Das Wunder von Lohberg

07.05.2019 Von: Elif Urel

Jugendlich auf einem Fahrrad
FIlmstill "Das Wunder von Lohberg"

Wer den ersten Film der geplanten Internetserie „Das Wunder von Lohberg“ sieht, erlebt als Zuschauer selbst ein kleines Wunder. Aus einem sogenannten Problemviertel von Dinslaken wird innerhalb einer Stunde ein Viertel voller bewegender und warmherziger Geschichten, erzählt von der Filmemacherin Ayşe Kalmaz. Geschichten, die dem Stadtteil Lohberg ein neues Image verleihen und dazu führten, dass seine Bewohner*innen endlich wahrgenommen werden.

Kaum betritt man in Lohberg den türkischen Supermarkt, strömen sofort vertraute Gerüche entgegen. Gerüche, die man aus der alten Heimat kennt: Es riecht nach Gewürzen aus Mamas Küche, nach Gemüse und nach der türkischen Haci Sakir Seife. Jene Gerüche sind es, die mitten im Ruhrgebiet noch so Vielen das Gefühl von Sicherheit geben, weil sie an die behüteten und weit entfernten Kindheitstage erinnern. Hier an der Kasse des Süpermarket müssen die Menschen einander nicht viel erklären, jeder versteht den anderen mit all seinen Gesten und Wortwitzen ihrer allerersten Heimat.

Nach außen wirkt Lohberg wie eine sogenannte Parallelgesellschaft. Gesellschaften, die sich nach Ansicht derer, die nicht mit zwei Kulturen jonglieren müssen, abschotten und sich nicht integrieren wollen. Man sieht am Marktplatz auf den ersten Blick vorwiegend dunkelhaarige Menschen, die sich gestikulierend auf türkisch unterhalten. Soweit das Äußere. Im Inneren gärt in Dinslaken-Lohberg mehr: das kollektive Gefühl der Ausgrenzung und gleichzeitig unglaublich viel kreatives Potenzial.

„Jeder soll zu Wort kommen“

Ayşe Kalmaz muss man hier nichts erklären. Die deutsche Filmemacherin mit kurdischen und türkischen Wurzeln hat das kreative Potential erfasst und es gemeinsam mit den Lohberger*innen auf die Schiene gebracht – in Form eines Pilotfilms der Serie „Das Wunder von Lohberg“. Der Film setzt sich aus einzelnen, kleineren Folgen zusammen und vermittelt als Filmstadt „Emscherwood“ so Stück für Stück einen Eindruck von dem Bergbauviertel. Der einstündige Film liefert einen umfassenden Abriss des Lebens in Lohberg – zusammengesetzt aus einzelnen Serienfolgen und verschiedenen Handlungssträngen. Jedes Element hat eine eigene Bildsprache, einen eigenen Stil und doch haben die einzelnen Elemente eines gemeinsam: Sie erzählen die Geschichte von der Heimat Lohberg - erzählt von denen, die dort leben.

„Aus den vielen Ideen, die wir beim ersten Brainstorming in einem Workshop zusammengetragen haben, sind viele verschiedene Filmelemente entstanden. In einem Element sollte es um die Vergangenheit gehen, in einem anderen wiederum um die Zukunft, dann um das Hier und Jetzt, in dem jeder zu Wort kommen soll“, so Kalmaz.

Dies passiert in den Kurzfilmen wie „Der Pate – Teil VIII“, gestaltet im Stil eines Mafiafilms auf dem Marktplatz oder eines Stummfilms, der die 100-jährige Geschichte des Bergbauviertels eindrucksvoll erklärt. „Das Wunder von Lohberg“ wird von sechs jungen Männern eröffnet, angeführt von Alican. Der 15-Jährige führt seine Crew mit leidenschaftlichem Rap-Gesang durch den Film und durch sein Lohberg. Zusammen mit seinen Jungs zieht er durch seine Straßen und klagt jene an, die sein Zuhause verurteilen. Einer von seiner Crew ist der 18-jährige Yavuz, der wie seine Freunde in dritter Generation in Deutschland lebt: „Manche sagen, dass man Lohberg nicht betreten kann. Und wir müssen ständig das schlechte Image ausbaden. Nur weil ich aus Lohberg komme, werden wir hier irgendwie nicht gehört. In der Schule, bei Behörden, überall. Das wollten wir ändern“.

Zwei Vereine unterstützten das Projekt

Das Image ihres Viertels zu ändern war das Herzensanliegen von mehr als 100 Lohberger*innen, die an dem Film mitgewirkt haben. Die Idee, aus ihrem Viertel eine Filmstadt zu machen, entstand in einem ersten Workshop. Es war einer der berühmten „Eigentlich sollte-man-mal“- Momente, die sich bei kreativen Menschen entzünden und oft durchsetzen. Aus jenem „Man-sollte-mal“ entstand nach den ersten Kontakten zu den Vereinen „Parkwerk“ und „King´s Sport“ Stück für Stück das Konzept der Serie. Die Vorstände jener Vereine haben als Produzenten und Unterstützer das „Wunder von Lohberg“ gemeinsam mit den vielen Freiwilligen und wenigen Filmprofis auf die Beine gestellt. „Eigentlich müsste man jetzt die Namen aller Lohberger aufschreiben, wenn man sagen will, wer dabei war“, erklärt der Produzent und Vorsitzender von „King´s Sport“, Mesut Yildirim, mit stolzer Brust.

Um den Film umzusetzen, musste zunächst die größte Hürde gemeistert werden: die Finanzierung. „Es gibt eine riesige Schlucht zwischen den Menschen, die das Potential haben und den komplizierten Förderstrukturen der Filmlandschaft“, erklärt Kalmaz. „Ich habe generell den Eindruck, dass migrantische Vereine weniger Chancen haben, Fördergelder zu generieren, um längerfristige Projekte zu realisieren. Auch bei den großen Dachverbänden ist es so, dass - je größer die Struktur wird-, umso mehr den Kontakt zu den Leuten verlieren, um die es geht. Dann wird alles wieder zur Bürokratie. Je größer die Bürokratie, umso größer die Hürde“, erklärt Kalmaz.

Sie war die entscheidende Brücke und nahm den Filmanfänger*innen die Scheu vor jener Bürokratie. „Fonds Soziokultur“, „Interkultur Ruhr“ und „Demokratie Leben“ förderten mit gut 40.000 Euro das Projekt. „Ohne die vielen Freiwilligen, ohne das Herzblut, ohne die Motivation aller wäre der Film mit dem Budget innerhalb eines Jahres nicht möglich gewesen“, so Kalmaz.

Das Engagement zahlte sich aus. „Na klar, es ist alles nicht perfekt hier. Aber wir haben jetzt auch mal die guten Seiten unserer Stadt gezeigt“, meint Yavuz stolz. Die jungen Filmemacher*innen fühlen sich seit der Filmpremiere im Frühjahr 2019 nun als Teil einer Gemeinschaft. „Ich habe auch das Gefühl, dass ein paar Lehrer jetzt auch netter zu uns sind. Die sind sogar richtig interessiert an uns und neugierig auf unseren Film.“, erklärt Yavuz. Nun hoffen alle Beteiligten, dass aus dem Film eine Netzserie wird.

Der Gewinn des ersten Films liegt schon jetzt auf der Hand: Es scheint erstmals ein „Uns“ zu geben und weniger ein „Die“ und „Wir“ – ein Gift, das spaltet, trennt und sich über Generationen hinweg ausgebreitet hat. Wie zerstörend es für Gesellschaften sein kann, wenn sich Menschen nicht zugehörig fühlen, spürt man im Film immer wieder deutlich bei dem Part „Der weiße Stuhl“, in dem die Lohberger*innen ihre Meinung frei aussprechen.

Die geballte Wut und Empörung der türkischen Mutter, die auf dem weißen Stuhl eine ganze türkische Einwanderergeschichte anklagt und all jene, die sie ablehnen: „Bizi niye istemiyorsunuz? Niye? Biz size ne yaptik? Warum wollt Ihr uns nicht? Warum? Was haben wir Euch getan?“, fragt sie mit dem Nudelholz in der Hand und den Tränen nah in die Kamera. Ihre angestaute Wut und Trauer versetzen dem Zuschauer einen Hieb in die Magengrube.

Lohberg ist überall

Es sind genau jene Stimmen, die exemplarisch für so viele ungehörte Stimmen stehen. Lohberg ist überall in Deutschland – das Land, das für die Meisten eine selbstverständliche Heimat ist. Und so fragt sich der Zuschauer im Laufe des Films, wie es möglich sein kann, dass sich so Viele doch nicht zugehörig fühlen und wie man das ändern kann. Die großen strukturellen und politischen Lösungen sind im Film nicht in Sicht. Stattdessen aber, dass die Menschen sicheren Boden unter den Füßen brauchen.

Das Wunder von Lohberg feierte am 01. Februar 2019 Premiere, natürlich auf Lohberger Boden. Mit jener Premiere ist für die vielen Freiwilligen die Hoffnung aufgekeimt, aus dem kleinen Piloten eine Serie zu machen. Unter „Emscherwood“ – dem Titel der Filmstadt, zu der Lohberg in dem Einstünder wird, sind die einzelnen Serien inzwischen auf YouTube zu sehen. Steht die Finanzierung und finden sich weitere Plattformen, dann soll für die Macher*innen die Filmreise durch ihre Nachbarschaft in Form von Fortsetzungen weitergehen. Eine Reise, die sich auch für alle außerhalb Lohbergs lohnen würde, weil sie Türen zu einer vielfältigen Heimat öffnet.

Elif Urel *1978 in Istanbul, hat Politikwissenschaft, Jura und Soziologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz studiert. Sie arbeitet als Journalistin für den Westdeutschen Rundfunk und für das ZDF. Sie lebt in Essen und berichtet aus dem Ruhrgebiet vor allem über deutsch-türkische Themen.