Kulturelle Teilhabe spricht viele Sprachen

17.09.2018 Von: Marie-Therese Rudolph

Programme der Kulturellen Bildung müssen die Mehrsprachigkeit von Kindern und Jugendlichen besser berücksichtigen. Das Kompetenzzentrum KulturKontakt Austria in Wien hat dies zu einem Schwerpunkt seiner Arbeit gemacht.

Unsere Gesellschaft – und damit auch in besonderem Maße die Schule – ist zunehmend geprägt von sprachlicher und soziokultureller Vielfalt. Der Anteil der Schüler*innen mit nicht-deutscher Umgangssprache in Österreich betrug im Schuljahr 2015/16 23,8%. Das Potenzial von mehrsprachigen Kindern und Jugendlichen bietet neue Anknüpfungspunkte für Projekte der kulturellen Bildung an Schulen. Ein Beispiel ist das europäische Kompetenz- und Ressourcenzentrum KulturKontakt Austria (KKA) mit Sitz in Wien. Es unterstützt diese Entwicklung in Workshops, die Mehrsprachigkeit thematisieren oder mit darauf bezugnehmenden Methoden arbeiten. KKA wendet sich daher explizit an mehrsprachige Kulturschaffende mit der Einladung, an Schulen partizipative Workshops zu gestalten.

Was bedeutet „Mehrsprachigkeit“?

Kulturelle Bildung und die Auseinandersetzung mit Mehrsprachigkeit haben positive Auswirkungen auf die intellektuelle, emotionale und soziale Entwicklung von Kindern und Jugendlichen. Die Künste eröffnen in einzigartiger Weise durch aktives Tun und mit partizipativen Ansätzen die Möglichkeit, Erfahrungen mit Ganzheitlichkeit, Prozesshaftigkeit, Mehrdimensionalität und interkulturellem Dialog zu machen. Sie bieten Perspektivenwechsel und können so Bestandteil von Prozessen interkultureller Bildung und von Empowerment sein. Role Models, mit denen Jugendliche persönlichen Kontakt hatten, sind wirksame Vorbilder.

Was ist nun mit dem Begriff Mehrsprachigkeit gemeint? Er beschreibt den Umstand, dass jemand mehr als eine Sprache benutzt, um Alltagssituationen kommunikativ zu bewältigen. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, bilden früh Strategien zum Spracherwerb und es fällt ihnen leichter, weitere Sprachen zu erlernen. Entscheidend dabei ist, dass die Erstsprache gut entwickelt ist. Das Wahrnehmen anderer Sprachen, ihrer Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit allen Sinnen, fördert nicht nur das Interesse und den Respekt für andere Sprachen, sondern schafft die Möglichkeit, die unbewusst bereits vorhandenen Theorien über Sprache und Sprachen bewusst zu machen und zu elaborieren (Language Awareness).

Dialekte, Soziolekte, Jugendsprachen, Gebärdensprache

Mehrsprachig zu sein bedeutet auch, flexibel der jeweiligen Situation, dem Gegenüber, der Region angepasst zu kommunizieren: Dialekte, Soziolekte, Jugendsprachen, Gebärdensprache etc. sind genauso gemeint. Sprache ist ein Trägermedium von Information, aber auch von Identität, Persönlichkeit, Geschichte und Kultur. Die Fähigkeit, mit abstrakten Problemstellungen umzugehen oder emotionale Konflikte auszutragen, wird von dem Ausmaß an Sprache, das uns zur Verfügung steht, beeinflusst. Das gilt unabhängig von der Erstsprache.

Kompetenzen in mehreren Sprachen sowie im Umgang mit vielfältigen Menschen sind nicht nur eine persönliche Bereicherung, sondern auch wichtige Kriterien für schulischen und beruflichen Erfolg. Mit dem Wissen um andere Sprachen wird die eigene Ausdrucksweise erweitert, Gleichwertigkeit und Wertschätzung aller Sprachen wird erkannt.

Mehrsprachigkeit und interkulturelle Bildung ergänzen sich

Die interkulturelle Bildung als Unterrichtsprinzip in Schulen schafft Möglichkeiten, auf die Diversität unserer Gesellschaft einzugehen. Kulturvermittlungsworkshops ermöglichen eine Auseinandersetzung mit verschiedenen Kulturen auf sprachlicher und kultureller Ebene, Vermittlung von Kenntnissen über verschiedene Länder und Regionen, Abbau von Vorurteilen, Erreichen von Akzeptanz, Respekt, gegenseitiger Achtung und Wertschätzung. Ziel ist es, dass die Schüler*innen ein reflektiertes kulturelles Selbstwertgefühl entwickeln.

Der spielerische Umgang mit Sprache in Form von Gedichten, literarischen Experimenten oder in Form von theaterpädagogischen Übungen ist bestens geeignet, sich einer Sprache intuitiv anzunähern. Hier kann auch an Alltagssituationen angeknüpft werden, die auf Basis von Improvisationen ausgeführt werden. Sprachbarrieren werden so schneller abgebaut und ein selbstbewusster Umgang mit der jeweiligen Sprache unterstützt. Auch wenn man eine Sprache nicht versteht, so lässt sich der Inhalt vielleicht erahnen. Das Ziel ist die Sensibilisierung für Sprachen, die durch nonverbale Kommunikation spielerisch-kreativ unterstützt werden kann.

Sprache als musikalisches Experiment

Die Auseinandersetzung mit dem Klang einer Sprache kann Ausgangspunkt für musikalische Experimente sein. Verknüpft man die Klänge mit pointierten Inhalten, ist man schon mitten in der Produktion von Rap oder Poetry Slams. Über die Selbsterfahrung von Musik, etwa aus dem arabischen Raum, können einzelne Begriffe aus dem Arabischen gemeinsam erlernt werden. Fasst man den Kulturbegriff weiter, indem Speisen, Rituale und Festivitäten vorgestellt werden, können auch die Eltern und andere Familienmitglieder daran teilhaben. Für manche Kinder ergibt sich so ein Identifikationsmodell, durch das es eine Stärkung seiner Position in der Klasse erfährt.

Medien wie Radio, Film oder Video sind geeignet, um mehrsprachige Inhalte zu transportieren und für eine (virtuelle) Verbreitung zu sorgen. Die Möglichkeiten, Mehrsprachigkeit und interkulturelles Lernen in Projekte der Kulturellen Bildung zu integrieren, sind vielfältig und bereichernd. Sie sollten jedem Kind zugänglich gemacht werden, so wie auch jeder Mensch das Menschenrecht auf seine eigene Sprache besitzt. Denn Sprache ist Basis der eigenen Identität sowie Verständigungsmittel und Teil des kulturellen Erbes. [2]

Fußnoten:

[1] „Bildung in Zahlen 2015/16. Schlüsselindikatoren und Zahlen“, hrsg. von Statistik Austria

[2] Vgl. Plakat „Tipps zum Umgang mit Mehrsprachigkeit“ des Österreichischen Sprachen-Kompetenz-Zentrums

Weiterführende Info: KulturKontakt Austria

Seit über 40 Jahren unterstützt KulturKontakt Austria (bzw. deren Vorgängerorganisationen) Workshops und Projekte mit Kulturschaffenden an österreichischen Schulen. Die Schwerpunkte dieser Arbeit haben sich im Lauf der Jahrzehnte an die gesellschaftlichen Veränderungen und Bedürfnisse angepasst, wobei die aktive Auseinandersetzung und Beschäftigung mit Kunst und Kultur immer im Vordergrund stand. Schüler*innen aller Schularten (mit und ohne künstlerischen Fächern) wird damit die Gelegenheit gegeben, mit Kunst und Kultur in direkten Kontakt zu kommen. Darüber hinaus gibt die Auseinandersetzung mit künstlerischen Fragestellungen die Möglichkeit zur Erweiterung des (gesellschaftspolitischen) Horizonts. Lernen DURCH Kunst und Kultur spricht das ganzheitliche Erfassen und Erleben an und bietet eine abwechslungsreiche Erweiterung der Lernkultur. Ebenso erwähnt werden soll, dass nicht nur die Kinder und Jugendlichen profitieren, sondern auch das Lehrpersonal und die Kulturschaffenden selbst.

Marie-Therese Rudolph ist eine österreichische Musikwissenschaftlerin, Autorin, Kulturarbeiterin und Musikvermittlerin und studierte Musikwissenschaft in Wien, Brüssel und Paris. Sie lebt und arbeitet freiberuflich in Wien sowie als Musik- und Tanzberaterin bei KulturKontakt Austria in der Abteilung Kulturvermittlung.Sie ist Jurorin des Pasticcio-Preises von Ö1 und war Mitglied der Jurys des Junge Ohren Preises sowie des Austrian World Music Awards. Gemeinsam mit Peter Leisch künstlerische Leiterin des Festivals 4020 in Linz. Langjährige Mitarbeit bei Veranstaltern und Institutionen wie mica – musicaustria, Ernst Krenek Institut in Krems, Wiener Festwochen, Into the City u.v.a. Tätigkeit als Autorin und Journalistin u.a. für ORF / Ö1. Marie-Therese Rudolph ist Mitglied im Beirat der Plattform Musikvermittlung Österreich (PMÖ).