Empowerment: Brücke oder Tür?

14.09.2018 Von: Gernot Wolfram

Mehrere Personen besprechen sich.
Den Kräften der Selbstorganisation vertrauen - die Social Innovation Academy in Uganda | Foto: SINA

Ein Grundgedanke im Empowerment ist, dass Akteur*innen Selbstbewusstsein, Handlungsfähigkeit und Freiheit gewinnen. Dazu zählt allerdings auch die Freiheit, nicht den Erwartungen von Vorgaben folgen zu müssen – selbst wenn diese mit besten Absichten formuliert werden. Ein Essay des Kulturwissenschaftlers Gernot Wolfram.

Der Begriff Empowerment stammt ursprünglich aus der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und ist in den letzten Jahren auch hierzulande, unter anderem in der kulturellen Arbeit, zu einem wichtigen Begriff geworden, wenn es darum geht, die Eigenpotentiale von Menschen zu stärken und zu fördern. Er beschreibt einen Ansatz, bei dem Menschen oder Gruppen aus eigener Kraft ihre Anliegen formulieren und sichtbar werden lassen. Dabei wird manchmal von einer „Philosophie des Menschenstärkens“[1] gesprochen. Im vorliegenden Beitrag soll jedoch hervorgehoben werden, dass es beim Empowerment nicht nur um „Philosophie“, sondern auch um Methoden gehen sollte, mit denen alle an einem Empowermentprozess beteiligten Personen ihre Rolle und ihr jeweiliges Selbstverständnis neu bestimmen.

Das versteckte Wort Macht

Aus guten Gründen hat man bislang darauf verzichtet, den Begriff Empowerment einzudeutschen. Obgleich dies Erhellendes zutage fördern würde. Das entsprechende Wort „Ermächtigung“ trägt eben auch das Wort Macht in sich. Und damit eine subtile Dimension der Kontrolle, die häufig ausgeblendet wird. Denn es stellt sich Frage, wer überhaupt entscheidet, welche Menschen „empowert“ werden sollen und dabei Unterstützung benötigen.

Wer der Meinung ist, die Gabe zu haben, zur „Stärkung von Eigenmacht, Autonomie und Selbstverfügung“ [2] anderer beizutragen, ist immer auch in der Position des Größeren, des Helfers und Ermöglichers. In der Arbeit von Lehrer*innen, Ärzt*innen, Sozialarbeiter*innen und Psycholog*innen mag das angehen. Im Raum der kulturellen Arbeit ist solche Fürsorge ein kritisches Unterfangen. Fürsorge und Kunst passen ohnehin meist schlecht zusammen. Daher ist es vielleicht wichtig für den Kulturbereich zu betonen: Empowerment macht dann Sinn, wenn Menschen, sich selbst ermächtigen, wenn sie zu sprechen beginnen jenseits von Autoritäten, Projekten und geschützten (und damit häufig isolierten) Zonen, die ihnen diese Selbstauskunft erlauben.

Vorgeprägte Sätze

Daher muss auch immer wieder nachgefragt werden, wenn der Begriff Empowerment automatisch mit einem klaren Programm und vorgegebenen Satzmustern versehen wird. In einer Broschüre der Amadeo Antonio Stiftung zum Thema Empowerment heißt es etwa in einem Beitrag von Miriam Burzlaff: „Selbstbestimmung bedeutet hierbei: ›Ich lasse nicht geschehen und über mich ergehen, sondern ich bin die, die mitentscheidet, handelt, sich gemeinsam mit anderen als politische_r Akteur_in begreift und auf ein Mehr an sozialer Gerechtigkeit hinwirkt.‹ Beim Nachdenken über Empowerment spreche ich einem Denken in Utopien eine zentrale Rolle zu: Ich muss mir vorstellen können, dass es anders als jetzt sein kann, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen möglich sind (…).“[3]

Das klingt positiv und unterstützenswert, dennoch ist merkwürdig, dass die Autorin bereits Sätze vorgibt, mit denen die Angesprochenen Selbstbestimmung erfahren sollen. Gäbe es nicht auch gute Gründe, sich für mehr Bildung, eine bessere Umwelt oder gar für ein sensibleres gegenseitiges Zuhören stark zu machen? Oder für etwas gänzlich Anderes? Viele marginalisierte Menschen in Deutschland haben nicht die Möglichkeit, sich mit „Utopien“ zu befassen. Ihre Anliegen sind zum Teil so unterschiedlich, häufig auch widersprüchlich und vielschichtig, dass gerade ein Gewinn darin liegt, sie zu eigenen Formulierungen zu bewegen, ergebnisoffen und aufgeschlossen für ihre Anliegen.

Stimme und Freiheit

Einer der Grundgedanken im Empowerment ist, dass Akteure Stimme, Selbstbewusstsein, Handlungsfähigkeit und Freiheit gewinnen, und dazu zählt eben auch die Freiheit, nicht den Erwartungen von Vorgaben zu folgen, die andere machen, und sei es aus besten Absichten [4]. Der Schweizer Psychologieprofessor Carlo Strenger schreibt: „Dementsprechend ist Freiheit auch in liberalen Gesellschaften kein selbstverständliches Geschenk, sondern sie setzt permanent geistige und existenzielle Arbeit voraus.“ [5]

Kurzum, Empowerment ereignet sich nicht in Wünschen, Proklamationen und vorformulierten Sätzen, sondern in Strukturen und Handlungen, in denen Menschen sich frei fühlen können, zu denken und zu sagen, was sie denken, worunter sie leiden und was sie verändern möchten. Und zwar in ihrer Art und Weise. Mit Brüchigkeiten, Widersprüchen, Zögern, Tasten, Suchen nach Ausdruck, in Dialekten und Slangs, mitunter auch nur in habituellen Gesten, in unterschiedlichsten Ausdrucksformen, wie sie auch in den Künsten untersucht und gefördert werden – jenseits einer akademisch oder politisch klar vorstrukturierten Agenda. Das betrifft Geflüchtete ebenso wie Menschen, die eine Migrationsgeschichte haben, sozial und gesundheitlich Benachteiligte ebenso wie alle anderen häufig marginalisierten Mitbürger*innen. Aber auch andere Gruppen in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft, die sich vielleicht nicht einmal in soziale Formationen ohne weiteres einordnen lassen.

Im Raum der Kunst kann man lernen, dass ein nicht vorgeformtes Sprechen und Handeln häufig sehr viel anderes zutage fördert als das, was in Empowerment-Broschüren zuweilen schon so überzeugend vorformuliert steht. So berichtet in einem Interview der aus Syrien geflüchtete Schauspieler Ramadan Ali, dass er es ablehne, ständig auf Konferenzen, Tagungen oder im deutschen Fernsehen die Rolle des Flüchtlings oder Auskunftgebers für Flüchtlingsrechte zu spielen. „Ich bin ein Schauspieler, der danach bewertet werden will, was er als Künstler kann. Wenn ich merke, dass meine Geschichte für politische oder ökonomische Zwecke benutzt wird, steige ich aus.“ [6]

Selbstdefinitionen ernst nehmen

Ali spielt seit vielen Jahren in unterschiedlichen Theatern und Rollen, immer wieder auch in Kinderstücken, die nichts mit Flucht und Fremdheit zu tun haben. Er ist als Künstler in der Szene angekommen und erfüllt sich damit den Wunsch, den er bereits als junger Mann in Syrien hatte: für seine Fähigkeiten als Schauspieler Anerkennung zu finden. Dafür hat er aus seiner künstlerischen Praxis heraus eine eigene Sprache gefunden, eine wirkliche Selbst-Bestimmung in der ganzen Komplexität des Wortes. Und gerade durch seine starke individuelle Stimme wirkt er auf viele deutsche wie syrische Kolleg*innen inspirierend.

Brücke oder Tür?

Empowerment bedeutet somit auch, auszuhalten, dass jene Menschen, die von Institutionen der Mehrheitsgesellschaft als besonders schutzbedürftig beschrieben werden, möglicherweise ganz andere Dinge und Wünsche in die Diskussion einbringen als die Mehrheitsgesellschaft erwartet. Viele Künstler*innen beispielsweise, welche eine Migrationsgeschichte haben, möchte eben nicht ständig dazu Auskunft geben, was diese Geschichte mit ihnen gemacht hat oder was sie zum Thema Integration denken, sondern möchten in den Themen ihrer jeweiligen künstlerischen Arbeit wahrgenommen werden. Empowerment könnte hier bedeuten, dass nicht Akteure zu etwas „ermächtigt“ werden, sondern dass ein neuer Dialog mit neuen Fragen stattfindet, bei denen auf allen Seiten der Mut für neue Perspektiven gestärkt wird.

Der Soziologe Georg Simmel beschrieb bereits 1909 in seinem Text „Brücke und Tür“ [7] die merkwürdige Differenz zwischen einer Brücke, auf der eine Begegnung problemlos möglich ist, indem Akteure von zwei Seiten ungehindert passieren können, und einer Tür, bei der immer schon das Phänomen einer bestimmten Intention vorhanden ist. Wer öffnet und schließt die Tür? Wer geht rein und wer raus? Wer ist drinnen und wer ist draußen? Wer braucht Hilfe und wer bietet sie an? Dieses subtile Ungleichgewicht zu überwinden, könnte ein Hauptanliegen zeitgenössischen Empowerments sein.

Afrikanische Perspektiven

Wagen wir noch einen Sprung auf den afrikanischen Kontinent, wo die Beschäftigung mit dem Thema Empowerment seit vielen Jahren kluge Methoden und Verfahren hervorgebracht hat. Viel stärker wird dort auch die Frage adressiert, wie Empowerment-Maßnahmen dazu führen können, dass Menschen eine ökonomische Zukunftschance haben. In der Nähe Kampalas, der Hauptstadt Ugandas, befindet sich auf einem Hügel das Dorf Mpigi. Gemeinsam mit Kolleg*innen wurde es von Etienne Salborn gegründet.

Etienne Salborn, in Berlin aufgewachsen, begann vor einigen Jahren mit dem Aufbau der Social Innovation Academy in Mpigi, in der sich bis heute auch viele Künstler*innen engagieren. Seit 2015 haben über hundert Menschen durch die Arbeit von SINA grundlegende positive Veränderungen in ihrem Leben erfahren und eigene Sozialunternehmen und Kunstprojekte gegründet. Etienne Salborns Beitrag zum Leben dieser Menschen ist ein zurückhaltender, zugleich höchst effektiver. Er und sein Team gehen von der schlichten Tatsache aus, dass in jedem Menschen eine Geschichte, eine Entdeckung, möglicherweise auch eine Geschäftsidee schlummert, die man mit den richtigen Fragen und Methoden finden und entwickeln kann.

Ganz gleich woher jemand kommt und welche Vergangenheit er oder sie mit sich herumschleppt, diese verborgenen Geschichten sind da und wachrufbar. „Man muss den Kräften der Selbstorganisation vertrauen. Ich bin mittlerweile auch skeptisch, wenn Leute über Empowerment sprechen. Wer nimmt sich denn das Recht, wem Macht zu geben? Daher geben wir lieber Raum“, sagt er, „damit junge Menschen ihre eigenen Lösungen finden und umsetzen können.“

Das Ziel war und ist, Potentiale von Menschen zu entfalten, indem sie das Dorf selbst gestalten und dadurch die Fähigkeiten erlenen, eigene Projekte zu starten. So wurden zum Beispiel Häuser aus dem Müll der tausenden von Plastikflaschen gebaut, die überall in der Hauptstadt des Landes herumliegen. Dabei wurde auch die Idee geboren, Bodenbeläge aus Eierschalen und Plastiktüten herzustellen.

Etienne Salborn erzählt all diese Geschichten ohne den Gestus des Retters oder Experten. Im Gegenteil, er spricht aus dem Geist der Zusammenarbeit. Sein Kollege Patrick Muvungu, ein junger Künstler, geflüchtet aus dem Kongo, der zum Mitglied von Etiennes Dorfprojekt geworden ist, unterstreicht die Kraft des Handelns im Raum der Empowerment-Diskussionen. Aus Deutschland kommend und immer die oft noch scharfe Trennung zwischen den Welten der Kunst und der Wirtschaft bedenkend, ist man erstaunt, wie der Künstler und der Entrepreneur Patrick eine fast selbstverständliche Einheit bilden. „Ich habe gelernt, dass es einen Weg für mich gibt, dass ich mich nicht der Verzweiflung hingeben muss, welche so viele in diesem Land ergriffen hat.“ [8]

Zuhören, offen sein für Unerwartetes und nicht Vor-Formuliertes, Handeln ermöglichen, konkrete Methoden anwenden, bereit sein, sich selbst mit zu verändern. [9] – das könnten Leitlinien für eine Empowerment-Debatte auch in Deutschland sein, die wirklich auf Wandel abzielt.

In Kürze erscheint vom Autor bei der Bundeszentrale für politische Bildung der Essay „Empowerment – Die Kunst, für sich selbst zu sprechen.“

Fußnoten:

[1] https://www.empowerment.de/grundlagen/

[2] https://www.empowerment.de/grundlagen/

[3] https://www.amadeu-antonio-stiftung.de/w/files/pdfs/empowerment-internet.pdf, S.7 f.

[4] Vgl. hierzu auch: http://exhibitions.globalfundforwomen.org/economica/new-visions/freedom-leads-empowerment

[5] Strenger, Carlo (2017): Abenteuer Freiheit. Ein Wegweiser für unsichere Zeiten. Suhrkamp-Verlag, S.12

[6] Ali, Ramadan (2015): „I`m an artist who had to flee, not a refugee who wants to become an artist.“, Interview. In: Wolfram, Gernot; Sandrini Mafalda (Ed.) (2015): Teachers for Life. Empowering Refugees to Teach and Share Knowledge.BoP-Publishing, S. 74 ff

[7] Simmel, Georg (1909): Brücke und Tür. In: Der Tag. Moderne illustrierte Zeitung Nr. 683, Morgenblatt vom 15. September 1909, Illustrierter Teil Nr. 216, S. 1-3 (Berlin)

[8] Vgl. Wolfram, Gernot (2018/im Erscheinen): Empowerment – Die Kunst für sich selbst zu sprechen. Essay. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn/Berlin.

[9] Vgl. Wolfram, Gernot (2018/im Erscheinen): Empowerment – Die Kunst für sich selbst zu sprechen. Essay. Bundeszentrale für politische Bildung Bonn/Berlin.

Gernot Wolfram arbeitet als Publizist und Professor für Medien- und Kulturmanagement an der Macromedia Hochschule Berlin. Er arbeitet seit über zehn Jahren als externer Referent an der Bundeszentrale für politische Bildung im Bereich Kulturelle Bildung und Interkultur. Zusammen mit Prof. Thomas Heinze von der FernUniversität Hagen organisierte er die Tagung „Transkultur! Wer spricht? Wer hört zu? Wer verbindet?“ in Kooperation mit dem Goethe-Institut, der Bundeszentrale für politische Bildung, dem Moving Network und dem Netzwerk Brokering Intercultural Exchange.