Kulturkooperationen für ländliche Entwicklung

29.10.2018 Von: Beate Kegler

Kulturarbeit und bürgerliches Engagement – das TafelTheater Bruchhausen-Vilsen | Foto: Gerald Runge

Der ländliche Raum und die Stadt-Land-Beziehungen stehen verstärkt im Fokus partizipativer Kulturarbeit. Doch zwischen dem Auftreten professioneller Kulturakteur*innen aus der Stadt und ehrenamtlichen Akteur*innen der Breitenkultur tauchen nicht selten Fragen und Irritationen auf. Wie können Kooperationen für Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen nachhaltig aufgebaut werden? Und welche Rolle spielen dabei professionelle Kulturschaffende? Ein Essay von Beate Kegler.

Vom hochglanzbebilderten Landleben-Magazin bis zum Demografie-Bericht: Der ländliche Raum und mit ihm die Stadt-Land-Beziehungen sind wieder neu in den Fokus gerückt. Dabei ist nicht zu übersehen: Es gibt nicht „den“ ländlichen Raum. Vom prosperierenden Speckgürtel im Umfeld der Metropolen bis zu von Leerstand geprägten Dörfern in der Weite der Uckermark herrscht Vielfalt. Vielfalt auch in dem, was Kultur und Kulturelle Bildung auf dem Land ausmachen. Fest steht allenfalls, dass es nicht so leicht ist mit der in Artikel 72 des Grundgesetzes verankerten „Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse“.

Insbesondere dort, wo keine Arbeitsplätze und weiterführenden Bildungsangebote vor Ort sind und die Pendlerentfernungen mehr als eine Stunde betragen, charakterisieren Abwanderung, Leerstand, zunehmende Armut, Alterung, nachlassende Innovations- und Gestaltungskraft das Bild der Dörfer. Dringenden Handlungsbedarf sieht die Demografieforschung dort, wo immer mehr Menschen auf Unterstützung in der Alltagsbewältigung angewiesen sein werden, die immer weniger Menschen zu geben in der Lage sind.

Fehlender Nachwuchs für Vereine

Empfohlen wird die Rückbesinnung auf ein lokales Miteinander und Gegenseitigkeit, die sich z.B. in den ehrenamtlichen Strukturen im Vereinswesen der Breitenkultur bis heute finden lassen. Doch was geschieht dort, wo der Nachwuchs für die Vereine ausbleibt? Liegt hier die Rettung in Kooperationen mit professionellen Kulturschaffenden?

Je weiter die Entfernung des Dorfes zum nächsten urbanen Zentrum ist, desto schwieriger wird es, Kultur-Akteur*innen außerhalb der Breitenkultur zu identifizieren. Und doch gibt es auch jenseits der Metropolen professionelle Kulturschaffende. Künstler*innen als Raumpioniere, soziokulturelle Akteur*innen, Volkshochschulen, Kunst- und Musikschulen versuchen, mit ihrem Kulturschaffen auf dem Land Fuß zu fassen. Manche sehen das Land als künstlerischen Experimentierraum, andere wollen impulsgebend und netzwerkend in die dörflichen Gemeinschaften und Regionen hineinwirken.

Wo dies im Verbund mit der Breitenkultur gelingen soll, wird immer wieder deutlich, dass das Zusammenspiel zwischen den heterogenen Partner*innen „Stadt“ und „Land“ nicht so einfach ist. Die Kooperation einer bildungsbürgerlich geprägten Kulturinitiative vor den Toren Hamburgs steht vor anderen Herausforderungen als die Kooperation mit einer/m Akteur*in aus der basisdemokratischen Alternativszene im Wendland oder mit einem erzgebirgischen Männergesangsverein.

Kulturarbeit heißt „Wir-für-Uns“

Grundlegende Unterschiede liegen nicht nur in den aktuellen Auswirkungen des demografischen Wandels, sie wurzeln bereits in der Kulturgeschichte des ländlichen Raumes und seiner Sozialgemeinschaften. Anders als die Stadt, die historisch gesehen das Resultat von Wanderungsbewegungen und der damit per se stattfindenden Ansiedlung von Menschen unterschiedlicher Herkunft aus heterogenen Lebensformen ist, stehen die meisten Dörfer in einer Tradition sich über viele Jahrhunderte wenig verändernder Sozialbeziehungen, die zum großen Teil auf landwirtschaftlich strukturierte Arbeitsgemeinschaften zurückgehen. Kennenlernen und umeinander Kümmern sind zentrale Bausteine eines dörflichen Verhaltenscodex, der stetig eingeübt wird.

Kultur als Mittel, um Gemeinschaft herzustellen, ist keine Temposache. Im Kern geht es um die Gestaltung des Miteinanders und das Austarieren gemeinsamer Handlungsmöglichkeiten. Impulsgeber*innen sind gefragt, aber nicht als diejenigen, die das Füllhorn der guten Gaben Kultureller Bildung über die vermeintlich ahnungslosen Dorfbewohner*innen ausschütten, sondern vielmehr als diejenigen, die den Rahmen schaffen und den Boden bereiten, auf dem in gemeinsamem Austausch sich das entwickeln kann, was die Gemeinschaft als passend und förderlich erkennt. Wirksame Kulturelle Bildung im ländlichen Raum basiert auf echter Partizipation, nicht nur in kreativitätsfördernden Möglichkeiten der angebotszentrierten Teilhabe.

Schwieriger wird es dort, wo Resignation Ausdruck regionalen Selbstverständnisses ist. Hier kann Kulturarbeit nicht umhin, sich auch mit den Themen Armut, Verlust der Autarkie und Identifikationssuche zu beschäftigen und gemeinsam mit den Menschen vor Ort nach zeitgemäßen Narrativen zu suchen, die letztlich einen gesellschaftsgestaltenden Umgang mit den nicht aufhaltbaren Transformationsprozessen ermöglicht.

Es geht um das, was war und die Trauer um das, was einst das Dorf ausmachte. Es geht aber auch um die Frage nach dem sich verändernden „Wir“ und der Zukunft des ländlichen Raumes. Ohne die Kooperation mit etablierten Akteur*innen vor Ort, die die Gegebenheiten, die Menschen und ihre Narrative und Beziehungsgeflechte kennen sowie als Netzwerker*innen und Impulsgebende bereits Vertrauen genießen, bleibt eine solche Kulturarbeit wirkungslos.

Keine Trennung zwischen Privatleben und Kulturarbeit

In der Regel unterscheiden sich die Strukturen urbaner Kultur-Aktivitäten von denjenigen ländlicher Räume in Organisationsform, Wirkungskreis, finanzieller und personeller Ausstattung, Erfahrungshorizont und Motivation der Akteur*innen.

Viele der Initiativen in ländlichen Räumen sind aus bürgerlichem Engagement entstanden oder wurden als Lebensmodell von Einzelakteur*innen gegründet. Sie mögen über ein breites Spektrum an künstlerischen Befähigungen und kulturvermittelnder Expertise verfügen, gleichzeitig sind die Akteur*innen auch geschäftsführend, verwaltend und in der Öffentlichkeitsarbeit für den Kulturbetrieb verantwortlich. Sie sind diejenigen, die die Plakate aufhängen, die den Anhänger reparieren und die Theaterscheune ausfegen.

Der Alltag des/der Ehrenamtlichen kennt keine Trennung zwischen Privatleben und Kulturarbeit. Engagement-Förderung ist stets auch Beziehungsarbeit und benötigt ein hohes Maß an Geduld und Einfühlungsvermögen. Institutionelle Förderungen von Kulturschaffenden aus den Gemeindekassen sind selten. Die Situation wird nicht leichter durch die Tatsache, dass nur wenige der kulturpolitischen Entscheidungsgremien in ländlichen Räumen über entsprechende Fachkompetenz, Gestaltungswillen und Weitsicht verfügen, um hier zu neuen Wegen zu finden. (vgl. Götzky 2012: 277)

Wenn Akteur*innen Kultureller Bildung aus Stadt und Land kooperieren wollen, tun sie gut daran, sich über die jeweiligen Arbeitssituationen und Zielsetzungen auszutauschen und Neugier zu entwickeln auf das vermeintlich gleiche und doch so verschiedene Arbeitsfeld. Wo die Kommunalpolitik an ihre Grenzen kommt, sind Landes- und Bundeskulturpolitik gefragt, hier steuernd und unterstützend, bestenfalls ressortübergreifend, ihren Beitrag zur Entwicklung ländlicher Räume zu leisten. In Modellprojekten von Bund und Ländern wird dies in Ansätzen bereits erfolgreich erprobt. (vgl. Kegler 2015)

Im sächsischen Erzgebirge beispielsweise kooperiert das soziokulturelle Zentrum in Annaberg-Buchholz mit alten Handwerksmeistern, Schulen und Medienpädagog*innen der ländlichen Region, um im Projekt „DIY Alte Meister“ Jugendliche zu befähigen, mit den Meistern alter Handwerkskünste Video-Tutorials zu drehen und diese als YouTube-Stars zu hypen. Ganz nebenbei geht es um gegenseitige und generationsübergreifende Vermittlung von Expert*innenwissen in traditionellem Handwerk und von Medienkompetenz, aber auch um das Einüben eines Miteinanders in der von Abwanderung stark beeinträchtigten ländlichen Region.

Was bleibt, wird erst die Zukunft zeigen. Notwendig wird – das erweist sich bereits jetzt – diese und andere Stadt-Land-Kooperationen forschend unter die Lupe zu nehmen, um daraus Gelingensbedingungen und kulturpolitischen Handlungsbedarf ableiten zu können.

Weiterführende Literatur:

Götzky, D./Renz, T.(2014): Amateurtheater in Niedersachsen. Eine Studie zu Rahmenbedingungen und Arbeitsweisen von Amateurtheatern, Hildesheim. Zur Online-Publikation

Kegler, Beate (2016): Kulturelle Bildung in ländlichen Räumen. Konzeption eines modularisierten Modellvorhabens in ländlichen Regionen der Länder Brandenburg und Hessen und des Freistaats Sachsen. Hildesheim.

Stiftung Niedersachsen (Hrsg.)(2015): Handbuch Soziokultur – mit Projekten aus Niedersachsen. Hannover.

Schneider, W. (Hrsg.) (2014): Weißbuch Breitenkultur. Kulturpolitische Kartografie eines gesellschaftlichen Phänomens am Beispiel des Landes Niedersachsen, Universitätsverlag Hildesheim, Hildesheim.

Beate Kegler ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturpolitik der Universität Hildesheim. Sie lehrt und forscht im Schwerpunkt zur kulturpolitischen Bedeutung partizipativer Kulturarbeit in ländlichen Räumen und promoviert derzeit bei Prof. Dr. Wolfgang Schneider zum Thema „Soziokultur in ländlichen Räumen“. In Vorträgen und Workshops, in Studien und Beiträgen in Fachpublikationen speist sie ihre Erkenntnisse einer praxisnahen Kulturpolitikforschung regelmäßig in den fachlichen Diskurs ein. Unter anderem war sie maßgeblich beteiligt an der Forschung zum Weißbuch Breitenkultur [PDF], dem Handbuch Soziokultur der Stiftung Niedersachsen und dem europäischen Sammelband Vital Village. Sie ist Jury-Mitglied im BKJ-Förderprogramm Künste öffnen Welten sowie im Förderprogramm sozioK der Stiftung Niedersachsen.