis. Heißt: nicht ständig auf die Herkunft blicken, sondern auf die Vielfalt von Interessen, Arbeits- und Denkweisen in den verschiedenen Ländern. Das ist ein wirksames Gegengift gegen kulturelles Hierarchiedenken. Eine solche Agenda könnte Grundlage sein für eine neue globale Form transkultureller Kulturpolitik, die sich gegen die Zumutungen von Ausgrenzung und populistischer Diffamierung stemmt.

Finden, nicht entdecken

Viele aktuelle Projekte, Ausstellungsformate und Partizipationsformen etwa in Griechenland, Albanien, Bulgarien oder Rumänien stecken voller Experimentierfreude, Ideenreichtum und ästhetischer Brisanz. In Athen finden im Moment einige der aufregendsten europäischen Kunst- und Theaterproduktionen statt [7], häufig in den alten, von der Krise leer gefegten Geschäfts- und Ladenlokalen. In der bulgarischen Stadt Plovdiv ist vor einiger Zeit aus einer Bürgerinitiative eine Bewegung hervorgegangen, die für den Bau eines neuen Opernhauses kämpft und diesen wohl auch durchsetzt. Die rumänische Stadt Timisiora bereitet sich indes intensiv auf ihren gewonnenen Titel „Kulturhauptstadt Europa 2021“ vor.

Schon jetzt zeigt sich das kreative Potential einer neuen Generation von rumänischen Kulturschaffenden. Lernen von Rumänien? Vielleicht sogar erkennen, dass der dort wirkende kulturelle Aufbruchsgeist für manche deutsche Stadt ähnlicher Größe Informatives bereithält? So lange freilich noch Journalist*innen selbst in Qualitätsmedien wie dem Spiegel ironisch-erstaunt fragen „Wer versteht schon die Rumänen?“ , wird sich wenig bei uns tun hinsichtlich eines Perspektivenwechsels. Und um nichts weniger aber müsste sich eine zeitgemäße Bildung von Kulturmanager*innen und Kulturpolitiker*innen bemühen. Nicht auf der Suche nach dem Anderen und Exotischen sein, sondern auf der Suche nach der Ebene, auf der man respektvoll über Ideen, Traditionen, Methoden und Modelle sprechen kann, die sich für Austausch und Kooperation eignen. Und das Ungewohnte nicht als Fremde zu sehen, sondern schlicht als Ausdruck fehlender Gewöhnung.

Leicht veränderte Version der Erstveröffentlichung aus "Kultur Management Network Magazin", Ausgabe 133, S. 12

Fußnoten

[1] Vgl. https://www.freitag.de/autoren/annett-groeschner/dieses-andere-licht; Vgl. auch den Blogeintrag des damaligen Festivaldirektors Asteris Kutulas: http://asti-blog.de/2015/08/04/athener-tagebuch-30-7-2015/

[2] Vgl. exemplarisch Henze, R. (2016): Einführung ins internationale Kulturmanagement, Springer; Mandel, B. (2013): Interkulturelles Audience Development: Zukunftsstrategien für öffentlich geförderte Kultureinrichtungen. transcript

[3] Vgl. exemplarisch Polen, Albanien, Bulgarien

[4] Föhl, P.; Glogner-Pilz, P. (2017) Kulturmanagement als Wissenschaft. Grundlagen, Entwicklungen, Perspektiven. Einführung in Studium und Praxis. Bielefeld: transcript, S.27

[5] Wolfram, G. (2015). White (Mind) Spaces: Wissenskategorien zur zeitgenössischen Kultur der östlichen Nachbarländer Deutschlands. Umfrage. Noch unpubliziert

[6] Vgl. https://www.berlin-institut.org/online-handbuchdemografie/bevoelkerungspolitik/deutschland/deutschlands-integrationspolitik.html

[7] Vgl. exemplarisch die Arbeit des Pina Bausch Fellows Euripidis Laskaridis und seines Osmosis Theaters: http://euripides.info/; zudem: die (Anti-)Biennale: http://athensbiennale.org/

Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Er arbeitet seit über zehn Jahren als externer Referent an der Bundeszentrale für politische Bildung im Bereich Kulturelle Bildung und Interkultur. Zusammen mit Prof. Thomas Heinze von der FernUniversität Hagen organisierte er die Tagung „Transkultur! Wer spricht? Wer hört zu? Wer verbindet?“ in Kooperation mit dem Goethe-Institut, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Moving Network und dem Netzwerk Brokering Intercultural Exchange.