Vorhang auf für die Zirkus-Rebellen

14.09.2018 Von: Jane Whyatt

Courtesy Zirkus Upsala St. Petersburg

Das transkulturelle Zirkusprojekt „Upsala“ aus Russland verbindet Sozial- und Theaterpädagogik und bietet so benachteiligten Kindern und Jugendlichen eine Perspektive. In Zeitz, Sachsen-Anhalt, präsentierte Upsala das Stück „Rebels for Peace“ mit Kindern aus Russland, Deutschland, Syrien und Afghanistan.

Welchen Einfluss haben Krieg und Frieden auf unser Leben? Und können wir unsere Welt so gestalten, wie wir es wollen? Der Zirkus „Upsala“ aus dem russischen St. Petersburg beweist, dass mit verschiedenen Formaten der darstellenden Künste und Kindern und Jugendlichen aus Russland, Syrien und Deutschland auch solche komplexen Themen auf die Bühne gebracht werden können.

„Rebels for Peace“ (Rebellen für den Frieden) heißt das aktuelle Programm mit dem der Zirkus auf der 10. Berlin Biennale im August 2018 zu Gast war. Erarbeitet wurde „Rebels for Peace“ allerdings in einem zweiwöchigen Workshop in Zeitz, Sachsen-Anhalt. Dass Zeitz als Ort für ein solches transkulturelles Projekt ausgewählt wurde, liegt auch an Ralf Wagener, ein Immobilienbesitzer aus Leipzig, der drei Jahren in Russland gearbeitet hat. Er macht das freiwillig, mit dem Motto: „Ich bin in der glücklichen Lage, dass ich für das Projekt ein bisschen Urlaub nehmen kann. Die Belohnung dafür sind die Erfahrung und Freude, mit den Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.“

Künstlerische Auseinandersetzung mit Krieg und Frieden

Bereits 2015 hatte Wagener mit dem Zirkus einen Auftritt in Leipzig organisiert. Seitdem unterstützt er „Upsala“ bei Auftritten im Osten Deutschlands. „Wir haben uns überlegt, dieses Jahr etwas Anderes zu machen und das nicht unbedingt in Leipzig, weil Leipzig ja bereits viele Kulturangebote hat.“ In einer Zeit, wo einfache Antworten auf vielschichtige Probleme gesucht würden und sogar Krieg wieder als denkbar hingestellt werde, solle man mit Kindern über Krieg und Frieden reden. Davon ist Wagener überzeugt.

Aus dieser Motivation entstand das Programm „Rebels for Peace“. Unter den Teilnehmenden waren 14 russische Kinder aus dem Ensemble des Zirkus Upsala sowie 15 deutsche, syrische und afghanische Kinder aus Zeitz, die sich zwei Wochen lang künstlerisch mit den Themen Krieg und Frieden auseinandersetzten.

Der Zirkus Upsala wurde 2000 in St. Petersburg gegründet und verbindet seither professionelle Theater- und Zirkusarbeit mit sozialem Engagement. Die Aktivitäten des Zirkus, der seit Beginn von Larissa Afanasyeva geleitet wird, widmen sich Kindern aus sozial benachteiligten und gefährdeten Gruppen, Kinder die zu Hause wenig Rückhalt und Unterstützung haben und eventuell sogar auf der Straße leben. Ihnen will das Projekt einen alternativen Lern- und Lebensort bieten. Seit der Gründung ist der Zirkus schon durch zahlreiche europäische Länder getourt, darunter Deutschland, Großbritannien, Frankreich und Belgien.

Vier Kunstformate, vier Sprachen

Höhepunkt des zweiwöchigen Sommercamps in Zeitz war das anschließende Festival „Posa Calling“ am 18. August im Kloster Posa, bei dem die Kinder und Jugendlichen auf der Bühne standen. Das Festival auf dem ehemaligen Kloster mit Weingut bot einen idealen Rahmen für das interkulturelle Projekt: Bei Musik, Komödie und Sonnenschein spielte der Zirkus Upsala eine der Hauptrollen des Festivals.

Das Stück der Zirkus-Rebellen setzte sich aus den vier künstlerischen Schwerpunkten Ton, Video/Animation, dokumentarisches Theater und Zirkus zusammen. Gesprochen wurde in vier Sprachen: arabisch, kurdisch, deutsch und russisch. Selbstbewusst und professionell trat die gemischte Truppe auf. Mal tobend und tanzend, mal mit Worten und Gesten erzählten die Kinder ihre Geschichte von Flucht, Krieg, Frieden, Freundschaft und Zuhause:

„Ich heiße Narges Hossainye und komme aus Afghanistan. Wir sind zu Fuß nach Deutschland gekommen. Das war sehr kalt und jeder war müde. Niemand konnte mehr weiterlaufen und wenn man nicht weiterlaufen konnte, dann schießen sie.“ „Hattest Du Angst?“ „Ja, ein bisschen. Jetzt wohne ich in der Parkstraße mit meiner Familie.“

Obai aus Syrien wird gefragt: „War es schwierig, bei dem Projekt mit Kindern aus verschiedenen Ländern mitzumachen?“ „Nein, ganz einfach. Sie sind wie Familie. Ich finde das cool.“

Verständnis und Austausch über Theaterarbeit

Was bei Kindern selbstverständlich scheint, gilt nicht unbedingt für die Erwachsenen: „Bei einer Familie aus Afghanistan kam die Frage auf, ob wir sie mit russischen Kindern zusammenbringen können. Russland und Afghanistan haben eine gemeinsame Geschichte, die nicht ganz unproblematisch ist“, erzählt Wagener, „Der afghanische Vater sagte uns dann aber, dass die Kinder die Chance haben sollten, sich über solche Projekte zu verstehen und auszutauschen.“

Auch für Zeitzer Schulklassen wurde am zweiten Schultag nach den Ferien eine Aufführung veranstaltet. „Am Ende sind alle auf der Bühne gesprungen, machten Break-Dance und waren total begeistert,“ erzählte eine Leipzigerin, die die Vorstellung miterlebt hat. Bei der älteren Generation braucht es manchmal etwas mehr Überzeugungsarbeit, wie zwei ältere Zeitzer bei „Posa Calling“ zugeben: Ja, man habe gelesen, dass die Gruppe aus St. Petersburg da sei, aber das sei „nichts für uns.“

Grundsätzlich wurde das Projekt in Zeitz von den Bewohnerinnen und Bewohner positiv aufgenommen und unterstützt. Das Engagement vieler Übersetzer*innen, Zeitzer Firmen und Familien war hoch, um das Projekt zu ermöglichen, sagt Wagener: „Ein Vater ist der Imam der islamischen Gemeinde und meinte, dass die Familien unbedingt zum Auftritt kommen sollten. Wenn notwendig, würde er dafür mit dem Megaphon durch Zeitz ziehen!“

Viel Unterstützung und eine Fortsetzung

Die Stadt hatte Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt, die Feuerwehr organisierte zwei Großzelte, in denen die russischen Kinder übernachten konnten. Mit Lebensmitteln, Brot und Brötchen wurden die Kinder kostenlos von lokalen Unternehmen versorgt. Selbst die Bundesinitiative „Demokratie Leben“ unterstützt das Projekt.

Für Ralf Wagener war „Rebels for Peace“ ein großer Erfolg. Er ist stolz darauf, was die Kinder in 14 Tagen erreicht haben und trotz Sprachbarrieren und unterschiedlicher Herkunft zu einer Truppe zusammengewachsen sind. Mit einer anschließenden Präsentation im Rathaus und einer Diskussion wurden bereits Zukunftspläne geschmiedet und für weitere Unterstützung geworben. Alle sind sich einig: Das Projekt soll in Zeitz weitergeführt werden.

Jane Whyatt arbeitet seit vierzig Jahren als Journalistin, zunächst für die NNC und private Sender in England. Als Dozentin an Londoner Universitäten bemerkte sie, dass immer weniger Studierende aus der Arbeiterklasse oder aus Einwandererfamilien stammten. Deshalb gründete sie eine gemeinnützige Firma, die Angel Media Productions CIC, deren Ziel lautet: Chancen, Trainings und Perspektiven anzubieten für talentierte Jugendliche, die sich einen Hochschulkurs kaum leisten konnten. 2015 kam sie nach Deutschland und arbeitet hier in Teilzeit in der Redaktion und Pressestelle des Europäischen Zentrums für Presse-und Medienfreiheit mit Sitz in Leipzig.