Die Kraft der Erzählung

10.12.2018 Von: Julia Opitz

Frau auf Bühne
Das städteübergreifende Schultheater-Projekt „Wir. Wie?“ – hier ein Beitrag aus Hamburg | Foto: Miguel Ferraz

Wie das Chemnitzer Festival „Aufstand der Geschichten“ politische Potenziale des Erzählens neu entdeckt und dadurch gesellschaftliche Vielfalt erlebbar macht.

Das interdisziplinäre Festival „Aufstand der Geschichten“, zeigte eindrucksvoll, wie Geschichten historische und gegenwärtige gesellschaftspolitische Perspektiven nicht nur aufgreifen, sondern diese auch neu erzählen können. Teil des Festivals, das zwischen dem 3. und 10. November in Chemnitz stattfand, war neben zahlreichen künstlerisch-ästhetischen Formaten auch das städteübergreifende theaterpädagogische Projekt „Wir. Wie?“, bei dem sich Schüler*innen aus Chemnitz, Zwickau und Hamburg austauschten.

Längst vor den diesjährigen Ereignissen im August, der Tötung von Daniel H. in Chemnitz, bei denen rechtsextreme Gruppierungen anschließend mit hohem Aggressionspotenzial gegen „das Fremde“ mobilisierten, wurde das Festival „Aufstand der Geschichten“ als Teil des mutliperspektivischen Projekts „neue untentd_ckte Narrative“ - kurz „nun“ kuratiert. „nun“ ist ein Schnittstellenprojekt zwischen Kultur, Zivilgesellschaft und Wissenschaft, das sich mit dem Themenfeld Rechtspopulismus befasst.

Der Aufstand der Geschichten

„Welche Erzählungen, neu oder unentdeckt, geben Orientierung, um eine moderne Gesellschaft divers und friedlich zu gestalten?“ Entlang dieser zentralen Fragestellung versammelten die Festivalmachenden* von „Aufstand der Geschichten“ verschiedene künstlerische und wissenschaftliche Ansätze und entwarfen Erzählungen in und über Chemnitz, die ein friedliches, demokratisches Miteinander nicht nur denkbar, sondern direkt erlebbar machen sollten.

Die Beteiligung einer möglichst breiten (Stadt-)Gesellschaft, die ihre eigenen „stabilisierenden“ Geschichten im Rück- und Ausblick neu generiert und weiterträgt, war eines der zentralen Anliegen der Festivalinitiator*innen Franz Knoppe und Jane Viola Felber. Gemeinsam mit ihrem Team und zahlreichen Partner*innen initiierten sie über das Medium des künstlerischen Erzählens Dialog, Begegnung, politische Debatte in und um Chemnitz.

Rechtspopulistische Narrative verbreiten sich, „die Leute gewöhnen sich an ihre eigenen Sätze“, wie Armin Nassehi, Autor und Soziologieprofessor der LMU München, in seinem Festvortrag „Narrative Authority. Wer spricht für wen?“ zur Eröffnung des Festivals betonte. Rassismus sei vor allem ein „Gewöhntwerden an eigene Sätze (...) Sie habitualisieren sich. Sie bekommen eine narrative Struktur. Das kann man nur überwinden, wenn andere Geschichten angeboten werden, wenn man sich vielleicht an andere Geschichten gewöhnen kann (...).“

Neue Blickwinkel – Einblicke in das Festivalprogramm

Ein weiterer „Protagonist“ des Festivals war der Chemnitzer Stefan Heym, einer der bedeutendsten deutschen Exil-Schriftsteller, Linksintellektueller und Publizist. Heym wurde als Puppe wiederbelebt und übernahm im Theater und auf eigens für das Festival gestalteten Wahlplakaten die Zeugenschaft seiner eigenen Zeit. Pop-Up-Stories entstanden live, während ihre Ideengeber*innen in den selbst kreierten Begegnungsräumen „Beauty Salon“, „Comic Store“ und „Game Lab“ mit Bürger*innen über Themen wie Migration, Flucht oder Stadt-Gesellschaft ins Gespräch gingen.

Ausstellungen wurden umgestaltet, Filmschauen, Stadtspaziergänge und politische Diskussionsrunden luden ein, eigene Blickwinkel zu überprüfen, neu zu ordnen, zu erweitern. Mit dem „European Balcony-Project“ wurde die europäische Republik ausgerufen, während dies an zahlreichen anderen Orten in Europa parallel passierte. Und es geschah noch viel mehr in diesen zurückliegen acht Festivaltagen.

Kulturproduktion als emotionale Übersetzung politischer Fakten

Unterschiedliche künstlerische Sicht- und Produktionsweisen verbinden sich zu narrativen Strängen, die Geschichte aufbrechen und neu erzählen, die in die Stadtgesellschaft hineinwirken und diese zugleich in ihrer historischen und gegenwärtigen politischen und sozialen Struktur neu befragen. Franz Knoppe ist davon überzeugt, „dass kulturelle Produktion bzw. kulturelle Bildung es schafft, eine emotionale Übersetzung von verschiedenen gesellschaftlichen Perspektiven bzw. (politischen) Fakten herzustellen. Das ist, was aktuell so wichtig ist. Es bedeutet zum Beispiel, dass nach den Ereignissen im August zunächst Gesprächsräume geschaffen werden mussten. Das wollen auch wir und ermöglichen es mit unserem Festival.“

Die Schultheaterkooperation „Wir. Wie?“

Auch das Schultheater-Projekt „Wir. Wie?“ war Teil von „Aufstand der Geschichten“. Im Rahmen einer städteübergreifenden Schultheaterkooperation bringen die Initiator*innen Celina Rahman (Programmleitung TUSCH Hamburg) und Franz Knoppe (Chemnitz, Projektleitung „nun“) Schüler*innen aus Hamburg, Chemnitz und Zwickau im Zeitraum von knapp zwei Jahren immer wieder zusammen. Die insgesamt sechs Kleingruppen entwarfen in den eigenen Städten bereits inhaltliche und ästhetische Zugänge zum Thema „neue unentd_ckte Narrative“ und stellten sie einander sowie einem öffentlichen Publikum im Rahmen einer Werkschau vor.

Ein „Schiff der Träume“, das sich im Sturm befindet, eine kraftvolle Ensemble-Choreografie, („Alltags“-)Rassismus an der Bushaltestelle, Mobbingsituationen oder der große Komplex „Menschsein“ wurden als unterschiedliche Erzählungen in den kurzen Aufführungen so für alle erleb- und reflektierbar. „Ich bin viel sensibler für politische Themen, seit ich Teil des Projekts bin. Und durch Theater können Menschen auf eine ganz besondere, andere Art und Weise erreicht werden“, beschrieb eine Teilnehmerin aus Hamburg das Projekt.

„Im Kontext von „Wir.Wie?“ kommen die Schüler*innen mit dem Thema Privilegien in Berührung. Sie hinterfragen ihre eigenen gesellschaftlichen Positionierungen, die oft unbewusst sind und brechen mit künstlerischen Mitteln und vor allem durch Begegnungen in neue Lebenswelten“, so Knoppe. Dies passiere aber nicht auf direkter Ebene wie etwa in Form von Workshops, sondern fließe eher indirekt ein, indem drei Städte zusammenkommen. „Die Hamburger*innen wollten gar nicht mehr gehen nach den gemeinsamen Tagen in Chemnitz, sie haben ein ganz anderes, neues Bild der Stadt bekommen. Trotz des 9. Novembers mit den tausenden Polizist*innen, wird eine Welt greifbar, die attraktiv ist und sich vom medialen Bild unterscheidet.“

Ermächtigung, demokratische Teilhabe und Gestaltbarkeit

Während der kulturellen Bildung lange Zeit Zweckfreiheit zugeschrieben wurde, wird aus dem Ansatz von „Wir.Wie?“ deutlich, dass daran gezweifelt werden darf. Häufig liegt ihr Potenzial nämlich genau in der Herstellbarkeit von Inszenierung und Rahmung sozialer Begegnung und politischer Teilhabe. Plötzlich befinden sich die jugendlichen Spieler*innen nicht nur auf der Theaterbühne, sondern inmitten ihrer eigenen Geschichten, die sie nicht nur kreieren, sondern selbst erleben.

Und genau hier tritt die politische Kraft des Erzählens zu Tage: Die jungen Menschen erfahren Ermächtigung, demokratische Teilhabe und Gestaltbarkeit. Franz Knoppe bringt jene Prozesse wunderbar auf den Punkt: „Die Geschichten machen klar, warum man Demokratie braucht, bzw. was die Funktion dahinter ist. Im Grunde geht es um ein Erlebbarmachen von Komplexität und Diversität durch das eigene ästhetische Erleben und eben nicht durch ein Theoretisieren.“

Mit dem „Aufstand der Geschichten“ wurde ein debattierendes Miteinander aller Interessierten*, Akteur*innen und Festivalmachenden* geschaffen. „Klug daran ist die Erfahrung, dass es eher Erzählungen als bloße Informationen sind, eher Erzählbarkeit als Erklärbarkeit, die die Position von Menschen ausmachen“, so Armin Nassehi über das Festivalkonzept. Auf doppelter Ebene wurde so Diversitätsbewusstsein sichtbar: Es spiegelt sich einerseits in der Struktur der Kulturinitiative selbst und bildet andererseits eine der Grundmaximen der inhaltlichen Linie des Festivalteams.

Im November 2019 soll das zweite im Rahmen von „nun“ geplante Festival mit vorläufigem Titel „Aufstand der Utopien“ stattfinden. Es wird das Thema retrospektive Utopien fokussieren und im Rück- und Ausblick erforschen, welche Utopie-Modelle heute relevant sind, welche zum Beispiel für Chemnitz funktionieren könnten und wie sie sich, eingebettet in kulturelle Rahmungen, erzählen lassen. Auch das Projekt „Wir. Wie?“, das über eineinhalb Jahre weiterentwickelt wird, soll dort in Form einer gemeinsamen Inszenierung aller Gruppen seinen Abschluss finden.

Weiterführende Literatur:

Amadeus Antonio Stiftung (Hrsg.): Toxische Narrative. Monitoring rechts-alternativer Akteure. Datenrecherche und Grafiken: Miro Dittrich, Cottbus 2017.

Theater der Zeit, Oktober 2018, Heft Nr. 10: Die Lehren aus Chemnitz, Franz Knoppe, der Chemnitzer Projektkoordinator des internationalen Kunstnetzwerks Grass Lifter im Gespräch mit Gunnar Decker.

Anja Schütze/ Jens Maedler (Hrsg.): Weiße Flecken. Diskurse und Gedanken über Diskriminierung, Diversität und Inklusion in der Kulturellen Bildung, kopaed 2017, München.

Krüger, Thomas & Dengel, Sabine: Partizipation als politischer Anspruch Kultureller Bildung, in: Hübner, Kerstin u.a. (Hrsg.): Teilhabe. Versprechen?! Diskurse über Chancen- und Bildungsgerechtigkeit, Kulturelle Bildung und Bildungsbündnisse, kopaed 2017, München, S.101-114.

Politik und Kultur, Zeitung des Deutschen Kulturrates, 4/18: Freunde oder Feinde? Das Verhältnis von politischer und kultureller Bildung (Dossier), Seiten 19-30.

Julia Opitz studierte Theater- und Medienwissenschaften und Erziehungswissenschaften. Sie arbeitete an verschiedenen Theaterhäusern in den Bereichen Dramaturgie und Theatervermittlung und entwickelte eigene performative Projekte mit Jugendlichen.Sie forschte u.a. an der Schnittstelle zwischen Bild-, Fotografie- und Performancetheorie. Derzeit schreibt sie kulturjournalistisch über Tanz und Theater mit Schwerpunkt junges Publikum und ist als Projektkoordinatorin im Bereich der Kulturellen Bildung bei STADTKULTUR Netzwerk Bayerischer Städte tätig.